Nimmer niedlich

Kolumne18. August 2016, 16:26
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Wäre das Verniedlichen eine olympische Disziplin, Brasilien hätte ein Abo auf die Goldmedaille. Nirgends spielt die Verkleinerung eine größere Rolle. Wenn Brasilianerinnen und Brasilianer aus dem Häuschen (casinha) geraten, gehen sie ganz in der Nähe (pertinho) mit ihrem Schätzchen (amorzinho), Schatzi (docinho) oder Schatzerl (queridinha) auf ein Kaffeetscherl (cafezinho), er macht ihr und sie macht ihm schöne Augen (olhinhos a alguém), sie warten ein Momenterl (momentinho) auf den Kellner, dem sie ein Trinkgeld (dinheirinho) geben, dann geht's wieder ab nach Hause und dort vielleicht zur Sache, auf dem Nachtkästchen liegt nicht selten ein Verhüterli (camisinha, also Hemdchen).

Namen werden in Brasilien besonders gern verkleinert, berühmte Kicker etwa heißen Jairzinho, Robinho und Ronaldinho. Die Verkleinerung ist Ausdruck von Sympathie, manchmal auch von Mitleid. Austriacinhos kommen im brasilianischen Wortschatz aber nicht vor, entweder sind Brasilianer zu vornehm, oder Österreich ist zu klein, um verniedlicht zu werden. Dabei wird ansonsten jede Winzigkeit noch verkleinert (pequenininho).

Brasilianer glauben zwar, dass es stets einen Ausweg gibt (jetinho brasileiro). Und seinerzeit ist der große Schriftsteller und Wahlbrasilianer Stefan Zweig so richtig ins Schwärmen geraten. "Man kann Rio nur mit einem gemalten Fächer vergleichen, wo jedes Blatt seine besondere Zeichnung hat und doch erst der voll ausgebreitete Fächer das ganze Bild ergibt." Doch das ist gut 75 Jahre her. Olympia hat das Land mehr als zehn Milliarden Euro gekostet und ihm wenig gebracht. Den Ausdruck für Spielchen (joguinho) mag es geben, doch die Jogos lassen sich nicht mehr verniedlichen. (Fritz Neumann, 18.8.2016)

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