Opernsänger Hampson: "Die freie Entwicklung ist ein göttliches Recht"

Interview20. August 2016, 12:00
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Thomas Hampson diskutiert mit dem Staatssekretär für Wissenschaft und Wirtschaft, Harald Mahrer, über Bildung, Kunst – und die Bedeutung von Leadership in der Politik

STANDARD: Macht Kunst die Welt besser, oder macht Politik die Welt besser?

Hampson: Menschen machen die Welt besser. Und wenn der Mensch in der Politik und von der Politik frustriert ist und wenn er keine existenziellen Anknüpfungspunkte in der Kunst gefunden hat, dann frage ich mich, wie die Welt besser werden kann.

Mahrer: Max Reinhardt hat gesagt: Gott hat die Welt erschaffen – und die Menschen haben sich eine zweite Welt erschaffen, nämlich die Kunst. Warum brauchen die Menschen diese zweite Welt und erschaffen sie immer wieder neu?

Hampson: Vielleicht weil sie in der ersten Welt die Sachen nicht so gut gefunden haben.

Mahrer: Kunst ist schon ein starker Spiegel und eine Inspiration, im Jetzt etwas besser zu machen.

Hampson: Was ist Politik? Das ist: wie die Leute das bewirken, woran sie glauben und was sie für wichtig halten. Das hat mich sehr interessiert, als ich in jungen Jahren Politik studiert habe. Ich bin ja in ein anderes Metier gegangen, aber nie wirklich weit weg von diesen Fragen: Freedom of Speech – das ist eine enorm politische Frage, und es ist eine zentrale Frage der Kunst.

Mahrer: Und es ist eine Frage der Bildung. Ich glaube, dass unser Bildungssystem den Kindern viel zu wenig hilft, sich selbst kennenzulernen. Ganz früh eigene Erfolge zu haben, Selbstvertrauen zu bekommen ...

Hampson: ... und auch Empathie zu entwickeln, also nachvollziehen zu können, wie es ist, die andere Person zu sein.

STANDARD: Was eben zentral ist in Ihrem Beruf als Opernsänger.

Hampson: Das ist insgesamt die zentrale Aufgabe der Künste, jeder Kunst! Deshalb empfinde ich es als so schlimm, dass die Kunstausbildung so an den Rand gedrängt worden ist, das ist in Amerika gravierend schlechter geworden ...

derstandard.at

STANDARD: Und bei uns nicht viel besser?

Mahrer: Gerade die Kunst ist eine Möglichkeit, Kindern sehr früh Erfolge zu ermöglichen – und zu erkennen, dass sie ein Talent haben. Jeder hat irgendein Talent – was unser System nicht sehr gut macht, ist, dafür Wertschätzung zu geben.

STANDARD: Das ist ja auch in der Familie so: Alle Eltern freuen sich, wenn ein Kind nach vielem Hinfallen die ersten Schritte macht. Sie glauben das erste Lallen "Papppaappapp" als "Papa" zu verstehen – aber wenn ein Kind beim Singen den ersten Ton nicht trifft, dann sagen sie: Das Kind ist unmusikalisch. Wie kann man dem entgegenwirken?

Hampson: Das ist leider häufig so – dabei ist es in Österreich leichter als in Amerika. Es gibt keine Übersetzung für den Begriff Bildung, der hier ja immer noch umfassender gesehen wird als in Amerika. Ich finde es hochgefährlich, wenn Bildung mit Kartenverkauf an ein älteres Publikum verwechselt wird. Das ist es genau nicht. Bildung muss Möglichkeiten für Kinder eröffnen – und man darf nicht früh abwinken: Du bist eh nicht begabt.

Mahrer: Wir haben ja in Österreich eine Debatte: Wie früh soll man beginnen, Kinder zu fördern – viele sagen: lieber nicht zu früh, lieber den Kindern Zeit lassen. Dabei wissen wir, dass Kinder sehr früh spielerisch sehr viel lernen können. Nicht mit Zwang, natürlich.

Hampson: Da gibt es eine Plattform im Internet, www.meludia.com, wo man einfach lernt, dass das, was man hört, einen Sinn hat. Wir sind zu sehr bereit, Musik als Begleitgeräusch zu akzeptieren, wir werden dabei taub für Harmonie.

