Ödön von Horváths "Niemand": Ein Mietshaus voller Narren in einer preisgegebenen Welt

19. August 2016, 10:00
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Am 1. September hebt das Wiener Theater in der Josefstadt ein verlorengeglaubtes Stück des großen Dramatikers Ödön von Horváth aus der Taufe. Die soziale Tragödie "Niemand" ist eine einzige beklemmende Anklage gegen die Kälte der Welt

Wien – Das Vorhandensein von "Niemand" verdankt die Nachwelt einem Zufall. Sein gleichnamiges Stück bezeichnete Ödön von Horváth (1901–1938) als "Tragödie in sieben Bildern". 95 maschinenbeschriebene Seiten umfasst das Typoskript. Der Copyright-Vermerk weist "1924" als Entstehungsjahr aus, als Rechte-Inhaber fungiert der Verlag Die Schmiede.

Hervorgegangen ist die singuläre Textabschrift aus einer Konkursmasse. Der Berliner Verlag durchlief mehrere Phasen der Zahlungsunfähigkeit, 1928 segnete er endgültig das Zeitliche. (Von Kurt Tucholsky sind böse Worte über den Leumund des Verlagshauses überliefert.) Verwunderlicher erscheint das Stillschweigen, das der Dramatiker Horváth in Betreff seines Frühwerkes wahrte. Lediglich von Horváth-Biograf Traugott Krischke ist ein Hinweis überliefert, der wiederum auf einer Aussage Lajos von Horváths, des jüngeren Bruders, basiert.

Aus Privatbesitz ging der hoch expressionistische "Niemand"-Text 2015 gegen einen Pappenstiel in den Bestand der Wienbibliothek über. Das Wiener Josefstadt-Theater hat sich umgehend um die Uraufführungsrechte bemüht. Voilà: Am ersten September hebt Hausherr Herbert Föttinger den Findling aus der Taufe.

Schauplatz des Dramas ist ein Stiegenhaus. Wie Sendboten des Todes ziehen vor dem offenen Haustor schwarze Limousinen vorüber. Tatsächlich wird recht bald der Leichnam einer alten Frau eingesammelt. Doch egal, was die sozial herabgekommenen Figuren in "Niemand" lassen oder tun: Aufgrund eines nicht näher bezeichneten Mechanismus sind sie zur Wiederkehr als Untote verurteilt. Nicht der einzige Hinweis auf ausgiebige Nietzsche-Lektüren, denen sich der junge Horváth mit einigem Feuereifer unterworfen haben muss.

Als allmächtiger Besitzer des Mietshauses fungiert ausgerechnet ein "Schwächling". Der Pfandleiher Fürchtegott Lehmann hat verwachsene Beine. Die Einschränkung seiner Mobilität verdammt ihn zum Krückenklappern im ersten Stock.

Zu ebener Erde aber tut sich die Hölle auf. Die Hure "Gilda Amour" ist den gewalttätigen Launen ihres Zuhälters Wladimir ausgesetzt. Und weil die Wirtschaftskrise buchstäblich alle Gesetze des gesitteten Zusammenlebens außer Kraft setzt, verkaufen im straßenseitigen Wirtshaus die Kellnerinnen nicht nur Bier in Krügen, sondern vornehmlich sich selbst an zahlungsunwillige Freier.

Die eiserne Regel in "Niemand" ist das Tauschgesetz. Anwandlungen von Zärtlichkeit werden rasch als Sentimentalität entlarvt – nicht die einzige verblüffende Gemeinsamkeit, die das Stück mit den Erzeugnissen des jungen Bertolt Brecht aufweist.

Anklänge an den berühmten Horváth-"Sound" finden sich in ausgesprochen feiner Dosierung. Gerne unterhalten sich die Figuren, indem sie Kalendersprüche verballhornen. Sicherster Hinweis darauf, dass ihnen als Kleinbürgern der Ernst der sozialen Lage kaum jemals bewusst wird.

Unbegriffene Existenzen

Fassungslos stehen sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihr Unglück erklären sie sich vornehmlich als Wirken unsichtbarer Mächte. Polizeiliche Handhabe ist gegen die Schläge des Schicksals unmöglich. Jedes Verbrechen, vor dessen Androhung sie zusammenzucken, bleibt ihnen unbegreiflich: "... aber nie erscheint die Polizei, weil es im Gesetzbuche zwischen den Zeilen steht ---".

Der Krüppel Lehmann erfährt indes eine wundersame Wandlung. Die überraschende Heirat mit der ungelernten Prostituierten Ursula verhilft ihm zur kurzzeitigen Illusion des Glücks. Einen Strich durch die Rechnung macht ihm das Wiederauftauchen seines Bruders "Kasperle".

Dieser, ein Ahasver, bemächtigt sich der Braut. Lehmann stürzt sich zu Tode – nicht ohne vorher reichlich vertrackte Reden mit gotteslästerlicher Tendenz gehalten zu haben. Der titelgebende "Niemand" ist ein Gott, der sich von seiner Schöpfung abgewandt hat. Horváths Figuren haben hier noch deutlich den Schaum des Expressionismus vor dem Mund. "Niemand" ist ein unvollkommener Dramentext, der voller bedeutender Schönheiten steckt. Er verbindet die Zeitdramatik eines Ernst Toller mit späteren Horváth-Schöpfungen wie den "Geschichten aus dem Wiener Wald". Er wird seinen Weg auf dem Theater machen. (Ronald Pohl, 19.8.2016)

  • Ödön von Horváth (hier 1938, nicht lange vor seinem Tod) stand als junger Autor durchaus im Banne des Expressionismus.
    foto: zsolnay-verlag

    Ödön von Horváth (hier 1938, nicht lange vor seinem Tod) stand als junger Autor durchaus im Banne des Expressionismus.

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