"Wirtschaftsblatt": Gewerkschaft fordert Stiftung für Journalisten

17. August 2016, 18:02
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Mehr als 100 Journalisten könnten bis Ende des Jahres ihren Job verlieren, rechnet die Gewerkschaft. Der Branche droht weiteres Sparen. Das "Wirtschaftsblatt" ist erst der Anfang, mutmaßen Kenner

Wien – 66 Medienarbeiterinnen und -arbeiter verlieren am 2. September ihren Job: Das "Wirtschaftsblatt" erscheint an diesem Tag zum letzten Mal. In der Branche könnten in den nächsten Monaten noch mehr Jobverluste dazukommen. Die Journalistengewerkschaft rechnet damit, dass bis Jahresende mehr als hundert Journalisten Opfer von Sparprogrammen in Österreichs Medienunternehmen werden.

Wie berichtet, droht dem "Kurier" demnächst ein größeres Sparpaket. Details dazu verhandelt die Geschäftsführung gerade aus. Zuletzt wurden drei Millionen Euro an Kostensenkungen kolportiert, zu einem großen Teil soll beim Personal gespart werden.

Kündigungen bei News

In der News-Gruppe steht das Sparthema seit Monaten im Raum. Nachdem News-Chef Horst Pirker Mehrheitsanteile von Gruner + Jahr erworben hat, gelten Kürzungen als unumgänglich. Der Personalbbau soll nach STANDARD-Infos gut zweistellig ausfallen und besonders das Flaggschiff "News" treffen.

Die Journalistengewerkschaft fordert deshalb eine Branchenstiftung, die gekündigte Medienmitarbeiter bei Weiterbildung und Umschulung unterstützen soll. "Die Breite des Problems rechtfertigt das", sagt Journalistengewerkschafter Franz C. Bauer dem STANDARD. Für die Finanzierung sieht er "Unternehmen und öffentliche Hand gefordert".

Antworten auf die Medienkrise vermisst Bauer von Verlegern, aber auch von den Journalisten selbst: "Wir müssen uns neu erfinden." Innovation käme zu kurz. Überdies findet er es "falsch, dass man Inhalte verschenkt".

Für das "Wirtschaftsblatt" kommen derlei Lösungsvorschläge zu spät. 17 Millionen Euro Verlust soll die 1995 gegründete Tageszeitung seit der Mehrheitsübernahme der Styria 2006 angesammelt haben. Das Scheitern sei absehbar gewesen, kritisiert der Betriebsrat. Innovationen und vermehrte Verkaufsanstrengungen wären vonnöten gewesen. Stattdessen habe die kaufmännische Führung speziell seit 2009 vor allem versucht, auf der Kostenseite anzusetzen. Die "Ausdünnung der Redaktion" hält auch Bauer für falsch.

Im Gegenzug zur Einstellung des "Wirtschaftsblatts" will der Mutterkonzern Styria die Wirtschaftsberichterstattung in der "Presse" ausbauen – auf 60 Seiten wöchentlich, mit dem Team, das derzeit dort tätig ist, berichtet "horizont.at". Eine Übernahme von Mitarbeitern des "Wirtschaftsblatts" sei nicht geplant, "wird aber auch nicht ausgeschlossen", sagte Styria-Vorstandsvorsitzender Markus Mair ebendort. Der Schritt der Styria sei zu akzeptieren, sagte ÖVP-Mediensprecher Peter McDonald. Das Ende sei "ein großer Verlust".

Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl hofft noch: Es sollten "alle Möglichkeiten" für den Fortbestand genutzt werden. Leitl schlägt Kooperationen oder Investoren vor.

Thomas Kralinger vom Verlegerverband sieht die Politik gefordert, schließlich sei die Presseförderung nie "Instrument zur Verlustabdeckung für Medienhäuser, wie manche Politiker meinen, sondern immer für den Erhalt der Medienvielfalt gedacht". Jetzt über höhere ORF-Gebühren zu diskutieren, verstärke "die Schieflage", sagte Kralinger. (prie, 17.8.2016)

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    foto: apa/hans punz
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