Hugo Awards zwischen Velociraptorensex und Rückkehr zur Normalität

21. August 2016, 18:04
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N. J. Jemisin erhält Preis für besten Science-Fiction-Roman, "Der Marsianer" zum besten Film gewählt

foto: ap/dc entertainment
Die Ausgabe zum 25-jährigen Jubiläum der "Sandman"-Reihe von Neil Gaiman wurde als bestes Comic ausgezeichnet.

Kansas City – Als das britische Natural Environment Research Council im März diesen Jahres bekannt gab, dass die Öffentlichkeit über den Namen eines neuen Forschungsschiffs abstimmen sollte, mussten sich die Wissenschafter hinterher den Vorwurf gefallen lassen, naiv gewesen zu sein. Ein Spaßvogel schlug "Boaty McBoatface" vor und prompt stimmte die Schwarmintelligenz des Internets in ihrer unergründlichen und zugleich erwartbaren Weisheit dafür. Das war so etwas Ähnliches wie lustig – wenn auch auf die gleiche Art wie Unterstufenschüler, die bei der Klassensprecherwahl Shrek oder Kim Kardashian auf den Stimmzettel schreiben.

Mit einer weitaus hässlicheren Form dieses Effekts – kombiniert mit Eigenmarketing, Provokation um der Provokation willen und purer Macht- und Zerstörungslust – musste sich in den vergangenen beiden Jahren die Science-Fiction-Gemeinde herumschlagen. Anlass: Die Wahl der Hugo Awards, der von Fans gekürten Preise für die besten SF-Werke. Was sich 2015 noch als weltanschauliche Kontroverse gegeben hatte (hier die Nachlese), zeigte sich heuer endgültig als das, was es eigentlich war: ein gezielter Angriff reaktionärer – oder auch nihilistischer – Trolle auf den renommiertesten Preis der SF-Welt. Und auch heuer wurde dieser wieder abgewehrt.

Die besten Erzählungen

Auf der in Kansas City abgehaltenen SF-Worldcon erhielt US-Autorin N. K. Jemisin für "The Fifth Season" den Preis für den besten Roman. Es ist der Beginn einer Trilogie, die auf einer Welt angesiedelt ist, die von einem langzyklischen Klimawandel mit katastrophalen Folgen geprägt ist. Der zweite Teil, "The Obelisk Gate", ist diese Woche erschienen. Anders als die "Inheritance"-Trilogie, mit der Jemisin bekannt wurde, ist die "Broken Earth"-Trilogie vorerst aber nur auf Englisch erhältlich.

Zu Jemisins Konkurrenten in der Romankategorie gehörten unter anderem Naomi Noviks Fantasyroman "Uprooted", der im Mai den Nebula Award erhalten hatte, und Neal Stephensons monumentale Zukunftssaga "Seveneves" (Deutsch: "Amalthea").

foto: ap/dc entertainment
Ausschnitt aus "The Sandman: Overture Deluxe Edition" von Neil Gaiman und Illustrator J.H. Williams III.

Den Preis für die beste Novelle erhielt Nnedi Okorafor für das Weltraumabenteuer "Binti", auch wenn dieses die Schwächen der nigerianisch-US-amerikanischen Autorin in Sachen Konstruktion deutlicher werden lässt als ihre längeren Erzählungen. Als beste Novellette wurde das in "Uncanny" erschienene "Folding Beijing" von Hao Jingfang ausgezeichnet, als beste Kurzgeschichte "Cat Pictures Please" von Naomi Kritzer, das in "Clarkesworld" erschienen ist. Beide Erzählungen können über die verlinkten Titel gratis im Volltext gelesen werden.

Den Preis für die beste graphische Erzählung – sprich: das beste Comic" – erhielten Neil Gaiman und Illustrator J.H. Williams III für "Overture", die Jubiläumsausgabe von Gaimans 1989 gestarteter, von Metaphysik und Mythologie geprägter "Sandman"-Reihe. Der britische Starautor nutzte seine per Video eingespielte Dankesrede, um seine Meinung über die Troll-Attacken gegen die Hugo Awards kundzutun, und nahm sich dabei kein Blatt vor den Mund.

foto: ap/twentieth century fox
Andy Weirs "Der Marsianer" blieb weiter auf Preiskurs.

In der Kategorie bester Film setzte sich der Astronauten-Blockbuster "The Martian" gegen "Avengers: Age of Ultron", "Ex Machina", "Mad Max: Fury Road" und "Star Wars: The Force Awakens" durch. Und US-Autor Andy Weir, der die literarische Vorlage für den Film geschrieben und mit diesem Buch einen Sensationserfolg gelandet hatte, erhielt den John W. Campbell Award für den besten neuen Autor.

