Verreisen mit Vierbeiner: Hundstage in Holstein

23. August 2016, 10:54
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Verreisen mit Hunden macht dann Spaß, wenn Auslauf, Unterkünfte und das Spielzeug passen. Ein Selbstversuch mit Retriever im Hinterland von Schleswig-Holstein

Hunde können sehr albern sein, Retriever ganz besonders: Für Hoover, drei Jahre alt, ist das Schönste am Gassigehen im Wald, dass er sich als Hirsch verkleiden kann. Die passenden Accessoires hat der Sturm der letzten Nacht gebracht, der über die Reetdächer der Häuser blies, über Gutshof und Vicelin-Kirche der Ortschaft Pronstorf irgendwo im deutschen Holstein. Nicht nur Stöckchen liegen jetzt in Massen auf dem Boden herum, auch ganze Äste hat der Wind abgerissen. Mit aufgerissenem Maul springt Hoover zielsicher auf einen solchen zu, packt ihn ungefähr in der Mitte – und sieht plötzlich aus wie ein kleiner Hirsch in Schwarz. Links und rechts knapp hinter den Ohren scheint das Geweih aus dem Kopf zu kommen.

Hoover freut sich über die Aufmerksamkeit und das Gelächter, reagiert mit Bocksprüngen auf die Ansprache: "Hast du dich als Hirsch verkleidet?", fragt der Mann mit Dalmatiner, der gerade aus dem Waldweg bog. Hoovers Gehüpfe soll wohl so etwas wie "Jawoll!" bedeuten.

Urlaubsbekanntschaften

Windig ist es in Holstein fast immer – rund 70 Kilometer nordöstlich von Hamburg zwischen Bad Segeberg im Westen, Pronstorf im Süden, Eutin ungefähr in der Mitte und Plön im Norden. Nirgends ist die Ostsee weit, und oft stürmt es ganz, noch bevor der Herbst kommt. Die Hunde stört das nicht – nicht Hoover auf Tour durch die Wälder, nicht seine Dalmatiner-Urlaubsbekanntschaft Bodo und schon gar nicht Tibet-Terrier-Hündin Fine. Die passenden Menschen dazu kümmert’s ebenso wenig: Schließlich gibt es Windjacken, und die Sonne kommt meist schnell wieder heraus.

foto: getty images/istockphoto/jonathan ling
Wind und Wetter erwünscht: Wenn es in Schleswig-Holstein bläst, fallen für Hunde viele Stöckchen ab.

Dieselben Felder, die jetzt oft schon abgeerntet sind, leuchten im Mai knallgelb, wenn der Raps blüht. Wo nur der Ackerboden zu sehen ist, kann sich keiner daran stören, wenn Frisbeescheiben fliegen, so weit, wie der Wind sie trägt – und Hunde hinterherrennen, um das Spielzeug gegen Belohnung zu Herrchen oder Frauchen zurückbringen. Immer in der Hoffnung, dass es gleich noch mal weit hinausgeworfen wird in die "Holsteinische Schweiz".

Brettelebene Schweiz

Dieser Name ist ursprünglich die Idee eines Hoteliers aus dem 19. Jahrhundert gewesen, der eine griffige Formel für die hügelige norddeutsche Landschaft suchte. Sein werbewirksames Kunstwort ist längst zum festen Begriff für diese Region geworden. Gleichwohl, die höchste Erhebung dieser "Schweiz" bringt es gerade einmal auf 168 Meter. Der Bungsberg ist der höchste Gipfel Schleswig-Holsteins, sein Plateau nach kurzem Spaziergang erreicht.

Hoover macht unterdessen seinem Staubsaugernamen alle Ehre, die Gerüche scheinen jetzt besonders intensiv zu sein. Ob er dabei die Bilder von Hasen vor sich sieht? Stilisiert oder gezeichnet wie bei alten Memory-Spielkarten? Er wird es nicht verraten. Er saugt hier auf, schnauft dort ein, schnüffelt sich eifrig an Spuren entlang – und seien es bloß die eigenen von der vorherigen Runde im Garten eines Ferienhauses, von denen es in der Region unzählige gibt. Viele Vermieter sind auf Hunde eingestellt, nur manche berechnen für die Mitnahme von Tieren einen Aufpreis.

foto: alfred buellesbach / visum / pic
Am Plöner See in Schleswig-Holstein finden Hund wie Herrl Ruhe – und genügend Material zum Apportieren.

Ein kühler Abendausflug zum Plöner See: Die letzten Sonnenstrahlen gleiten die weiße Fassade des Schlosses hinunter, und wenig später ist die sanft hügelige Landschaft in glutrotes Licht getaucht. Enten navigieren auf der leicht gekräuselten Oberfläche des Sees Richtung Ufer, werden dabei auf jedem Zentimeter ihres Kurses aufmerksam von Hoovers Blicken verfolgt. Zu gerne würde er mit ihnen schwimmen gehen – und herausfinden, ob sie sich lebend genauso gut apportierten lassen wie seine heißgeliebte Plüschente von zu Hause. "Heute Nacht wird es kalt", mutmaßt einer der brummigen Fischer, die auf dem Holzsteg ausharren. "Und bald schon wird das Laub der Bäume knallrot verfärbt sein – wie beim Indian Summer in Nordamerika."

Natürliches Feuerwerk

Und tatsächlich: In gut einem Monat wird sich diese Szenerie langsam verändern – ganz so, als ob die Landschaft in einen himmlischen Tuschkasten voller Gelb-, Orange und Rottöne getunkt wurde. Als würde die Natur noch einmal ein gewaltiges Feuerwerk entzünden, dass man so gar nicht erwartet hätte. Der Wechsel aus wärmeren Tagen und Frostnächten verursacht chemische Reaktionen in den Blättern, die zur fortschreitenden Verfärbung führen: ein letztes Aufbäumen der Lebensgeister quasi, bevor das Blattwerk abfallen wird.

foto: darkone/wikicommons
Im Eutiner Schloss lernen einander wildfremde Hunde vom Dackel bis zu Dogge beim Verwüsten von Laubhaufen kennen.

Nur mit dem Gärtner des Eutiner Schlosses, weniger als eine Viertelstunde mit dem Auto von Plön entfernt, werden die Hunde dann Gefahr laufen, Ärger zu bekommen. Im September wird er alles, was die Stürme bereits heruntergeschüttelt hatten, zu Laubhaufen zusammengerecht haben – und nicht ahnen, was für eine Freude es für einander eben noch wildfremde Hunde vom Dackel bis zur Dogge ist, mit Karacho durch dieses Laub zu rennen. Aber der Gärtner rächt sich auf seine Weise: Abgestorbene Äste und Zweige hat er dann schon verbrannt – keine Munition fürs Stöckchenwerfen mehr da. Und keine Hirschverkleidung. (Helge Sobik, 23.8.2016)

Vom Autor erschien zuletzt "Vier Pfoten und ein Tintenfisch – ein Hunderoman" über seinen Flat Coated Retriever Hoover (LangenMüller-Verlag, 12 €).

Touristische Infos: Holsteinische Schweiz

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