Mahrer: Wir sollten Musik viel mehr in die frühkindliche Bildung integrieren ...

Hampson: ... dem stimme ich nicht nur zu, weil ich Musiker bin. Wir sind alle empfänglich dafür, und es kann nie früh genug sein.

foto: wildbild/doris wild
Wenn ich sage: Ich bin ein Humanist – dann erschrecken die Leute. Was heißt das? Glaubst du, oder bist du Atheist?

STANDARD: Das wird nicht überall so gesehen. Es gibt Terrororganisationen wie den IS und sogar Staaten, die Musik oder gewisse Formen von Musik verbieten. Was fühlen Sie dabei?

Hampson: Das ist Tyrannei. Die freie Entwicklung ist ein unantastbares göttliches Recht des Menschen. Die freie Entwicklung des Menschen in der Kunst ist eben ein Widerspruch zu dieser Art "Staat".

STANDARD: Herr Hampson hat kritisiert, dass wir Musik viel zu sehr als Hintergrundgeräusch akzeptieren. Denken Sie da als Wirtschaftsstaatssekretär nicht auch an die Dauerberieselung in Kaufhäusern?

Mahrer: Das ist ja keine Neuerung. Seit Jahrhunderten gibt es Musik in Wirtshäusern ...

STANDARD: Aber nicht in jedem Krämerladen – heute läuft das in jedem Einkaufszentrum.

Mahrer: Ich sehe da nichts Problematisches – man weiß aus dem Marketing, dass Hintergrundmusik Verkaufsförderung ist, aber das kann man der Musik nicht zum Vorwurf machen.

Hampson: Ihre Frage hat Berechtigung – wir vibrieren mit Musik. Der Mensch ist wahnsinnig empfänglich dafür – ob bei der Atmosphäre in einem Restaurant oder ob die Soldaten mit Musik in den Krieg ziehen.

Mahrer: Wir tragen Musik in uns. Wenn wir nicht pulsieren, dann sind wir tot.

Hampson: Im Shoppingcenter hat das die Funktion, die Menschen ruhig – und gleichzeitig in Kauflaune – zu halten.

Mahrer: (lacht) Musik kann auch positiv stimulieren. Diese positive Förderung sollte schon bei kleinen Kindern beginnen.

STANDARD: Wenn man Kreativität fördert, erzielt man ja vielleicht auch in anderen Lernfeldern bessere Ergebnisse.

Hampson: Vorsicht! Man darf Kreativität nicht als Schulfach sehen. Man darf eben nicht zu sehr kategorisieren. Das geht ja hinein bis in die religiösen Kämpfe unserer Zeit. Wenn ich sage: Ich bin ein Humanist – dann erschrecken die Leute. Was heißt das? Glaubst du, oder bist du Atheist? Nein: Ich bin Humanist. Wir suchen die Freiheit. Damit sollten wir anfangen.

foto: wildbild/doris wild
Wir orientieren uns viel zu sehr am Durchschnitt. Das betrifft alle westlichen Gesellschaften.

Mahrer: In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht "Life, Liberty and the pursuit of Happiness" – das ist ein individuelles Recht. "Pursuit of Happiness", das heißt für mich: Glücklich ist, wer etwas schaffen kann. Wir brauchen so etwas wie eine "neue Aufklärung", ein "Second Enlightenment", das uns darüber nachdenken lässt, ob nicht die nächste Stufe der menschlichen Entwicklung mit einer breiteren Kreativität zu tun hat. Die erste Aufklärung hat Bildung zugänglich gemacht, hat kritischen Rationalismus gefördert, hat weg von religiösen Dogmen geführt. Jetzt müssen wir mehr auf die Schaffenskraft setzen. Sinnstiftung, breit verstanden, könnte Kern dieser Aufklärung sein.

STANDARD: Bei allem Respekt für Ihre Begeisterung: Wird Schaffenskraft, wird Unternehmertum genügend geschätzt?

Mahrer: Es muss ein politisches Ziel sein, diese Freiheit breit zu unterstützen.

Hampson: Es gibt auch einen enormen Konformitätsdruck, schon in der Schule. Kinder blockieren dann die eigene Neugier.

