Gedenken in Serbien und Kroatien: Festspiele der Rechten

Analyse20. August 2016, 15:00
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Das Gedenken an die Operation Oluja wird in Kroatien und Serbien von den rechten Parteien für die Pflege des jeweiligen Opfermythos missbraucht

Der Feiertag mit dem langen Namen "Der Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit und der Tag der kroatischen Verteidiger" sorgt in Kroatien und auf dem ganzen Balkan aus mehreren Gründen für viele Kontroversen.

Der Feiertag wird am 5. August gefeiert, an dem Tag, an dem die kroatische "Königsstadt" Knin im Rahmen der Militäroperation Oluja im Jahr 1995 von den kroatischen Einheiten von den Serben zurückerobert wurde. An diesem Tag wird Knin jährlich herausgeputzt, und so kommt es einem vor, alle im Land verfügbaren kroatischen Fahnen würden dort in die Höhe gehisst. Es Nationalkitsch zu nennen wäre untertrieben.

Die Oluja-Tage

Die Militäroperation mit dem Namen Oluja ("Sturm") dauerte vier Tage, vom 4. August bis zum 7. August 1995, und so wird nicht nur am 5. August an Oluja erinnert – mehrere Tage lang wird in ganz Kroatien des Siegs über die Serben und der Beendigung des Kroatienkriegs gedacht. So zumindest in der Theorie.

Die von den Rechten gepflegten Narrative offenbaren etwas anderes. Der 5. August sowie die ganze "Oluja-Woche" sind die politischsten Tage des Jahres in Kroatien, wenn nicht sogar des ganzen Balkan. Der 5. August ist politisch gesehen sogar so etwas wie die Silvesterfeier. Das politische Jahr endet und beginnt jedes Jahr aufs Neue in Knin.

Auch in Serbien werden die Tage vom 4. bis zum 7. August in den letzten Jahren zunehmend wichtiger. In diesem Zeitraum wird in den beiden Balkanstaaten Oluja zum Vorwand genommen, um die üblichen Opfer-Narrative immer wieder von neuem zu erzählen und das Dämonisieren der jeweils anderen Seite aufrechtzuerhalten. Kurz gesagt: Die "Oluja-Tage" sind Tage der Spaltung.

Oluja in Kroatien

Die "Feierlichkeiten" in Kroatien muten nicht wie eine Gedenkfeier an, sondern wie eine von der HDZ geführte Parteiklausur rechter Parteien, die den rechtsgesinnten Wählern einige rechtsfreie Tage ermöglichen. Während dieser Tage können sich die "richtigen" Kroaten profilieren. An diesen Tagen werden die unschuldigen serbischen Opfer der Militäroperation als notwendiges Übel, als nicht erwähnenswerte Kollateralschäden verschwiegen. In diesen Tagen wird das Wort Serbe gleichgesetzt mit Kriegsverbrecher oder Okkupator, und das Kroate-Sein bedeutet, sich aufgrund der Historie – die in den Köpfen der Nationalisten in diesen Tagen natürlich nur bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts reicht – moralisch überlegen fühlen zu können.

Das Wort "čist" ("rein") wird in diesen Tagen von der kroatischen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović gerne verwendet. "Oluja war ethisch rein", so ihre Wortwahl. Gerne wird darauf verwiesen, dass im Jahr 1991 zuerst 170.000 Kroatenaus der Krajina vertrieben wurden, ehe dann im Verlauf der Militäroperation Oluja 200.000 Serben geflüchtet sind. Das Wort Vertreibung wird im gängigen Narrativ gemieden. Auch wird stolz wiederholt, dass mittlerweile mehr als 100.000 Serben zurückgekehrt seien. All das soll den Argumenten Einhalt gebieten, Oluja wäre in irgendeiner Art und Weise eine verbrecherische Operation gewesen und in Kroatien gäbe es eine antiserbische Stimmung.

Als dann während der "Feierlichkeiten" serbische Flaggen verbrannt wurden und unablässig der faschistische Ustascha-Gruß "Za dom, spremni!" gerufen wurde, schwiegen die politischen Redner in Knin.

Wer bisher geglaubt hatte, dass sich in der Post-Karamarko-HDZ etwas verändert habe, dem offenbarte das Schweigen der neuen HDZ-Führung zu den faschistischen Vorfällen, dass das wohl doch nicht der Fall sei. Da heuer Anfang September Neuwahlen anstehen, erhofft man sich wohl, dass die rechtsgesinnten Wähler das honorieren werden.

Oluja in Serbien

In Serbien wiederum werden Anfang August seitens der serbisch-orthodoxen Kirche sowie der serbischen Politiker – allen voran der serbischen Premier Aleksandar Vučić – anti-kroatische Ressentiments geschürt und die Balkankriege insoweit aufgearbeitet, dass exklusiv von serbischen Opfern geredet wird, statt die eigene Rolle in den Kriegen zu diskutieren.

Heuer verkündete Vučić in der Oluja-Woche, dass Serbien und Russland nahe der kroatischen Grenze eine Militärübung abhalten würden. Am "Tag der Erinnerung an die Opfer von Oluja", wie der 5. August in Serbien genannt wird, sagte Vučić in seiner Rede: "Wir werden nie wieder irgendeine Oluja zulassen", so Vučić, denn Serbien sei jetzt stark genug. Daran sollen die Kroaten nicht zuletzt die Militärübungen zusammen mit Russland erinnern.