Meet the trolls

In zwei Kategorien stimmten die SF-Fans dafür, keinen Preis zu vergeben, beim besten Fancast und dem besten SF-bezogenen Sachbuch: Hier standen nur Werke zur Auswahl, die aus dem Verlag oder dem direkten Umfeld von Theodore Beale alias "Vox Day" stammen, einem christlich-reaktionären Kleinverleger und Videospieldesigner aus den USA – und zugleich dem Initiator des Troll-Angriffs auf den Hugo Award.

2015 hatten Beale und seine Anhänger, die "Rabid Puppies", mit einem vorgefertigten Stimmzettel die Hugo-Kategorien mit ihren Nominierungen überschwemmt – waren dann bei der Preisverleihung aber leer ausgegangen, weil die Fans entweder für die verbliebenen Nicht-Puppy-Kandidaten oder für "kein Preis" stimmten. Heuer war die Blocknominierung nicht mehr in einem so großen Umfang erfolgreich, einige Kategorien strotzten aber erneut vor Kandidaten, die keiner Erwähnung wert sind.

Unterschiede zu 2015

Der große Wirbel von 2015 ("Puppygate") hatte sich aber weniger um die Rabid Puppies als um eine ältere und größere Gruppe, die "Sad Puppies", gedreht. Diese Initiative von gemäßigt-konservativen bis durchaus auch reaktionären Autoren und Fans äußert sich seit Jahren negativ über die ihrer Meinung nach zu weit gegangene Diversifizierung der Science Fiction (von Stil und Inhalt der Werke bis zu Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung der Romanfiguren) und plädiert für eine Rückkehr zu "alten Werten".

2015 waren Sad und Rabid Puppies mit praktisch identischen Stimmzetteln im Einklang marschiert. Heuer setzten die Sad Puppies, die stets versuchten, sich vom extremistischen Beale abzugrenzen, auf eine ehrenwertere Strategie und ließen öffentlich eine lange Liste von Nominierungsvorschlägen sammeln, aus denen sich jeder Fan seine individuellen Anregungen holen konnte, anstatt intransparent einen Einheitsstimmzettel auszumauscheln. Kurz: Sie taten das gleiche wie alle anderen Fangruppen auch. Und mussten wie diese im Jahr davor feststellen, wie schnell man gegenüber einer geschlossen vorgehenden kleinen Gruppe wie den Rabid Puppies ins Hintertreffen gerät: Auf dem im Frühling präsentierten Stimmzettel fand sich praktisch nichts von den Sad Puppies wieder, obwohl diese stets lautstark behauptet hatten, sie würden für die schweigende Mehrheit der SF-Fans sprechen.

Dass sich dafür auf der langen Vorschlagsliste, die sie von ihren Anhängern erstellen hatten lassen, ironischerweise auch erklärte Puppy-Feindbilder wie die Autorin Ann Leckie ("Die Maschinen") befanden, zeigt vor allem eines: Wie substanzlos das Gerede von einer ideologischen Kluft innerhalb des SF-Fantums letztlich war. Das kann man immerhin als tröstliche Botschaft werten. Die Sad Puppies waren 2015 Mittel zu Theodore Beales Zweck, mehr nicht. Und sie sind nicht die Verkörperung der Mehrheit, sondern nur eine von vielen Strömungen innerhalb des Fantums – mit mehr Überschneidungen als gedacht.

Das Phänomen Chuck Tingle

Beale hatte heuer – wenn auch letztlich erneut erfolglos – auf eine etwas andere Strategie gesetzt. Neben Eigenpromotion (er ließ sich selbst als besten Herausgeber nominieren und stopfte andere Kategorien mit Titeln aus seinem Verlag voll) versuchte er die Hugo Awards auch durch pseudolustige Nominierungen wie "My Little Pony" in der Kurzfilm- bzw. Serienkategorie zu desavouieren.

In einem Fall wurde diese Taktik allerdings zum Bumerang: In der Kurzgeschichtenkategorie nominierte Beale – wohl um sich über die Genderdiversifizierung innerhalb der SF lustig zu machen – "Space Raptor Butt Invasion" des Kindle-Stars Chuck Tingle (Inhalt übrigens: ein Astronaut erhält auf seinem einsamen Posten Besuch von einem außerirdischen Velociraptor und lässt sich von diesem bereitwillig durchnudeln). Aber das Internetphänomen Chuck Tingle, Pseudonym eines unbekannten Autors bzw. einer Autorin, lässt sich nicht so leicht für fremde Zwecke einspannen.

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Kleiner Einblick in die Wunderwelt von Chuck Tingle.

