Sturm schickt St. Pölten ins Jammertal

20. August 2016, 17:57
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Die Grazer siegen beim Aufsteiger 3:1, ein vergebener Elfmeter von Segovia erweist sich als Knackpunkt. So aber bleibt Sturm oben auf, der SKN eher unten

St. Pölten – Es ist die Woche der jährlichen Opferung des Grüngürtels der Landeshauptstadt St. Pölten auf dem Altar von Public Relations und Kommerz. Zur akustischen Verschmutzung gesellt sich auch eine mehr grobstoffliche, letztere verabreicht – auch Spaß muss sein! – durch die üblichen Horden flachwurzelnder junger Erwachsener, genannt Festivalbesucher.

Der wahre Feinspitz dreht all dem so gut es geht den Rücken zu, und steht damit ja eigentlich schon vor den Toren der NV-Arena, wo der SKN an diesem Samstagnachmittag in der Fußball-Bundesliga Sturm Graz empfängt. Nach vier Spielen hält der Aufsteiger bei drei Punkten. Das ist nicht nichts, doch es könnte mehr sein. Der Trainer, Sir Karl Daxbacher, der in der Affäre Wisio/Beichler zuletzt ein bisschen seine absolutistische Seite hatte heraushängen lassen, zeigte sich mit dem bisherigen Saisonverlauf nicht unzufrieden. Seine Elf hätte spielerische Augenhöhe bewiesen, leider aber auch eine gewisse Naivität. Es gelte Zweikämpfe konsequenter abzuarbeiten, Fehler abzustellen.

Doch soll ausgerechnet an den Gestaden der Traisen die Erfolgswelle auslaufen, auf der die Grazer (drei Siege aus vier Spielen) derzeit surfen? Nicht unbedingt, zumindest wenn es nach dem langjährigen Abo-Besitzer Reinhard Weidinger geht. Prägnante Antwort auf die Frage des Berichterstatters nach den Erwartungen für die Partie: "Keine." Mattersburg oder der WAC seien wohl eher die Kragenweite der St. Pöltner. Weidinger ist im übrigen nicht nur ein absoluter SKN-Experte, er bringt für seine Leidenschaft Opfer. Sein Platz auf der berüchtigten Osttribüne hat es in sich. Bei Schönwetter wird er bei lebendigem Leib gegrillt und ist beim direkten Blick in die Sonne auch permanent vom teilweisen Verlust des Augenlichts bedroht. Bei Regenwetter dauert es nie lange bis zur vollständigen Durchweichung. Kurz: nur die Härtesten der Harten überleben hier.

Die Gäste haben es eilig

Nun aber zum Wesentlichen: Daxbacher verschafft den Neuzugängen Paul Pirvulescu (links in der Viererkette) und Mittelfeldmann Marco Perchtold erste Auftritte auf heimischem Feld, in der Spitze scheint Kevin Luckassen Daniel Segovia dauerhaft aus der Startelf gespielt zu haben. Der Beginn gestaltet sich verteilt, der SKN kommt, wenn auch nicht zu Chancen, so doch immerhin zu den ersten beiden Cornern. Beide Mannschaften pressen nicht gerade hoch, St. Pölten hat deutlich mehr vom Ball, kann damit aber nicht übertrieben viel anfangen.

Bei den Grazern wird die Intention rasch deutlich, nach Möglichkeit möglichst schnell, möglichst vertikal nach vorne umzuschalten. Das gelingt in der 21. Minute perfekt. Nach drei Stationen ist Bright Edomwonyi am Zug und lässt Keeper Christoph Riegler keine Chance zum Eingreifen. In der Folge werden die Gastgeber von einer aufmerksam stehenden Sturm zu einer ganzen Menge verpuffendem Quergeschiebe genötigt. In die Gegenrichtung geht es deutlich direkter: Uros Matic narrt nach Zuspiel Edomwonyis gleich vier SKN-Verteidiger, sein Schuss ins Gesicht von Riegler knockt den Goalie kurzzeitig aus (33.). Wie beim Führungstor erweist sich die linke Flanke der Niederösterreicher als sperrangelweit geöffnetes Einfallstor.

Während der Aufsteiger bis auf einen das Tor knapp verfehlenden Distanzversuch von Lukas Thürauer offensiv weiter nichts zu bieten hat (41.), führt Sturm noch vor der Pause fast die Vorentscheidung herbei. Lukas Spendlhofers Freistoß erweist sich als nichts weniger als perfekt – 0:2 (44.).

