"Putzen ist vergnüglich, wenn man es richtig sieht"

Interview23. August 2016, 08:00
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Robert Wringham schlägt vor, dass wir die beiden Prioritäten des modernen Lebens – Arbeit und Konsum – neu überdenken. In seinem Buch "Ich bin raus" gibt der britische Autor Tipps für eine Selbstbefreiung aus den Zwängen des postindustriellen Zeitalters

STANDARD: Herr Wringham, Sie haben für Ihr Buch "Ich bin raus" den Entfesselungskünstler Harry Houdini als Leitbild gewählt. Was lernen wir von ihm?

Wringham: Houdini interessiert mich, weil ich ja selber ein Alleinunterhalter bin. Ich komme von der Stand-up-Comedy, jetzt aber habe ich ein ernstes Buch geschrieben. Und dadurch sehe ich auch Houdinis Stunts noch einmal anders. In seinem Zeitalter, vor hundert Jahren, kamen viele neue Technologien, von denen man glaubte, sie würden das Leben leichter machen: das Telefon, das Auto. Sie haben uns aber auch gefangen gesetzt.

STANDARD: Früher standen Sie auf der Bühne, machten Witze. Jetzt wollen Sie die Welt verbessern?

Wringham: Ich bin raus ist mein erstes Buch, mit dem ich wirklich etwas erreichen will. Ich hoffe aber, dass es auch humorvoll ist.

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STANDARD: Am ehesten gehört es wohl in ein Fach, das man als Lebensberatung bezeichnen könnte.

Wringham: Ja, das ist es. Es soll eine Ethik sein. Tim Ferriss, der ein Buch über die Vierstundenwoche geschrieben hat, interessiert sich sehr für Stoiker wie Seneca. Ich mache auch praktische Philosophie. Ich schlage vor, dass wir unsere zwei wesentlichen Prioritäten überdenken: Arbeit und Konsum. Es scheint, als würde diese Kombination zunehmend mehr Menschen unglücklich machen. Ich habe in Büros gearbeitet, habe eine Ausbildung zum Bibliothekar, aber das wollte ich nicht 40 Jahre lang machen.

STANDARD: An wen wenden Sie sich? An alle gleichermaßen?

Wringham: Ich gehe von Lesern aus, die nicht glücklich sind. Sie sind mutmaßlich irgendwo angestellt und haben einen Bürojob. Leute, die mit den Händen arbeiten, haben meiner Erfahrung nach nicht so ein Bedürfnis, sich zu entfesseln. Ich möchte die Idee der Arbeitsethik überwinden helfen.

STANDARD: Aber ist das nicht ein Minderheitenprogramm? Gut, Sie haben ein Buch geschrieben und können es sich leisten, nicht mehr ins Büro zu gehen. Aber diese Lösung steht ja nicht allen offen.

Wringham: Ich hatte davor auch schon ein Magazin mit dem Titel The New Escapologist gegründet, und das Buch hat mich nicht reich gemacht. Ich muss genauso sehen, wie sich das alles ausgeht.

STANDARD: Also, ganz konkret: Was tun Sie, und was tun Sie nicht?

Wringham: Genau so muss man die Frage stellen, denn das hängt zusammen: Was ich positiv tue, ist genau so wichtig wie das, wo ich nicht mitmache. Also: Ich habe kein Auto. Das ist schon einmal grundlegend. Ich gehe sehr viel zu Fuß. Ich habe kein Haus, sondern wohne zur Miete. Und ich habe kein Mobiltelefon. Das sind die drei wesentlichen Neins. Wenn ich ein Problem habe, gehe ich spazieren. Wir haben auch keinen Fernseher, gehen aber in Programmkinos. Ich schaue mir europäische Filme an, die in Glasgow kaum jemand sehen will. Die sind billig. Wir lesen einander auch vor, ich und meine Frau.

STANDARD: Das klingt alles sehr beschaulich. Allerdings könnte man fragen, wo die Menschheit heute stünde mit so einem Modell. Vielleicht braucht es ja diese Energie, die der Kapitalismus durch Schulden und durch die Anreize großen Reichtums entfesselt?

Wringham: Im Buch Die Rückkehr zum menschlichen Maß des Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher steht alles drin. Die industrielle Revolution hat viele Probleme gelöst, aber auch viele geschaffen. Wir sind aber jetzt an einem Punkt, an dem wir vieles neu durchdenken können, denn die industrielle Revolution ist vorbei, viele alte Technologien fallen weg, und wir müssen sehen, dass wir sie durch gute neue ersetzen.

STANDARD: Viele davon werden Informationstechnologien sein.

Wringham: Heute geht es darum, die Technologien richtig zu nützen. Die meiste Kommunikation ist so überflüssig. "Bin gleich da!" Das schreiben Leute wohl am öftesten. Wozu? Sie sind ja eh gleich da. Heute in einen Bus in London zu steigen könnte einem das Gefühl geben, in einen Science-Fiction-Film zu geraten: Alle starren auf diese Dinger.