In Serbien werden die Tage dafür benutzt, um Kroatiens Sieg zu dämonisieren – so als ob ein Staat keine Berechtigung habe, ein Drittel seines von fremden Mächten okkupierten Territoriums zurückzugewinnen. Als ob Oluja ausschließlich aus Vertreibungen und Kriegsverbrechen bestanden hätte. As ob Kroatien auch ohne Oluja in seinen heutigen Landesgrenzen existieren würde. Als ob Serbien nichts mit dieser Okkupation zu tun gehabt hätte.

Um die Opferrolle Serbiens dann zur Gänze durchzudeklinieren, muss in diesen Tagen auch auf den ungerechten Westen verwiesen werden. "Das Schweigen des Vereinten Europas zu den Vorgängen in Kroatien stellt uns vor die ernste Frage, ob unser Wunsch und unsere Anstrengungen, ein Teil der EU sein zu wollen, berechtigt sind," so der serbische Premier. Falls es jemals einer Berechtigung für die Hinwendung Serbiens zu Russland bedurft hätte, dann wäre sie hiermit geliefert worden.

Es sind die Tage, wo der serbische Premier auf die faschistischen Kroaten verweist und so tut, als gäbe es keinen serbischen Faschismus, um den er sich kümmern sollte.

Festspiele der Rechten

Anfang August wird in Kroatien und Serbien der Antagonismus gepflegt. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um die Festspiele der Rechten. Die Aufrechterhaltung dieser antagonistischen Narrative ist ihre wichtigste Existenzgrundlage, sowohl in Kroatien als auch in Serbien. Das sind die Tage, die ihnen erst eine politische Legitimation ermöglichen. Während der "Oluja-Tage" halten die rechten Parteien die Gesellschaften in Kroatien und Serbien in Aufruhr, um daraus politisches Kleingeld schlagen zu können.

Die Heldinnen von heute

Es ist nicht leicht, in dieser aufgebrachten Situation einen kühlen Kopf zu bewahren. Als Außenstehender gewinnt man den Eindruck, als würde es in diesen beiden Balkanländern keine Alternativen dazu geben, wie mit der jüngsten Vergangenheit umzugehen sei.

Und genau da kommen die Heldinnen von heute ins Spiel. Und das sind nicht die linken Parteien der jeweiligen Länder, es sind Personen aus der Zivilgesellschaft. Die linken Parteien halten sich zwar, so weit es geht, aus diesen Gedenkfeiern heraus, unterstützen aber die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich gegen die Reproduktion des Opfermythos auflehnen, zu wenig – zu politisch sensibel ist die Thematik.

Damit in diesem Zeitraum der "Oluja-Tage" keine anderen Meinungen zu Wort kommen, werden Antikriegs- und Friedensdemonstrationen von der Polizei verboten, so auch heuer eine geplante Demonstration verschiedener NGOs aus Kroatien und Serbien. Trotzdem haben sich am 4. August knapp zehn Aktivistinnen auf dem Ban-Jelačić-Platz in Zagreb versammelt und gegen die Verherrlichung des "Kriegssieges" und die impliziten Folgen dieser Praxis demonstriert. Eine Meute aufgebrachter Kriegsveteranen und junger Faschisten beschimpfte, bedrohte und schlug die Aktivistinnen. Die Polizei beschützte diese nur halbherzig.

Ziviler Widerstand

Zivilen Widerstand zu leisten, wenn das gesellschaftliche Klima es nicht zulässt, dazu gehört sehr viel Mut. Nicht weniger Mut, als sich im Krieg gegen einen Feind zu stellen. Die Verteidiger von heute sind nicht mehr die Kriegsveteranen, ihre Zeit der Verteidigung ist vorbei. Das, was es heute zu verteidigen gilt, kann nicht mit Waffen verteidigt werden, dazu braucht es neue Helden mit Anstand und der Überzeugung, dass die menschliche Würde unteilbar ist.

Wenn bei Gedenkfeiern – egal ob in Kroatien oder in Serbien – Opfer aufgrund ihres ethnischen Hintergrunds verschwiegen werden, verletzt dies die Würde ebendieser Opfer und ihrer Hinterbliebenen.

Wenn das Verletzten der Würde zur gängigen Praxis in einem Staat wird, dann sind nicht diejenigen die Helden, die bei dieser Praxis mitmachen oder diese dulden. Helden von heute sind die, die unter lebensbedrohlichen Umständen gegen dieses Unrecht angehen und darauf verweisen, dass die menschliche Würde unteilbar ist. Da viele von ihnen, die das am 4. August in Zagreb gemacht haben, Frauen sind, wäre es akkurater zu sagen: Es sind die Heldinnen von heute. (Siniša Puktalović, 6.8.2016)

  • Kriegsveteran auf dem Jan-Jelačić-Platz in Zagreb.
    foto: apa/afp/denis lovrovic

    Kriegsveteran auf dem Jan-Jelačić-Platz in Zagreb.

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