Studie: Kein EU-Land hat bisher Erfolg bei Integration am Arbeitsmarkt

18. August 2016, 06:57
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Ob Schweden oder Österreich: Die Eingliederung von Flüchtlingen auf dem Jobmarkt ist in allen neun untersuchten EU-Staaten schwer. Laut Bertelsmann-Stiftung fehlen Erfolgsmodelle

Wien – Gibt es Länder in Europa, die bei der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt besonders erfolgreich sind? Dieser Frage ist der Ökonom Iván Martín mit einem Dutzend Kollegen im Auftrag der deutschen Bertelsmann-Stiftung nachgegangen.

Martín und sein Team haben Zahlen aus Schweden und Dänemark zusammengetragen, französische Flüchtlinge interviewt, mit Arbeitsmarktexperten in den Niederlanden gesprochen. Das Ergebnis ihres Berichts liest sich ernüchternd, wenn auch nicht völlig entmutigend. Die wichtigste Conclusio des Reports: In keinem der neun untersuchten EU-Länder, die Flüchtlinge im großen Stil aufgenommen haben, darunter Österreich, Schweden, Deutschland und Frankreich, gelingt die Integration der Menschen auf dem Arbeitsmarkt bisher zufriedenstellend.

94 Maßnahmen analysiert

Die Ökonomen haben 94 auf Asylwerber und Flüchtlinge zugeschnittene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in den neun EU-Staaten identifiziert und analysiert. Die Palette reicht von Sprachkursen über Weiterbildungsangebote bis hin zu Lohnbeihilfen. Eine Einschränkung machen die Wissenschafter selbst. Die Datenlage ist in vielen Ländern unzureichend, viele Programme laufen erst zu kurz, um richtig evaluiert werden zu können. Der Fokus der Bertelsmann-Untersuchung liegt zudem nur auf den Fluchtwellen der vergangenen Jahre.

Beispiel Schweden: Die ambitioniertesten Ansätze zur Integration von Flüchtlingen gibt es in Schweden, wo zwischen 2000 und 2015 eine halbe Million Menschen Asyl beantragt haben. In Schweden kann jeder Asylwerber vom ersten Tag an arbeiten, sofern er seine Identität nachweisen kann – im Gegensatz zu Österreich, wo Asylsuchende vom Arbeitsmarkt de facto ausgeschlossen sind. Trotzdem haben über die vergangenen Jahre nur wenige Asylwerber in dem skandinavischen Land Beschäftigung gefunden. 2014 und 2013 (neuere Zahlen gibt es nicht) waren es gerade 450 Menschen.

Bescheidene Ergebnisse

Verantwortlich für die Eingliederung von anerkannten Flüchtlingen ist später das staatliche Arbeitsamt, das ein zweijähriges "Einführungsprogramm" anbietet. In dieser Zeit müssen Flüchtlinge Sprachkurse und Weiterbildungen absolvieren, ansonsten droht der Entzug von Beihilfen. Berater, das können NGOs oder Unternehmen sein, sollen in der Zeit Jobangebote finden und Vorstellungsgespräche organisieren. Die Berater werden besser bezahlt, wenn ein Flüchtling an einen Arbeitgeber vermittelt wird.

Die Ergebnisse sind bescheiden. Zuletzt fanden nur elf Prozent der Frauen und 28 Prozent der Männer nach Ende des Einführungsprogramms einen Job.

Viele Bemühungen gibt es laut Ökonomen auch in Dänemark. Hier sind die Gemeinden für Integration verantwortlich. Sie sind verpflichtet, mit jedem Flüchtling eine Integrationsvereinbarung abzuschließen. Sprachkurse, Orientierungshilfe und Jobvermittlungsdienste müssen angeboten werden. Wie in Schweden gibt es Zuschüsse für Unternehmen, die einen Flüchtling einstellen. Die Förderungen stehen drei Jahre zur Verfügung. Laut dem Bertelsmann-Bericht schafft es nur ein Drittel der Flüchtlinge, in den drei vorgesehenen Jahren Arbeit zu finden.

Strittige Wohnsitzauflagen

Österreich/Deutschland: In der Studie wird auch Ländern wie Österreich, Deutschland und Finnland attestiert, sich um die Eingliederung zu bemühen. Für Österreich wird die Datenlage bisher als zu dünn eingestuft, um den Erfolg der Maßnahmen bewerten zu können. Laut Martín gibt es nur zwei EU-Staaten, die "sich in puncto Integration keine Mühe geben": Frankreich und Großbritannien. Unklar ist laut Bertelsmann-Studie, ob Wohnsitzauflagen positiv sind. In Dänemark gibt es solche Auflagen. Doch wird laut der Studie dabei die Verfügbarkeit von Jobs ungenügend berücksichtigt – weshalb das kein Modell sei.

Schon in der Vergangenheit waren die Beschäftigungsquoten von Flüchtlingen niedrig. Die Grafik zeigt Zahlen von 2014, bildet also frühere Migrationsbewegungen ab. In Zukunft könnten die Quoten laut dem Bertelsmann-Bericht noch niedriger ausfallen.

Kaum Frauenförderung

Doch das muss nicht so sein. Laut den Ökonomen gibt es zahlreiche strukturelle Probleme, die Integrationserfolge erschweren. Flüchtlinge bringen oft Qualifikationen mit, die ihnen in Europa nicht helfen, sie können die Sprache nicht. Zugleich sind die Jobmärkte in vielen EU-Ländern abgeschottet, ohne Gewerbeschein und Zeugnisse geht nichts.

Arbeitsmarktökonom Martín, der am Migrationszentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz forscht, rät dazu, kreativ zu sein und neue Ansätze auszuprobieren. "Von einer gelungenen Integration können alle profitieren, sozial wie finanziell."

Die Studienautoren haben in Europa kaum speziell auf Frauen ausgerichtete Förderprogramme gefunden, obwohl es Indizien in der Forschung gibt, dass dies die Integration insgesamt erleichtern könnte. Viele der Integrationsprogramme erscheinen zudem laut Ökonomen unterfinanziert.

Reformierte Sozialhilfe

Martín rät dazu, die Sozialhilfe zu reformieren. Derzeit gilt fast überall, dass Flüchtlinge nur Geld bekommen, wenn sie keinen Job finden. Deshalb schrecken Flüchtlinge davor zurück, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen, dafür gibt es laut Martín Belege. Daher empfiehlt er einen Mix. Bis zu einem gewissen Einkommen soll die Sozialhilfe weiter ausgezahlt werden. In Österreich gibt es ein solches System bei der Mindestsicherung bisher nur in Niederösterreich. (András Szigetvari, 18.8.2016)

  • Flüchtlinge beim Kompetenzcheck des AMS: Österreichs Bemühungen für die Integration werden im Bertelsmann-Bericht hervorgehoben.
    foto: von usslar

    Flüchtlinge beim Kompetenzcheck des AMS: Österreichs Bemühungen für die Integration werden im Bertelsmann-Bericht hervorgehoben.

  • Eine Flüchtlingsberaterin in Berlin. Mehr Frauenförderung könnte Integration erleichtern, glauben Ökonomen.
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    Eine Flüchtlingsberaterin in Berlin. Mehr Frauenförderung könnte Integration erleichtern, glauben Ökonomen.

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