Über den Mythos der internationalen Solidarität

Userkommentar2. September 2016, 09:18
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Internationalisten oder Zuwanderungskritiker – zur Rolle der Gewerkschaften in der Industriegesellschaft. Eine Replik auf John Evers

Es gibt so etwas wie einen Mythos der internationalen Solidarität in der Arbeiterbewegung. Menschen, die sich ein wenig mit Sozialgeschichte auskennen, sind sich aber im Klaren darüber, dass er auf schwachen Beinen steht.

Die Unternehmerschaft, früher sagte man auch "das Kapital", versuchte in der noch jungen Industriegesellschaft häufig, die Löhne der Arbeiter und Bergleute massiv zu drücken. Eines der probatesten Mittel dabei war der Import billiger Arbeitskräfte, notfalls als Streikbrecher. In Nordengland zog man dazu gerne Iren heran, für die Fabriken Deutschlands, Frankreichs und Österreichs Italiener und Polen. In den USA holten Tycoons wie Henry Ford Schwarze aus den Südstaaten in die Industriestädte des Nordens.

Der importierte Billigarbeiter wurde so zum Feindbild der Einheimischen. In Südfrankreich kamen zwischen 1881 und 1893 etwa 30 Italiener bei solchen Konfrontationen zu Tode. Am schlimmsten war aber wohl das Massaker am 2. Juli 1917 in der amerikanischen Stadt East St. Louis, bei dem mindestens 100 Afroamerikaner starben. Immer wieder kam es in den Jahrzehnten um 1900 zu solchen blutigen Auseinandersetzungen.

Produktionsfaktor Arbeitskraft

In den USA fürchteten die Handwerkergewerkschaften der AFL die nach dem Ende des Bürgerkriegs befreiten Sklaven – sie ließen viele Jahrzehnte keine schwarzen Mitglieder zu. Das war übler Rassismus – aber nicht nur. Und beim Stuttgarter Sozialistenkongress 1907 fand eine Resolution recht beachtliche Zustimmung, dass die Sozialdemokratie die Anwendung dieses Mittels (nämlich den Import von Billigarbeitern) mit allen Kräften bekämpfen möge.

Dahinter steht eine der trivialsten Einsichten der Volkswirtschaftslehre: Produktionsfaktoren, die vermehrt angeboten werden, werden tendenziell billiger, solche, die knapp sind oder künstlich verknappt werden, teurer. Das galt für den massiv verbilligten Faktor Land, als die Grassteppen Nordamerikas und Argentiniens besiedelbar wurden, ebenso wie für den rar gewordenen Faktor der menschlichen Arbeitskraft nach der Pestepidemie um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Wo es Mangel an Arbeitskräften gibt, werden diese besser behandelt und bezahlt.

Interessen vor Idealen

Die Arbeiterbewegung wurde nicht zuletzt deshalb gegründet, um die "kleinen Leute" energisch, aber zivilisiert im Berufsleben gegen die Billigkonkurrenz von außen zu schützen. Da geht es nicht um Ideale, sondern um die Vertretung von Interessen, und man muss sich darüber im Klaren sein, dass die EU nicht unbedingt auf der Seite der "kleinen Leute" steht. Die Integration von Niedriglohnländern wie Bulgarien und Rumänien und selbst Polen in den EU-Binnenmarkt weckte nicht umsonst gewerkschaftliche Bedenken.

Gewerkschaftsintern für ideologische Parolen wie unbeschränkte Migrationsfreiheit einzutreten steht freilich in diametralem Gegensatz zu dieser Aufgabe – und wo die Mitglieder das Gefühl haben, dass ihre Organisation den Internationalismus wichtiger nimmt als die Vertretung ihrer Interessen, steht die Tür weit offen für rechte Agitatoren und Hassprediger. (Robert Schediwy, 2.9.2016)

  • In den USA holten Tycoons wie Henry Ford Schwarze aus den Südstaaten in die Industriestädte des Nordens. Der importierte Billigarbeiter wurde zum Feindbild der Einheimischen.
    foto: ford

    In den USA holten Tycoons wie Henry Ford Schwarze aus den Südstaaten in die Industriestädte des Nordens. Der importierte Billigarbeiter wurde zum Feindbild der Einheimischen.

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