Jagd nach Rendite sorgt für Irrwege der Geldströme

18. August 2016, 11:00
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Rostiges Autowrack entwickelte sich zur goldenen Gans. Kunst rückt immer stärker ins Anlegerinteresse

Wien – Die Zeiten sind mager für Anleger: Noch nie lieferte eine so große Anzahl von ausstehenden Staatsanleihen so schlechte Renditen. Deutsche Staatsanleihen notieren sogar bei langen Laufzeiten nur minimal über null. Die Jagd nach mehr Rendite, jetzt, da die Europäische Zentralbank die Zinsen abgeschafft hat, brachte eine Veranlagungswut hervor, die durchaus auch seltsame Früchte trug.

Eines der bemerkenswertesten Ereignisse auf diesem Sektor war zweifellos die schier unglaubliche Geschichte eines Sportwagens: Sieben Jahrzehnte rostete nämlich ein Bugatti Brescia Typ 22 Roadster auf dem Grund des Lago Maggiore, bevor er geborgen wurde. Der dritte Eigentümer, ein Architekt aus Zürich polnischer Herkunft, hatte den Wagen, weil er ihn nicht versteuert hatte und vor den Fiskalfahndern verstecken wollte, an einer Kette in den See gehängt – und dann auf das Fahrzeug vergessen.

Als Skelett geborgen

Es dauerte fast ein Menschenleben, bis die Mitglieder eines Tauchclubs das übriggebliebene Skelett bargen. Fast 80 Prozent des einstigen Sportwagens hatte die Zeit weggenagt; was noch übrig blieb, sah zum Erbarmen aus. Trotzdem hatten die Optimisten des Auktionshauses Bonhams 2010 mit einem Preis von maximal 90.000 Euro gerechnet (was ohnehin an ein Wunder grenzte) – und ließen dann die Korken knallen, als der Hammer schließlich bei 260.500 Euro fiel. Ein klares Zeichen für die Verirrungen von Kapital, das seinen Weg sucht.

Der Bugatti aus dem See ist sicherlich ein Sonderfall. Doch inzwischen sind auch einstige Massenfahrzeuge italienischer Provenienz zu begehrten Sammlerobjekten geworden: Ein Alfa Romeo 1750 Veloce, 1969 auf die Welt gekommen und in gutem Erhaltungszustand, rollte noch vor acht Jahren mit etwas Glück für Beträge um die 10.000 Euro in die Garage – inzwischen werden dafür ca. 35.000 Euro verlangt. 250 Prozent Ertrag in wenigen Jahren – und fahren kann man mit der "bella macchina" auch noch.

Ein anderer Fall, der bei vielen zumindest ein Runzeln der Augenbrauen hervorrief, ist die Figur eines kindergroßen, knienden Hitlers: Die Skulptur des italienischen Starkünstlers Maurizio Cattelan wurde zum großen Teil aus Wachs, menschlichem Haar und Kunstharz gefertigt – und im Mai dieses Jahres beim New Yorker Auktionshaus Christie's für satte 17 Millionen US-Dollar (15,5 Millionen Euro) versteigert.

Leidenschaft vs. Gewinn

Kunst und Sammlerstücke werden aber von Vermögensverwaltern zunehmend als wichtige Anlageform gesehen. 78 Prozent wollen daher Services mit Kunstbezug in ihr Portfolio aufnehmen, meldet Deloitte im Art & Finance Report 2016. Zum ersten Mal in fünf Jahren wird von einer deutlichen Mehrheit der Asset-Manager, Sammler und Experten übereinstimmend Kunst als wichtige Anlageform anerkannt.

72 Prozent der Kunstsammler weltweit kaufen Kunst aus Leidenschaft und haben dabei den Renditeaspekt nur im Hinterkopf, während nur sechs Prozent Kunst als reines Investment kaufen. 22 Prozent der befragten Sammler kaufen Kunst allein des Sammelns wegen. Während emotionale Aspekte weiterhin die primäre Motivation für den Erwerb von Kunst bleiben, gewinnt die finanzielle Komponente jedoch zunehmend an Bedeutung.

Laut dem Art & Finance Future Indicator werden Vermögensverwalter in den kommenden Monaten weiter in kunstbezogene Services wie Kunstinvestmentfonds investieren – aber in geringerem Maße. Der Indikator liegt in diesem Bereich auf dem geringsten Level seit dem ersten Report 2011.

Mögliche Blase

Die Vermögensverwalter werden sich zukünftig wohl vermehrt auf Dienstleistungen konzentrieren, die die Werterhaltung des Kunstanteils im Vermögen ihrer Kunden garantieren. Beispiele für solche Services sind Nachlassplanung, Anlagen unter philanthropischen Gesichtspunkten und mit Kunst besicherte Darlehen.

Dies befeuert aber den Markt – Blasenbildung nicht ausgeschlossen: Denn der US-amerikanische Markt für kunstbesicherte Darlehen – sie bieten den Sammlern die Möglichkeit, Zugang zum Vermögenswert ihrer Kunstgegenstände zu erhalten, ohne sie verkaufen zu müssen – ist in den vergangenen fünf Jahren jährlich um 15 bis 20 Prozent gewachsen (gemessen am Wert der ausstehenden Darlehen, Anm.). Aktuell wird dieser Markt auf ein Volumen von 15 bis 19 Milliarden US-Dollar geschätzt. (Reinhard Krémer, 11.8.2016)

  • Für 260.500 Euro fanden 2010 auf einer Auktion die Reste eines Bugatti Brescia Typ 22 Roadster einen neuen Besitzer.
    foto: ap / michel zumbrunn

    Für 260.500 Euro fanden 2010 auf einer Auktion die Reste eines Bugatti Brescia Typ 22 Roadster einen neuen Besitzer.

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