St. Pölten kommt an

Daxbacher reagiert, bringt mit Segovia einen zusätzlichen Stürmer. Die ersten Akzente setzt jedoch erneut Sturm. Matic, wiederholt aus der Tiefe des Raums gefährlich nach vorne stoßend, soliert über das halbe Feld und darf auch abschließen – Michael Huber fälscht ins Torout ab (50.). Gleich darauf pariert Riegler einen Schuss von Edomwonyi.

Und plötzlich sticht Segovia. Eine hohe Hereingabe findet den Spanier, Lykogiannis Charalampos zögert – und aus kurzer Distanz lässt sich der St. Pöltner den Anschlusstreffer nicht nehmen (56.). Der SKN – mutiger, dynamischer – ist nun im Spiel; Sturms Phalanx gerät, wohl auch aufgrund zunehmender Ausgelaugtheit etwas aus der Fasson. Es bricht die lebendigste Phase der Partie an:

62. Kopfball Luckassen nach Corner drüber.
64. Hierländer kann Riegler ziemlich genau vom Elferpunkt nicht überwinden.
68. Andreas Dobers Schlenzer windet sich nur knapp am langen Eck vorbei.

In den letzten zehn Minuten dann die ultimative Zuspitzung: Spendlhofer bearbeitet eine Flanke Thürauers eher unnötigerweise mit dem Arm. Penalty (82.). Segovia schiebt nach links, doch da ist schon Goalie Christian Gratzei. Daxbacher setzt zum Flaschenwurf an. Im Gegenzug die Entscheidung: Matic verschafft sich mit einem Haken freie Bahn, cool schupft der wohl beste Mann des Nachmittags zum 1:3 ein (84.). Manchmal ist so ein Fußballspiel eben ein schmaler Grat. (Michael Robausch, 20.8. 2016)

Kickerei, 5. Runde

SKN St. Pölten – SK Sturm Graz 1:3 (0:2). St. Pölten, NV Arena, 4.229, SR Weinberger.

Tore: 0:1 (21.) Edomwonyi, 0:2 (44.) Spendlhofer (Freistoß), 1:2 (56.) Segovia, 1:3 (85.) Matic

St. Pölten: Riegler – Dober, Huber, Petrovic, Pirvulescu – Mader (46. Segovia), Perchtold – Stec (69. Lumu), Thürauer, Schütz – Luckassen

Sturm: Gratzei – F. Koch, Spendlhofer, Schulz, Lykogiannis (88. Potzmann) – Jeggo – Huspek (78. Schoissengeyr), Matic, Hierländer (67. Stankovic), Horvath – Edomwonyi

Gelbe Karte: Luckassen bzw. Lykogiannis, Spendlhofer

Stimmen

Karl Daxbacher (SKN-Trainer): "Es waren zwei grundverschiedene Halbzeiten. Wir haben in der ersten Hälfte nicht einmal eine halbe Chance herausspielen können. Sturm ist auch sehr kompakt gestanden. Zweite Halbzeit war Brechstangenfußball. Wir haben alles riskiert, umgestellt und mit vielen hohen Bällen agiert. Leider haben wir das Elfergeschenk nicht angenommen. Aber meine Mannschaft kämpft jedes Spiel, wenn wir so weitermachen schlägt das Pendel auch wieder in unsere Richtung aus."

Franco Foda (Sturm-Trainer): "Erste Halbzeit waren wir sehr kompakt, haben zwei schöne Tore erzielt. Anfang zweiter Halbzeit hatten wir Riesen-Chancen auf das 3:0. Wenn man dann das Tor nicht macht und einen Gegentreffer kassiert, wird es hektisch – so ist der Fußball. Ich bin froh, dass wir gegen einen guten Gegner gewonnen haben."

Lukas Spendlhofer (Sturm-Verteidiger, Torschütze und Elfmeterverursacher): "Es war ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin froh, dass es gut ausgegangen ist."

Zum Tor: "Wenn ich sie im Training schieße, kommt von zehn vielleicht einer so."

Zum Handspiel: "Ich bin davor aus dem Gleichgewicht gekommen. Aber wenn man sich die Bilder im Fernsehen anschaut, sieht es schon nach Absicht aus."

  • Sturm Graz hat nun vier von fünf Partien gewonnen.
    foto: apa/punz

    Sturm Graz hat nun vier von fünf Partien gewonnen.

  • Die Luft war zwar heiß, an diesem Samstagnachmittag, das Match in St. Pölten hatte aber durchaus Substanz.
    foto: robausch

    Die Luft war zwar heiß, an diesem Samstagnachmittag, das Match in St. Pölten hatte aber durchaus Substanz.

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