Mahrer: Da hat der Thomas recht: Es wird oft als "gefährlich" betrachtet, wenn man anders ist. Wir orientieren uns viel zu sehr am Durchschnitt. Exzellenzorientierung ist ja nicht Orientierung an einer Geldelite, sondern daran, dass jemand etwas besonders gut kann und daraus auch etwas Besonderes machen will. Wir sind Weltmeister darin geworden, uns am Durchschnitt zu orientieren. Das betrifft alle westlichen Gesellschaften: Wir werden uns nur weiterentwickeln können, gerade im Wettbewerb mit Asien, wenn wir unsere Kreativität weiterentwickeln. Das ist eine qualitative, nicht unbedingt eine quantitative Entwicklung.

STANDARD: "Exzellenz", "Elite" – das sind doch Begriffe, die bei uns, vielleicht mit Ausnahme der Kunst, eher verpönt sind?

Mahrer: Das ist ein kleingeistiges, provinzielles Denken, das wir ablegen müssen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass man sagt: Man will nach den Sternen greifen. Man will sich nach dem Licht orientieren.

STANDARD: Jetzt reden Sie fast wie ein Freimaurer ...

Hampson: Es ist ja nicht alles schlecht, was von den Freimaurern kommt. Ich bin keiner, aber der überwiegende Teil der Gründer Amerikas waren Freimaurer und Freidenker. Was die politische Rechte, was die sogenannte "Christian Right" behauptet, dass die Gründerväter im Namen Gottes ein christliches Land schaffen wollten, ist kompletter Nonsens. Ihnen ging es vielmehr um das Individuum und das Recht, anders zu sein. Heute haben wir mehr Zugänge zum Wissen als je zuvor.

Mahrer: Deshalb haben wir jetzt diese Bildungsstiftung beschlossen – da investieren wir in den nächsten beiden Jahren 50 Millionen Euro, um neue Bildungstechnologien zu fördern und das Wissen auch zugänglich zu machen. Bildung heißt aber auch lernen, für etwas einzustehen, eben anders zu sein, eine Meinung zu haben, auch wenn das vordergründig schwierig sein mag.

Hampson: Wo sind denn die großen Staatsmänner geblieben? Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Lyndon B. Johnson beschäftigt, ich glaube, das war der Letzte dieser Art. Man erinnert sich bei ihm zu Unrecht nur an den schrecklichen Vietnamkrieg. Aber ihm ist auch zu verdanken, dass wir die Civil Rights Legislation haben, dass wir die Voting Rights for African Americans haben und dass wir Medicare haben. Alle drei Dinge wurden vehement von der rechten Seite bekämpft – aber LBJ ist auf dem Parteitag aufgestanden und hat gerufen (imitiert Johnsons Stimme): "The voters' rights will be passed in 1965. And they will be passed by you." Da hat es Wirbel auf dem Parteitag gegeben, alle haben "Why? Why?" geschrien, und LBJ hat gerufen: "Because it is the right thing to do. And it is the time to do it." Sehen Sie: Das ist Leadership, wie ich es mir vorstellen würde.

Mahrer: Da würde ich mehr Verbündete brauchen, die leidenschaftlich für das Richtige einstehen. Denn das Richtige ist oft nicht populär. Umso notwendiger sind Politiker mit Rückgrat und Leadership. (Conrad Seidl, 20.8.2016)

Thomas Hampson, geboren am 28. Juni 1955 in Elkhart, Indiana, wuchs in einem erzkonservativen Haushalt auf und studierte Jus und Politikwissenschaft. Sein sängerisches Talent wurde von der Nonne Marietta Coyle entdeckt und gefördert. Er sang den Don Giovanni, den Germont in La Traviata und den Amfortas im Parsifal. Diese Woche gab er in Salzburg einen Liederabend.

Harald Mahrer, geboren am 27. März 1973 in Wien, studierte Betriebswirtschaft an der WU, wo er 1995-97 Vorsitzender der Hochschülerschaft war. Von 2006 bis Ende 2010 war er geschäftsführender Gesellschafter der PR- und Lobbyingagentur Pleon Publico und anschließend Präsident der Julius-Raab-Stiftung. Im September 2014 kam er als Staatssekretär ins Wirtschaftsministerium.

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