Unser täglich Bruckner gib uns

21. August 2016, 20:55
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Die Wiener Philharmoniker mit Mariss Jansons

Salzburg – Es ist ein wenig wie beim Märchen vom Hasen und vom Igel: Immer wenn man im Sommer nach Salzburg kommt, sind die Wiener Philharmoniker schon da und spielen Bruckner. Die Symphonien des frommen Einzelgängers zählen mit jenen seiner Kollegen Beethoven und Brahms zu den musikalischen Grundnahrungsmitteln des Orchestervereins: Unser täglich Bruckner gib uns heute. Ein Grundnahrungsmittel, das bei den Wienern jedoch zur Delikatesse, zur himmlischen Speisung werden kann. Doch davon später.

Denn vor dem Bruckner war Mozart und vor dem Mozart zehn Minuten Stromausfall. Als die Lichter wieder angingen und das Konzert beginnen konnte, blieb die große Erleuchtung aber erst einmal aus. Mariss Jansons präsentierte das Es-Dur-Klavierkonzert KV 482 als adrettes Biedermeieridyll à la Waldmüller, grazil, elegant und mit schwachbrüstigen Tutti.

Solist Emanuel Ax gab sich im Kopfsatz auf dezente Weise verspielt, mit dem soignierten Elan älterer Herren: Die sanft perlenden Läufe hätten sich ideal als Hintergrundmusik für Champagnerempfänge geeignet. Wundervoll allerdings der langsame Satz, den der US-Amerikaner schlicht und innig erzählte, wie auch die Zugabe des 67-Jährigen, Chopins melancholische Valse in a-Moll.

Durchtrainierte Sechste

Beim Bruckner war dann alles anders. Wie licht, durchhörbar und dynamisch Jansons hier musizieren ließ! Die Sechste: wie frisch gewaschen; schlank, durchtrainiert. (Und im Gegensatz zur watteweichen, leicht narkotisierenden Akustik des Musikvereins hört man im Großen Festspielhaus auch wirklich jeden Ton.) Belebend auch die abrupten Wechsel der Farben und der Emotionen: Dem mehr als soliden Blech erlaubte Jansons etwa zu Beginn des Finalsatzes eine Härte von Harnoncourt'scher Radikalität. Überirdisch schön und mit einer Seelen öffnenden Innigkeit und Differenziertheit musizierten aber wieder einmal die Streicher: musikalische Feinarbeit von einzigartiger Qualität.

Der langsame Satz der Sechsten ist ganz Sehnen und Schwärmen, und kaum ein Orchester schwärmt und sehnt sich auf rührendere Weise als die Philharmoniker. Bruckner und die Wiener: 2017 wieder? Überredet. Begeisterung im Festspielhaus. (end, 21.8.2016)

  • Dirigent Mariss Jansons begeisterte mit Anton Bruckner.
    foto: apa

    Dirigent Mariss Jansons begeisterte mit Anton Bruckner.

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