Woran Rio nichts ändert

Kommentar19. August 2016, 18:20
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Österreichs Sportpflänzchen gedeiht leicht an der Spitze, doch die Wurzel verdorrt

Den Namen Sarah Lagger sollte man sich merken. Sarah Lagger ist ein Mädchen aus Brodbrenten, einem kleinen Dorf bei Spittal an der Drau in Oberkärnten, und sie ist Leichtathletin. Heuer wurde sie Unter-20-Weltmeisterin im Siebenkampf, als 16-Jährige, dieser Erfolg ist kaum hoch genug einzuschätzen. Zuletzt war sie mit ihrer Mutter einige Tage bei den Olympischen Spielen in Rio, zum Schnuppern. Gute Idee. Sarah hat sich alles angesehen, kennt jetzt die Dimensionen, kennt die Abläufe. Das hilft ihr, wenn sie 2020 in Tokio selbst antritt.

Nicht überall im österreichischen Sport wird derart vorausblickend gearbeitet. Nach der Medaillen-Nullnummer bei den Spielen 2012 in London wurde husch, husch das "Projekt Rio" ins Leben gerufen. Die Idee hatte Norbert Darabos, die Präsentation übernahm Gerald Klug, die Bilanzierung obliegt Hans Peter Doskozil. Drei Sportminister, eine Olympiade, auch das sagt einiges aus.

20 zusätzliche Millionen Euro an öffentlichen Geldern flossen in diesen vier Jahren in den Spitzensport. Herausgekommen sind eine Bronzemedaille und etliche gute Platzierungen auch junger Sportlerinnen und Sportler, die zu Hoffnungen Anlass geben. In einem Nationenranking, das nicht nur Medaillen, sondern sämtliche Top-Ten-Resultate berücksichtigt, dürfte Österreich um Rang 40 abschließen, das kann sich sehen lassen.

Aktive und Funktionäre haben sich in den vergangenen Tagen darüber aufgeregt, dass da und dort von "Olympia-Touristen" die Rede war. Zu Recht. Gleichzeitig wurde vermieden, die Kronen Zeitung beim Namen zu nennen, man will es sich ja nicht verscherzen.

Hinterfragt gehört der Umgang von Sportlern, Funktionären und übrigens auch Journalisten mit den sozialen Medien. Was aus dem Österreich-Haus gepostet wurde, musste in der Heimat den Eindruck erwecken, dass es in Rio vorrangig um die Party und das körperliche Wohlbefinden ging. Mit den Sportlerinnen und Sportlern, die nach ihren Wettkämpfen und eher sporadisch im Österreich-Haus aufgetaucht sind, hatte das wenig zu tun. So geriet etwa die Feier des einen österreichischen Medaillengewinns zu einem eher ruhigen Abend ohne Überschwang und große Reden, das war gar nicht unsympathisch.

Auf Funktionärsebene wird angedacht, künftig nur noch jene zu entsenden, die gute Chancen auf gute Platzierungen haben. Sollte das ÖOC tatsächlich diesen Weg einschlagen, würde das etliche Sportarten jeglicher Perspektive berauben. Die Misere wäre nicht beendet, sondern vergrößert. Viel wird geredet über Ergebnisse im Schwimmen, Badminton oder Triathlon, die nicht glänzend waren. Da gehört die Vorbereitung hinterfragt. Doch gleich alle daheim lassen, die keine Chance auf ein Topresultat haben? Wo bliebe der olympische Gedanke? Und wo bliebe der Ansporn für Talente?

Doskozil, der als Sportminister in die nächste Olympiade geht, regt wie alle Sportminister vor ihm eine Reform der Sportförderstruktur in Österreich an. Das kann nicht schaden angesichts der vielen Töpfe, aus denen Fördergelder fließen. Andererseits lenkt es von größeren Problemen ab. Die Sportinfrastruktur ist fast ausnahmslos eine Baustelle, es fehlt an qualifizierten Trainern, vor allem im Nachwuchsbereich. Kinder bewegen sich zu wenig. Doskozil hat die "tägliche Turnstunde" an Pflichtschulen immerhin im Burgenland umgesetzt; er strebt eine Ausdehnung auf ganz Österreich an, kann aber nur hoffen, dass die ÖVP flott mitgeht.

Kurzfristig, also auch in Tokio 2020, sind österreichische Sporterfolge allein von guter Arbeit einzelner Verbände oder einzelner Kleingruppen abhängig. Und gute Ideen sind wichtig, Ideen wie jene, ein 16-jähriges Mädchen namens Sarah Lagger aus Brodbrenten in Oberkärnten zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro einzuladen. Diese Idee kam übrigens weder von einem Projekt-Rio-Verantwortlichen noch vom ÖOC oder vom Leichtathletikverband. Sie kam von einem Sponsor. (Fritz Neumann, 19.8.2016)

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