"Lamb": Im Hochland mit Grübchen

17. August 2016, 15:39
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Semiautobiografisches Drama in Äthiopien: Hätte ein europäischer oder amerikanischer Regisseur diesen Film gedreht, die Kolonialismuskeule hätte schwer zugeschlagen

Will das Kino ein modernes Märchen sein, dann ist sein Bilderfundus überschaubar. Märchenhaft bedeutet nämlich zumeist satte Farben, beeindruckende Landschaften, Menschen mit nicht mehr als zwei Eigenschaften – und oft Kinder. Hübsche Kinder und Tiere. Mit einem Schauplatz wie zum Beispiel dem äthiopischen Hochland, wo das Grün hinter den einfachen, aber sauber aufgeräumten Hütten leuchtet, ist ein solches Märchen auch hübsch anzusehen.

foto: polyfilm
Noch frisst Chuni aus der Hand, doch das Lamperl soll zur Kreuzerhöhung in den Kochtopf.

Lamb erzählt die Geschichte eines neunjährigen Buben, der diese Schönheit jedoch nicht genießen kann, weil sie natürlich nur für unsere Augen bestimmt ist. Dafür hat Ephraim (Rediat Amare), wie im Presseheft zum Film nachzulesen, "Schmollmund und schwermütige Augen". Sein Vater, der "so liebreizend lächelt wie ein zahnloses Kind, wann immer er seinen Sohn sieht", bringt ihn nach dem Tod von Ephraims Mutter zu seinem Cousin, um in der Stadt Arbeit zu finden.

polyfilm verleih
Trailer.

Weil sich Ephraim aber hinter dem Kochtopf geschickter anstellt als hinter dem Pflug, ist er seinem Ziehvater nicht willkommen. Und Chuni, das "bernsteinfarbene, pummelige" Lamm, will der Christ zum Fest der Kreuzerhöhung auch verzehren. Zum Glück gibt es die trotzige Cousine mit den "großen, mandelförmigen Augen und tiefen Grübchen".

foto: polyfilm

Hätte ein europäischer oder amerikanischer Regisseur diesen Film gedreht, die Kolonialismuskeule hätte schwer zugeschlagen. Yared Zeleke stammt aber aus Äthiopien, hat in New York Film studiert und wollte ein "semiautobiografisches Drama mit Herz, Herzschmerz und Humor" drehen. Und hat sich für Bilder entschieden, die auch eine Packung äthiopischen Hochlandkaffee schmücken könnten. (pek, 17.8.2016)

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