Staatsanwalt in Eisenstadt: "Im ganzen Team war eine Entschlossenheit da: Das pack ma!"

Interview26. August 2016, 07:10
17 Postings

Johann Fuchs, der leitende Staatsanwalt in Eisenstadt, blickt zurück auf die turbulenten Augusttage des Vorjahrs, als die 71 Toten gefunden, geborgen und identifiziert wurden. Und wie man durch internationale Vernetzung so rasch der Täter habhaft werden konnte

STANDARD: Der 27. August 2015 war, euphemistisch gesagt, ein turbulenter Tag. Wie haben Sie als Chef der zuständigen Staatsanwaltschaft diesen Tag erlebt?

Fuchs: Für mich ist es um die Mittagszeit turbulent geworden. Ich habe einen Anruf bekommen, dass im Bereich Parndorf ein LKW mit vielen Leichen, mindestens 20, aufgefunden wurde. Ein Satz hat sich besonders eingebrannt: Der ganze Boden ist voll mit Leichen! Ich habe sofort die Gerichtsmedizin in Wien vorinformiert, weil es klar war, dass man ein größeres Institut braucht.

STANDARD: Der Fall war komplex. Schnell war klar, dass es mehr als 20 Leichen waren. Und mehrere Länder waren involviert, auch ermittlungstechnisch. Wie ist das Verfahren angelaufen?

Fuchs: Es war entscheidend, dass wir sorgfältigst vorgehen bei der Erfassung der Leichen und ihrer Habseligkeiten. Mit der Gerichtsmedizin haben wir uns darauf verständigt, für die Entladung die Kühlräume der Veterinärhalle am Grenzgelände in Nickelsdorf, die erst reaktiviert werden mussten, zu verwenden. Dort war dann auch ein DVI-Team (Desaster Victim Identification; Anm) des Innenministeriums. Die Professionalität des ganzen Teams war dann auch die Grundlage dafür, dass 70 der 71 Leichen zweifelsfrei identifiziert werden konnten.

STANDARD: Sie waren in dieser Nacht auf den 28. August dabei in Nickelsdorf? Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Fuchs: Es ist schwer zu beschreiben. Man hat eine Aufgabe, die man so noch nie gehabt hat. Und man hat dabei Umstände, die man so noch nie erlebt hat. Anwesend war auch ein psychologisches Betreuungsteam der Polizei. Das war wichtig. Andererseits war ein Konsens da im ganzen Team, eine Entschlossenheit: Das pack ma! Natürlich war die Geruchsentwicklung unglaublich. Die Leichen waren länger als einen Tag in dem LKW bei dieser großen Hitze. Ohne konkrete Aufgabe wäre es viel schwieriger gewesen, das alles zu verkraften.

STANDARD: Noch in der Nacht auf den 28. August sind die ersten Festnahmen erfolgt. Und die waren treffsicher, demnächst startet der Prozess in Kecskemét. Wie war das so schnell möglich?

Fuchs: Schon am Abend des 27. August gab es Festnahmen. Dann sind die Personaldaten durchgegeben worden, und wir haben noch in der Nacht europäische Haftbefehle für alle fünf Verdächtigen erlassen. Das war notwendig, damit diese dauerhaft festgehalten werden konnten. Es war damals ja noch nicht klar, dass Ungarn zuständig sein wird.

STANDARD: Als sich das herausgestellt hat, waren Sie erleichtert?

Fuchs: Erleichtert ist das falsche Wort. Grundsätzlich gibt es eben eine Zuständigkeit der ungarischen Behörden. Eine Auslieferung der Tatverdächtigen an Österreich war ab dem Zeitpunkt, als klar war, dass der Todeseintritt in Ungarn passiert ist, nicht zu erwarten. Wir haben mit unserer Ermittlungsarbeit den Ungarn zugearbeitet.

STANDARD: Wie war die Kooperation mit den Ungarn? Die ist damals ja ziemlich ins Gerede gekommen.

Fuchs: Das hat sehr gut funktioniert. Eine wesentliche Grundlage ist hergestellt worden über Euro-Just. Das ist eine in Den Haag angesiedelte Agentur, die die EU-weite Zusammenarbeit von Gerichten und Staatsanwaltschaften koordiniert. Das geht rasch und unkompliziert, über Telefon und E-Mail. Es war ja nicht nur Ungarn betroffen, sondern auch Deutschland, Bulgarien, Serbien, die Slowakei.