STANDARD: Sie befürworten ein Grundeinkommen für alle und nennen eine überraschend niedrige Summe. Kann man von 600, 700 Euro im Monat leben?

Wringham: Ich habe das auch an meinen eigenen Kosten gemessen, die sehr niedrig sind. Es ist zwar ein Klischee, wenn man sagt, dass die besten Sachen im Leben nichts kosten. Aber es stimmt doch. Wir schätzen das nämlich falsch ein, was am Reichtum so toll ist. Reiche Menschen können sich vor allem eines leisten: Zeit und Gesundheit. Die teuren Schuhe sind eine Draufgabe.

STANDARD: Ein zentraler Satz in Ihrem Buch lautet: Wir sind dazu geboren, frei zu sein. Das wurde zuletzt wieder ziemlich stark bestritten, z. B. von Hirnforschern.

Wringham: Ich halte es da mit Sartre. Er sagt: Wir sind wesentlich frei, und wenn man das leugnet, macht man es sich bequem. Die Position der Freiheit ist die anspruchsvollere, und deswegen sollten wir sie einnehmen.

STANDARD: In einer Hinsicht scheint Ihr Buch sehr gut in einen Trend zu passen: Überall ist die Rede von Kreativwirtschaft, von einer Arbeit, die so tut, als wäre sie eigentlich ein besseres Hobby, und die Firmenzentralen der digitalen Giganten wirken wie Ferienheime.

Wringham: Automatisierung und Outsourcing weisen eindeutig in diese Richtung. Das ist nicht für alle toll, aber es ist insgesamt eine große Gelegenheit.

STANDARD: Der klassische Einwand gegen Ihre Vorschläge kommt im Buch natürlich auch vor: Wer würde die Straßen säubern und die Pflegepatienten betreuen, wenn alle das Weite suchen würden? Konkret ließe sich auch fragen: Wer putzt Ihre Wohnung?

Wringham: Ich mache daheim selber sauber. Putzen ist vergnüglich, wenn man es richtig sieht. Staubfegen kann sehr meditativ sein. Und es ist eine Tätigkeit, die den Vorteil hat, dass man gleich ein Ergebnis sieht. Es hat etwas für sich, für diese Dinge selbst die Verantwortung zu übernehmen.

STANDARD: Okay, wie verhält es sich dann aber mit Pflege oder Müllabfuhr? Alle sollten nicht aussteigen.

Wringham: Keine Frage. Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Straßenkehrer, das sind Berufe, die man finanziell und moralisch aufwerten sollte. Dann müsste man sich auch nicht danach sehnen, sie aufzugeben. Arbeit hat einen Sinn, sie ist aber nicht nur Lebenserhalt, sondern hat auch einen Gemeinschaftsaspekt.

STANDARD: Das deutet aber doch darauf hin, dass Ihr eskapologisches Programm etwas für eine qualifizierte Minderheit ist. Oder gar ein etwas elitäres Projekt.

Wringham: Ich biete etwas sehr Pragmatisches, es geht mir nicht um eine soziale Utopie, sondern um einen Einstieg, der es einem ermöglichen könnte, bestimmte Dinge für sich zu erreichen.

STANDARD: Ich musste an Hipsterprojekte denken, mit denen man es in modernen Großstädten zu tun hat. Da werden dann, oft von "rich kids", schräge Biere gebraut ...

Wringham: Hipster sind auf dem halben Weg zu den noblen Berufen. Sie begreifen, dass Gewerbe etwas Wertvolles ist, sie bewahren Wissen, sie kümmern sich um traditionelles Handwerk.

STANDARD: Kann man mit Mozzarella von Hand die Welt retten?

Wringham: Craft-Beer oder Mozzarella, es ist in jedem Fall ein Punkt zu einem Neubeginn. Man fragt sich: Was kann ich? Cupcakes? Na dann. Los geht's. (Bert Rebhandl, 23.8.2016)

Robert Wringham (34) begann als Bühnenkomiker und ist heute vor allem als Autor erfolgreich. Das von ihm gegründete Magazin "New Escapologist" widmet sich Auswegen aus dem Arbeitstrott. "Ich bin raus" (Heyne Encore 2016) ist sein drittes Buch. Er lebt in Glasgow und Montreal.

wringham.co.uk

  • Der britische Buchautor und Komiker Robert Wringham gibt Anleitungen zum Einstieg in den Ausstieg. Dabei geht es ihm nicht um eine soziale Utopie, sondern um die Möglichkeit, bestimmte Dinge  für sich zu erreichen. Frei nach Sartre: Die Position der Freiheit ist die anspruchsvollere, deswegen sollten wir sie einnehmen.
    foto: stuart crawford photography

    Der britische Buchautor und Komiker Robert Wringham gibt Anleitungen zum Einstieg in den Ausstieg. Dabei geht es ihm nicht um eine soziale Utopie, sondern um die Möglichkeit, bestimmte Dinge für sich zu erreichen. Frei nach Sartre: Die Position der Freiheit ist die anspruchsvollere, deswegen sollten wir sie einnehmen.

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