Kein Kind darf beschämt werden

Userkommentar19. August 2016, 12:42
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Politiker tauschen populistische Ideen wie "Burkaverbot" oder "Ein-Euro-Jobs" medial aus. Doch gerade in Zeiten der Polarisierung sollte Bildung auf der Agenda sein

Schon in der Volksschule war mein schlimmster Albtraum, wenn wir als Schülerinnen und Schüler mit Ungerechtigkeiten konfrontiert waren. Dabei war es eigentlich fast egal, ob ich selbst davon betroffen war oder meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich erinnere mich etwa an eine Aussage meiner Volksschullehrerin, die zu mir gesagt hat: "Du kannst ja wirklich nicht zeichnen!" Ich glaube zwar, dass sie uneingeschränkt recht hatte, aber ich weiß auch, dass mich dieses Urteil in meinen jungen Jahren unverhältnismäßig lange beschäftigt hat. Später waren es dann vor allem unfaire Benotungen oder das Schikanieren von Einzelnen.

Ich bin davon überzeugt, dass es falsch ist, Schülerinnen und Schüler wegen ihrer Leistungen bloßzustellen. Kein Kind darf beschämt werden. Ich habe es aber auch unglaublich unfair gefunden, wenn ich mitbekommen habe, dass andere Kinder nicht auf den Schulskikurs mitfahren konnten, weil ihre Eltern es sich schlicht nicht leisten konnten. Im Gymnasium engagierte ich mich als Klassensprecher, und ich kandidierte als Schulsprecher, um mich für die Anliegen aller Schülerinnen und Schüler einsetzen zu können.

Stärken stärken

Heute bin ich aufgrund meiner Erfahrungen aus der Caritasarbeit und meiner eigenen Kinder überzeugt: Wir sollten im Bildungsbereich schon viel weiter sein. Es geht darum, die Stärken der Kinder zu stärken und zu fördern und nicht ausschließlich auf die Schwächen und Defizite zu fokussieren. Die Caritas-Lerncafés setzen hier an – mit kostenloser Lernhilfe durch Freiwillige sollen Kinder und Jugendliche wieder Freude am Lernen gewinnen, dann stellen sich die Erfolge von selbst ein. 93 Prozent der Kinder, die unsere Lerncafés besuchen, schließen die Klasse erfolgreich ab.

Aber eigentlich wäre ich froh, wenn es Angebote wie diese schon bald nicht mehr braucht, weil die Politik die Schulen dahingehend stärkt, dass sie diese Aufgaben wahrnehmen können. Denn im Bereich der Bildung wird die Frage nach der Zukunftstauglichkeit unserer Gesellschaft beantwortet werden: Bildung ist die beste Armutsprävention. Bildung ist aber viel mehr, sie bildet die Basis einer Demokratie.

Populistische Ideen

Gerade in Zeiten der zunehmenden Polarisierung und Spaltung einer Gesellschaft sollte Bildung daher ganz oben auf der Agenda von politisch Verantwortlichen zu finden sein. Es hat den Anschein, als wird das in diesen Tagen einmal mehr vergessen: "Burkaverbot", "Ein-Euro-Jobs", "Haft für Wirtschaftsflüchtlinge" sind die derzeit bestimmenden Themen.

Das zeigt auch ein Grundproblem auf: Die Koalitionpartner in dieser Bundesregierung richten sich beinahe täglich populistische Ideen medial aus – ohne zuvor miteinander zu sprechen und zu verhandeln. Da macht man sich langsam wirklich auch Sorgen um unser Land! Wo bleiben die echten Reformen, wo die Visionen, wohin geht die Reise? Dabei gäbe es einiges zu tun. Etwa das Verbesserungspaket für die Mindestsicherung, den Bürokratieabbau für Unternehmer, kreative Ideen und Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit oder eine echte innovative Bildungsreform. Denn es geht um die Zukunft unserer Kinder und somit auch um unser aller Zukunft.

Bildung ist Armutsprävention

Bildung hat konkrete Auswirkungen auf die Lebenssituation von Menschen: Je geringer die Bildung, desto höher die Armutsgefahr. Die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache. Während sich die Arbeitslosenzahlen von Personen mit Studium, Matura oder auch Lehre in den vergangenen Jahren kaum verändert haben, ist die Arbeitslosigkeit von Menschen, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, dramatisch gestiegen. Im Jahr 1990 waren neun Prozent mit diesem Bildungsabschluss arbeitslos. Heute sind es knapp 24 Prozent. Fast jeder Vierte ist betroffen.

Bildungsarmut wird auch nach wie vor vererbt. Wenn Eltern über einen Pflichtschulabschluss verfügen, erreichen nur vier Prozent der Kinder einen universitären Abschluss. Bei Eltern mit Hochschulabschluss erreichen hingegen 56 Prozent der Kinder denselben Bildungsgrad. Ich kann zwar bis heute noch nicht zeichnen, aber in den vergangenen Jahren habe ich zumindest gelernt, dass der Schulerfolg eines Kindes nicht davon abhängen darf, wie vermögend die eigenen Eltern sind oder wie gut sie selbst lesen, rechnen oder schreiben können. Man muss kein Bildungswissenschafter sein, um festhalten zu können: Das sollte rasch geändert werden. (Klaus Schwertner, 19.8.2016)

  • Der Schulerfolg eines Kindes darf nicht davon abhängen, wie vermögend die eigenen Eltern sind oder wie gut sie selbst lesen, rechnen oder schreiben können.
    foto: apa/dpa/peter steffen

    Der Schulerfolg eines Kindes darf nicht davon abhängen, wie vermögend die eigenen Eltern sind oder wie gut sie selbst lesen, rechnen oder schreiben können.

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