Stängel des Grauens

Kolumne19. August 2016, 17:00
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Ein Bericht aus der Welthauptstadt der Selfie-Sticks

Das bizarrste Artefakt der Smartphoneära ist und bleibt doch der Selfie-Stick, jenes narzisstische Hilfsobjekt, mit dem man das eigene Konterfei ohne fremde Hilfe fotografieren kann. Das ist keine neue Erkenntnis, aber sie erschließt sich in neuer Frische, wenn man mit dem massenhaften Auftreten dieser Stängel des Grauens konfrontiert wird.

Der Krisenkolumnist hat Ferragosto heuer in Rom verbracht (ein guter Ort und eine gute Zeit für alle, die bei Temperaturen unter 35 Grad zum Frösteln neigen). Dabei ist er zum Eindruck gekommen, dass Rom die unangefochtene Welthauptstadt des Selfie-Sticks sein dürfte. Dies deshalb, weil kaum eine andere Metropole eine ähnlich große Anzahl leicht identifizierbarer, schmeichelhaft bedeutsamer Hintergrundsujets für Selfies anbieten kann. Vor dem Kolosseum fühlt man sich doch gleich wie Domitian und Konstantin in Personalunion!

Die Konsequenz: Jeder zweite von Millionen Rom-Touristen hat die Smartphone-Rute meterweit ausgefahren, um seine kostbare Präsenz vor dem Petersdom, dem Septimius-Severus-Bogen oder dem Mars-Ultor-Tempel für die Nachwelt zu dokumentieren. Veni, vidi, knipsi!

Für unbestängelte Touristen wird ein Spaziergang in Rom unter diesen Auspizien hingegen zum neuzeitlichen Äquivalent eines Spießrutenlaufs, weil sie auf Schritt und Tritt mit einem Selfie-Stick zu kollidieren drohen. Weicht man dem einen aus, sticht man sich an einem anderen. Selbst höfliche Menschen tun sich da gelegentlich schwer, ein "Fuck yourselfie!" zu unterdrücken.

Nicht hilfreich sind auch die Dutzendschaften ambulanter Krämer, die die Popularität des Fotostängels natürlich mitbekommen haben und jedem, der unbedacht ein Handy hervorzieht, sofort einen Stick anzudrehen versuchen, selbst wenn man nur die E-Mails checken oder einen Tweet abdrücken wollte. Da kann man sich nach der Abwehr des zweihundersten solchen Angebots schon einmal leicht ermüdet fühlen!

Die Antike hatte gewiss ihre Schattenseiten, aber einige dubiose Fortschrittsexzesse sind ihr erspart geblieben: Es ist kein Selfie von Romulus und Remus beim Saugen überliefert, kein Selfie von Brutus und Cassius, wie sie vor der Ermordung Caesars in die Kamera feixen, kein Selfie von Nero beim Zündeln. Glückliche alte Römer! (Christoph Winder, 19.8.2016)

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