STANDARD: Die Polizeiarbeit ist auch über Den Haag gelaufen?

Fuchs: Über EuroPol, die auch in Den Haag ansässig ist. Eine Konsequenz dieser Tragödie war übrigens auch der Ausbau des Büros für Schlepperei und Menschenhandel beim Bundeskriminalamt. Es ist in Kooperation mit EuroPol zu einem zentralen Büro ausgebaut worden, um sehr rasch Polizeibeamte aus diversen Mitgliedsstaaten zusammenzuführen.

STANDARD: Befördern solche Kooperationen Ihrer Einschätzung und Erfahrung nach die Sicherheit mehr als geschlossene Grenzen, die ja auch eine Reduktion der Kooperation nach sich ziehen würden?

Fuchs: Wir im Burgenland sind in einer Grenzregion. Für uns ist die internationale Kooperation ausgesprochen wichtig, vor allem, dass diese rasch geht, ich möchte fast sagen informell. Wir wollen ja Hintergründe aufklären. Ganz wichtig ist uns etwa, auch die vermögensrechtliche Lage abzuklären. Die Wertschöpfung, die mit Schlepperei erzielt wird, ist immens. Und unser Anspruch ist, auch an diese Wertschöpfung heranzukommen im Rahmen des Strafverfahrens. Als Staatsanwaltschaft Eisenstadt oder auch österreichische Justiz erzielt man da relativ wenig, weil die Wertschöpfung ja nicht hier gemacht wird. Ein Zugriff ist überhaupt nur denkbar, wenn eine europaweite Zusammenarbeit stattfindet.

STANDARD: Wieviele Schlepperfälle gab und gibt es im Bereich der Staatsanwaltschaft Eisenstadt?

Fuchs: Wir haben 2015 rund 600 Schleppereiverfahren geführt. Heuer merken wir einen Rückgang, allerdings liegt der Prognosewert immer noch deutlich über 2014.

STANDARD: Auffällig im Vorjahr war auch die offensive Öffentlichkeitsarbeit von Polizei, aber auch der Staatsanwaltschaft in diesem Fall. Wie wichtig ist es, die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten, soweit das ermittlungstaktisch halt möglich ist?

Fuchs: Uns war klar, dass es hier ein großes Informationsbedürfnis gibt. Es war ja das erste Schleppereidrama dieser Größenordnung in Mitteleuropa. Natürlich ist die Medienarbeit nicht unsere Hauptarbeit. Aber es war uns allen klar, dass wir dieses besondere Verfahren mit einer besonderen Medienarbeit begleiten müssen.

STANDARD: Mehr als besonders war aber auch die Weitergabe eines Fotos des geöffneten Lkws an die Kronen Zeitung. Da laufen Ermittlungen. Bis wann darf man mit Ergebnissen rechnen?

Fuchs: Es war nicht ganz einfach, weil dieses Bild aus dienstlichen Notwendigkeiten sehr weite Kreise gezogen hat. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir bald Ergebnisse präsentieren können.

STANDARD: Bald heißt?

Fuchs: Bald heißt: früher Herbst. (Wolfgang Weisgram, 26.8.2016)

Johann Fuchs (51) war bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, seit 2013 leitet er die Anklagebehörde am Landesgericht Eisenstadt.

  • "Es ist schwer zu beschreiben. Man hat eine Aufgabe, die man so noch nie gehabt hat. Und man hat dabei Umstände, die man so noch nie erlebt hat", sagt Johann Fuchs, leitender Staatsanwalt in Eisenstadt, über die Ermittlungen zu den 71 Toten in einem Schlepper-Lkw.
    foto: apa/schlager

    "Es ist schwer zu beschreiben. Man hat eine Aufgabe, die man so noch nie gehabt hat. Und man hat dabei Umstände, die man so noch nie erlebt hat", sagt Johann Fuchs, leitender Staatsanwalt in Eisenstadt, über die Ermittlungen zu den 71 Toten in einem Schlepper-Lkw.

Share if you care.