"Captain Fantastic": Der Aussteigerpapa ist doch der Beste

18. August 2016, 06:00
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In Matt Ross' Indie-Komödie verkörpert "Herr der Ringe"-Star Viggo Mortensen ein spleeniges Familienoberhaupt, dessen Kinder in der Wildnis aufwachsen. Ein Trauerfall führt zur Konfrontation mit dem angepassten Teil der Welt

Wien – Eltern kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Über Ben Cashs (Viggo Mortensen) sechs Kinder (zwischen sieben und 18) lässt sich zumindest sagen, dass sie ein ungewöhnliches Los gezogen haben. Statt in der zerstörerischen Zivilisation von Stadt und Land wachsen sie in der Wildnis des Pazifischen Nordwestens auf. Sie jagen und ernten wie Ureinwohner, nach dem Essen wird humanistisches Bildungsgut gereicht. Insbesondere kritisches Denken steht bei Ben hoch im Kurs. Statt Weihnachten feiert die Familie Noam-Chomsky-Tag.

foto: constantin
Die Kinder von Ben Cash (Viggo Mortensen) haben das Querdenken von der Pike auf gelernt.

Doch selbst das Außergewöhnliche ist ganz normal, wenn man nichts anderes kennt. Captain Fantastic, eine schrullige Komödie von US-Regisseur Matt Ross und als solche einer der Hits des diesjährigen Sundance-Filmfestivals, macht sich diese Erkenntnis zunutze. Die Perspektive auf diesen alternativen Lebensstil ist zunächst durchaus ambivalent. Was einerseits wie eine fröhlich-kollektive Neuauslegung von Henry David Thoreaus Ausstiegsfantasie Walden erscheint, nimmt im nächsten Moment beunruhigende Züge an: Was, wenn dieser Ben Cash ein Spinner ist, der seine Kinder mit seinen Ideen zu radikalen Außenseitern erzieht?

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Trailer (deutsch).

Da Viggo Mortensen den spleenigen Familienvater verkörpert, bleibt dieser Verdacht nicht lange aufrecht. Der Herr der Ringe-Star lebt auch als Privatperson eine posthippieske Weltanschauung vor, als Schauspieler entscheidet er sich gerne für kleine Produktionen, wenn ihm das Sujet zusagt. Mit Rauschebart und prüfendem Blick ist er in Captain Fantastic weniger ein zweiter Charles Manson als einer dieser wohlmeinenden Idealisten. An seiner Gegenwelt klingt vieles vernünftig, außer ihr Mangel an Pragmatismus. Die Regeln der anderen da draußen nimmt Ben nicht ernst. Diebstahl ist bei ihm eine Lektion, der er einfach einen Erkenntnisgewinn zuschreibt.

Ein Trauerfall bringt die Familie schließlich im Stil eines Roadmovies auf die Straße. Die Mutter hat sich nach langer Depression das Leben genommen, auf das Begräbnis laden sich Ben und Co nun selbst ein. Der unorthodoxe Clan begibt sich damit auf Konfrontationskurs mit dem angepassten Teil der Welt, was nicht von ungefähr an Little Miss Sunshine erinnert, einen Arthouse-Hit mit ähnlichem Tonfall.

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Trailer (englisch).

Auch hier wird die Fahrt zur laufenden Verführung, in der eine Prüfung und Bewährungsprobe steckt. In der wohl schönsten Szene macht der Teenagersohn der ersten weiblichen Bekanntschaft mit reinem Herzen einen Heiratsantrag.

Als Erzählung über Herausforderungen, die erst mit dem Gegenentwurf zum eigenen idealistischen Modell akut werden, gelangt Captain Fantastic aber nicht über Mittelmaß hinaus. Einige der Etappen, vor allem die letzte in Gestalt der Schwiegereltern (Frank Langella und Ann Dowd auf verlorenem Posten), sind Genrestereotype, die auch der emphatische Inszenierungsstil von Matt Ross nicht besser macht. Für eine Komödie, die von einer Familie handelt, die keine gedanklichen Schranken zulässt, rennt Captain Fantastic erstaunlich verlässlich auf den Zaun zu. (Dominik Kamalzadeh, 18.8.2016)

Ab Freitag im Kino

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