Es gibt immer noch zu viele Tageszeitungen in Wien

Blog18. August 2016, 10:04
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Das Aus für das "Wirtschaftsblatt" ist erst der Anfang einer unvermeidlichen Konsolidierungswelle

Acht Tageszeitungen sind heute in Wien erschienen: DER STANDARD, "Die Presse", "Heute", "Kronen Zeitung", "Kurier", "Österreich", "Wiener Zeitung" und "Wirtschaftsblatt" (alphabetisch gereiht).

Am 6. September werden es nur noch sieben sein. Aber auch das ist im Vergleich zur Bevölkerung mehr als in jeder anderen europäischen Hauptstadt. Andere Zweimillionenstädte haben höchstens drei oder vier Titel.

Einstellung war überfällig

Das Ende des "Wirtschaftsblatts" ist für seine Leser ein Verlust und für seine Mitarbeiter ein schwerer persönlicher Rückschlag. Aber aus wirtschaftlicher Sicht war die Einstellung des verlustbringenden Blattes schon lange überfällig. Und das gilt nicht nur für diese Nischenzeitung mit ihrer kleinen Lesergruppe.

Die Regionalzeitungen haben alle ihren Markt, die Wiener beziehungsweise nationalen Titel allerdings nicht. Es ist unvorstellbar, dass sie in 20 Jahren alle noch existieren werden.

Vielfalt mit ähnlichen Produkten

Medienvielfalt ist eine wunderbare Sache, aber letztlich sind sich viele Tageszeitungen recht ähnlich. Alle decken die aktuellen Ereignisse ab und kommentieren meist die gleichen Entwicklungen. Die Boulevardblätter "Krone", "Österreich" und "Heute" echauffieren sich über ähnliche Verbrechen, STANDARD, "Presse" und "Kurier" führen oft recht ähnliche Interviews.

Und alle kämpfen um denselben Werbekuchen, der zuerst durch das Internet und nun durch die Dominanz der US-Riesen Google und Facebook immer weiter schrumpft.

Keiner kann sich sicher sein

Kein einziges Wiener Blatt kann sich des Überlebens sicher sein. "Krone" und "Presse" leiden unter einer gealterten Leserschaft, DER STANDARD hat keinen starken Konzern im Rücken. Der "Kurier" ist durch seine unglückliche Positionierung zwischen Boulevard und Qualität gefährdet.

"Österreich" lebt nur durch die Gnade seiner Gläubigerbanken und der öffentlichen Inserenten, "Heute" vom Monopol, das ihm die Wiener Linien in der U-Bahn einräumen, und die "Wiener Zeitung" von den anachronistischen Pflichtveröffentlichungen im Amtsblatt.

Qualität statt Vielfalt fördern

Aber keine einzige Zeitung denkt ans Aufgeben, und jede hat ihr Publikum und auch eine gewisse Existenzberechtigung – selbst das oft verschmähte "Heute", das für viele Jugendliche die einzige gedruckte Nachrichtenquelle darstellt. Doch wirtschaftlich hat niemand eine sichere Grundlage, und wie Medienwissenschafter Matthias Karmasin im Ö1-"Morgenjournal" sagte, kann es nicht Sinn der Presseförderung sein, eine bunte Vielfalt zu fördern statt echter Qualität.

Aber an dieser Qualität mangelt es in allen Zeitungen. Keine Redaktion hat genügend Mitarbeiter, um Teams für größere Geschichten zu bilden, längerfristige investigative Recherchen zu starten oder auch nur einmal Geschichten am Nachmittag fallen zu lassen, wenn sie sich als weniger ergiebig als erhofft erweisen und sie durch ebenfalls spannende Artikel ersetzen zu können. Da können einzelne Journalisten noch so gut und engagiert sein – die Ressourcen für Topjournalismus sind oft nicht vorhanden.

Viel zu kleine Redaktionen

Und auch online fehlt es oft weniger an Ideen denn an den Redakteurinnen und Redakteuren, die diese ausführen können. Selbst nach den Kündigungswellen der vergangenen Jahre haben deutsche, Schweizer oder amerikanische Redaktionen viel mehr Mitarbeiter als die österreichischen.

Die Wiener Medienlandschaft wäre durch drei oder vier starke Zeitungsredaktionen, die Print und online arbeiten, besser bedient als durch sieben schwächere.

Strategische Konzepte gefordert

Je länger die Konsolidierung herausgezögert wird, desto größer ist die Gefahr, dass die Überlebenden am Ende auch nicht stärker sind als vorher, dass es in Österreich dann insgesamt weniger journalistische Jobs gibt und die Medienlandschaft insgesamt ärmer wird.

Allerdings kann niemand Fusionen oder Einstellungen erzwingen. Aber ebenso wenig sollten Titel künstlich am Leben erhalten werden. Deshalb ist das Aus für das "Wirtschaftsblatt" kein Grund für Zorn oder Trauer. Gefordert ist von der Regierung eine Medienpolitik, die abseits von politischen und persönlichen Kurzzeitinteressen strategische Konzepte verfolgt – und auch von den Verlegern die Bereitschaft, über den Wettbewerb des nächsten Tages hinauszudenken. (Eric Frey, 18.8.2016)

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    foto: apa / robert jäger
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