Tingle veröffentlicht seit einigen Jahren im Selfpublishingverfahren fließbandmäßig kurze Erzählungen, die unter "schwule Nischen-Erotik" fallen. Was mit Dinosauriern und Bigfoot begann, hat sich seitdem sukzessive ausgeweitet. Mittlerweile kann buchstäblich alles im Hinterteil seiner Protagonisten landen, wie Titel wie "Slammed In The Butthole By My Concept Of Linear Time", "Pounded in the Butt by My Own Butt" oder dessen Sequel "Pounded in the Butt by My Book 'Pounded in the Butt by My Own Butt'" zeigen. Das hat sich inzwischen zu einem Gesamtkunstwerk entwickelt, das weit über ein Nischenpublikum hinaus bekannt und beliebt geworden ist – auch wenn die Buchideen meist lustiger sind als die schematische (und nicht allzu detailreiche) Ausführung.

Dafür hat Tingles Porno-Oeuvre satirische Qualitäten. Vor kurzem erst amüsierte sich "Harry Potter"-Autorin J. K. Rowling öffentlich über Tingles "Pounded by the Pound", eine Geschichte vor dem Hintergrund des Brexit. Und schon früher griff Tingle immer wieder aktuelle Ereignisse auf, um sie eigenwilliger Bearbeitung zuzuführen: Etwa die heurigen Oscars ("Leonardo Decaprico Finally Wins His Award And It Pounds Him in the Butt") oder Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur (siehe das Coverbild weiter oben). Und die eigene Hugo-Nominierung durfte natürlich auch nicht fehlen.

Who the fuck pounds us in the butt?

Nach seiner überraschenden Nominierung veröffentlichte Tingle nicht nur umgehend den Titel "Slammed In The Butt By My Hugo Award Nomination", er gab auch bekannt, dass im Fall seines Sieges Zoë Quinn den Preis entgegennehmen würde. Das ist jene Computerspielentwicklerin, die in der frauenfeindlichen Gamergate-Kontroverse massiv gemobbt worden war – und Beales Anhänger stammen zum Teil aus dem Gamergate-Umfeld. Zudem sicherte sich Tingle die Domain www.therabidpuppies.com, um dort Werbung für sich und einige erklärte Feindinnen Beales zu machen.

Zu Chuck Tingles erfundener Persona gehört nicht nur ein angeblich in Abgeschiedenheit geführtes Leben, sondern auch, sich ein bisschen doof zu stellen und seltsam auszudrücken. Wer auch immer hinter dem Pseudonym steckt, ist aber offenbar tief im Genre verankert und sich dessen aktueller Entwicklungen sehr bewusst. Eine der vielen derzeit kursierenden Hypothesen besagt übrigens, Theodore Beale könnte selbst Chuck Tingle sein – das wäre mit Blick auf Beales oft schizophrenes Auftreten in der Öffentlichkeit nicht einmal völlig undenkbar, auch wenn sich das Getrolle der Rabid Puppies damit noch mehr ad absurdum führen würde als ohnehin schon.

Das Ende der Hundejahre naht

Am Tag nach der Gala mit der Überreichung der Preise stand in Kansas City noch das übliche "Business Meeting" an, auf dem auch Strukturen und Abläufe der Hugo-Wahl diskutiert werden. Nach "Puppygate 1" waren 2015 einige Vorschläge eingereicht worden, um Blocknominierungen in Zukunft zu erschweren; diese müssen heuer noch einmal bestätigt werden, ehe sie in Kraft treten können. Damit könnten sie ab 2017 gelten, wenn die Worldcon mal wieder nach Europa kommt und in Helsinki stattfindet.

Unterm Strich bleibt nach "Puppygate 2" ... eine Liste von Siegern, die sich sehen lassen kann und die in Zukunft niemanden, der sich die Hugo-Annalen durchsieht, daran erinnern wird, was sich im Umfeld der Wahl abgespielt hat. Und Beales Trollerei selbst hinterlässt im zweiten Jahr nur noch eines: Langeweile. Wie es eben ist, wenn nach zwei Wahldurchgängen schon wieder Shrek zum Klassensprecher nominiert wurde. (Josefson, 21. 8. 2016)

  • Ausgezeichnet als bester Roman: "The Fifth Season" von N. K. Jemisin.
    foto: orbit

    Ausgezeichnet als bester Roman: "The Fifth Season" von N. K. Jemisin.

  • Auf der Nominierungsliste für die beste Kurzgeschichte: Chuck Tingles Wellen schlagendes "Space Raptor Butt Invasion".
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    Auf der Nominierungsliste für die beste Kurzgeschichte: Chuck Tingles Wellen schlagendes "Space Raptor Butt Invasion".

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