Amazon testet Paketstationen an Tankstellen

22. August 2016, 12:53
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Amazon verbündet sich mit Shell und errichtet Abholcontainer an Tankstellen. Über ein Österreich-Engagement schweigt man

Es gibt offenbar nichts, was Amazon nicht versucht, um seine Marktposition zu verteidigen, dabei die Kosten so gering wie möglich zu halten und von Paketdiensten unabhängig zu werden. Letzter Coup nach Lebensmittelzustellung und dem Versuch, Packerl bis zu zwei Kilogramm mittels Drohnen abzuwerfen: sogenannte Locker-Stationen an Tankstellen. Der weltgrößte Onlinehändler ist dafür eine Kooperation mit dem britischen Ölkonzern Shell eingegangen, berichtet das "Handelsblatt".

Derzeit beschränkt sich das Angebot auf zehn Tankstellen in München. Kunden haben die Möglichkeit, binnen dreier Werktage ihre Ware mit einem Gewicht bis zu 4,5 Kilogramm abzuholen. Sollte das Experiment gelingen, plant Amazon eine deutschlandweite Expansion im dreistelligen Bereich. Auf die Frage, ob ein ähnliches System für Österreich geplant sei, hält man sich bedeckt: "Dazu werden wir uns zu gegebener Zeit äußern", heißt es von Amazon auf Anfrage. Shell Österreich jedenfalls hege keine derartigen Pläne, sagt eine Unternehmenssprecherin zum STANDARD.

Konkurrenz für Platzhirsche

Die ockerfarbenen Container ähneln erstaunlich den Abholstationen von DHL, einer Deutsche-Post-Tochter, und werden von Branchenkennern nicht nur deshalb als Frontalangriff auf die Platzhirsche der Paketzustellung, DHL, Hermes und UPS, gewertet. Immerhin ist jedes siebente Paket in Deutschland eine Amazon-Bestellung. Shell unterhält in Deutschland rund 2.000 Tankstellen.

Wie andere Ölkonzerne leidet Shell unter der sinkenden Treibstoffnachfrage. Das Amazon-Angebot wird daher auch als neuer Frequenzbringer gesehen: "Die Amazon-Packstationen passen sehr gut zu unserer globalen Strategie", zitiert das "Handelsblatt" Istvan Kapitany, bei Shell für das weltweite Tankstellen-Geschäft zuständig. Andere Vorteile für Kunden liegen ebenfalls auf der Hand: Oftmals sind Tankstellen rund um die Uhr geöffnet, es gibt reichlich Parkmöglichkeiten, und wenn nötig kann auch gleich das Auto aufgetankt werden.

Seit 2013 arbeitet Amazon an seinen Plänen, Waren binnen einer halben Stunde mithilfe von Drohnen zuzustellen. In den USA beißt das Unternehmen bislang aufgrund der strengen und noch unausgereiften Regulierungsvorgaben auf Granit. Einen Lichtblick gibt es in Europa. Im Juli erteilte die britische Luftverkehrsaufsicht CAA Amazon eine entsprechende Genehmigung für Tests. Für Amazon ein optimistisches Zeichen. Der Konzern kündigte an, Lieferdrohnen bereits im kommenden Jahr einzusetzen.

Rekordzahlen im Quartal

In Berlin und München bietet Amazon mit Amazon Now eine Einstundenlieferung an. Geliefert wird vornehmlich mit Fahrrädern. Für den Frachtverkehr setzt Amazon mittlerweile auch Flugzeuge mit eigener Lackierung ein. Die "Amazon One" ist die erste Maschine der geplanten Flotte "Prime Air", zu der künftig 40 Flugzeuge gehören sollen. Sie gehört allerdings nicht Amazon, sondern ist von der Fluggesellschaft Atlas Air geleast.

In den Bilanzen waren schwarze Zahlen bei Amazon lange eine Seltenheit. Nun legte der Konzern im dritten aufeinanderfolgenden Quartal eine neue Bestmarke hin. Der Überschuss kletterte im Jahresvergleich von 92 auf 857 Millionen Dollar. Mehr als 60 Milliarden Dollar ist Amazon-Chef Jeff Bezos mittlerweile wert – und somit der drittreichste Mensch der Welt.

Die wiederholten Streiks der Amazon-Mtarbeiter seit Mai 2013 sprechen eine andere Sprache. Die Gewerkschaft fordert seit Jahren die Aufnahme von Tarifverhandlungen für die etwa 10.000 Beschäftigten von Amazon Deutschland und will die Konditionen des Versand- und Einzelhandels durchsetzen. Das Unternehmen sieht sich jedoch als Logistikkonzern und verweist auf eine Bezahlung am oberen Ende des in dieser Branche Üblichen. (red, 22.8.2016)

  • Amazon-Kunden in München können ihre Pakete bei ausgewählten Tankstellen abholen. Ist der Probebetrieb erfolgreich, soll das Angebot ausgeweitet werden.
    foto: reuters/mike segar

    Amazon-Kunden in München können ihre Pakete bei ausgewählten Tankstellen abholen. Ist der Probebetrieb erfolgreich, soll das Angebot ausgeweitet werden.

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