Schröcksnadel: "Sechs bis acht Medaillen sind möglich"

Interview17. August 2016, 19:49
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Peter Schröcksnadel legt sein Amt als Projektkoordinator nieder. Für Tokio 2020 sieht er viel Potenzial. Das Fördersystem gehöre reformiert, der Frauensport forciert

STANDARD: Österreich hat eine Medaille gewonnen, also eine mehr als in London 2012. Ist das ein Verdienst des "Projekts Rio", und ist das "Projekt Rio" damit bereits ein Erfolg?

Schröcksnadel: Ja. Junge Sportler, die das erste Mal dabei waren und Leistung gebracht haben, haben mir imponiert. Manche sind in der Weltklasse angekommen, zum Beispiel die Schützin Hofmann, die Judokämpferinnen Unterwurzacher und Graf, die Ruderin Lobnig, der Diskuswerfer Weißhaidinger. Die haben bewiesen, dass man vorne dabei sein kann, wenn man etwas gezielt macht.

STANDARD: Sind Sie wirklich mit einer Medaille restlos zufrieden?

Schröcksnadel: Sicher nicht. Da und dort bin ich wirklich enttäuscht, vor allem bei den Beachvolleyballern, da waren die Ungeförderten besser als die Geförderten. Ich bin froh über diese Medaille, sehr froh sogar. Eine Medaille ist ein Fortschritt. Mein Anspruch war, dass wir drei Medaillen machen. Wenn ich nicht gesagt hätte, wir machen drei bis fünf Medaillen, hätten wir gar keine gemacht.

STANDARD: Als Präsident des Skiverbands hatten Sie jetzt einige Jahre mit dem Sommersport zu tun. Wo liegen Unterschiede zwischen dem österreichischen Sommersport und dem Wintersport?

Schröcksnadel: Eigentlich gibt es keinen Unterschied. Aber im Sommersport gibt's bei uns zu wenig interne Konkurrenz. Du brauchst schon intern welche, die dich pushen, die haben wir nicht. Also müssen wir Zellen schaffen, Gruppen bilden. Die Segler haben das vorgezeigt. Sie haben einen Haufen Geld gekostet, wir haben bei den Seglern sehr viel investiert, und jetzt haben sie eine Medaille geholt. Medaillen zu gewinnen, ist halt sehr schwierig. Vielleicht werden jetzt auch die Medaillen des Skiverbands mehr geschätzt.

STANDARD: In einigen Sportarten ist Österreich unter "ferner liefen". Es gibt Länder, die schicken nur Sportlerinnen und Sportler zu Olympia, wenn diese ein Finale erreichen können. Wäre das für Sie ein Ansatz?

Schröcksnadel: Auf jeden Fall. Die Chance auf ein Finale oder, bei den Schwimmern, zumindest auf ein Semifinale sollte da sein. Das ist Aufgabe des Sportministers, er muss hergehen und sagen, wir machen künftig etwas anders. Ich glaube, Hans Peter Doskozil hat das Potenzial. Wo haben wir Chancen, künftig Medaillen zu machen? Das ist in einem Geschäft genauso, da muss ich auch schauen, was ich verkaufen kann. Seit London ist relativ viel passiert. Bis Tokio 2020 sind es weitere vier Jahre, da müsste noch mehr funktionieren.

STANDARD: Was heißt 'mehr'?

Schröcksnadel: Sechs bis acht Medaillen sind in einigen Jahren sicher möglich. Die Ungarn können das, wieso können wir es nicht? Wir müssen daran glauben.

STANDARD: Das IOC will bald ebenso viele Sportlerinnen wie Sportler bei Sommerspielen sehen, die Frauenquote erhöhen. Bedeutet das, dass Österreich speziell den Frauensport fördern sollte?

Schröcksnadel: Unbedingt. Vielleicht gibt es bei den Frauen dann Medaillen, die leichter abzuholen sind. Aber das ist ganz egal. Medaille ist Medaille.

STANDARD: Der relativ neue Sportminister spricht, wie so gut wie jeder Sportminister vor ihm, von einer Strukturreform. Stimmen Sie mit ihm überein, und wie soll die Reform aussehen?

Schröcksnadel: Es sind in Österreich genügend Fördermittel vorhanden. Das Problem ist, dass es zu viele Töpfe gibt: Sporthilfe, Bundessportförderungsfonds, Projekt Rio und so weiter. Du musst all das Geld zusammenziehen. Wir haben drei große Dachverbände, ich bin nicht gegen sie. Aber man kann denen sagen, wie sie das Geld einsetzen sollen. Ich hab vor kurzem von einer klugen Frau gehört, dass man die Lehmschicht zwischen oben und unten wegräumen muss. Diese Frau hat recht, in der Lehmschicht versickert zu viel.

STANDARD: Soll das Projekt Rio weiterlaufen, in ein Projekt Pyeongchang für die Winterspiele 2018 und in ein Projekt Tokio für die Sommerspiele 2020 münden?

Schröcksnadel: So ein Projekt muss fortgesetzt werden, auch wenn es in dieser Form nur eine Notlösung ist. Es gehört in einen größeren Rahmen gesetzt.

STANDARD: Mit Peter Schröcksnadel an der Spitze?

Schröcksnadel: Sicher nicht. Für die Winterspiele geht das gar nicht, weil ich ÖSV-Präsident bin und der ÖSV gefördert wird. Und Tokio 2020 mach ich garantiert nicht. Meine Aufgabe ist erfüllt, ich sorge nur noch für eine geordnete Übergabe. Außerdem kommen auf mich die Biathlon-WM 2017 in Hochfilzen und die Nordische WM 2019 in Seefeld zu.

STANDARD: Sie tragen, wie Sie es für den Fall eines Medaillengewinns angesagt haben, die ÖOC-Lederhose. Wie fühlen Sie sich damit?

Schröcksnadel: Na ja. Das letzte Mal hatte ich als Vierjähriger eine Lederhose an. Aber diese Hose hier hätte ich gerne schon früher angezogen. (Fritz Neumann aus Rio, 18.8.2016)

Peter Schröcksnadel (75) aus Innsbruck ist Unternehmer (Sitour Austria). Seit 1990 ist er Präsident des ÖSV. Nach London 2012 wurde er mit dem Projekt Rio beauftragt

  • Peter Schröcksnadel ist natürlich nicht zufrieden mit der Medaillen-Bilanz.
    foto: apa/pfarrhofer

    Peter Schröcksnadel ist natürlich nicht zufrieden mit der Medaillen-Bilanz.

  • Beim Tischtennis fieberten der Projekt-Rio Chef  und Sportminister Doskozil ordentlich mit. Ohne Erfolg.
    foto: apa/techt

    Beim Tischtennis fieberten der Projekt-Rio Chef und Sportminister Doskozil ordentlich mit. Ohne Erfolg.

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