Der "Goldklumpen" am Baikalsee

Blog18. August 2016, 12:05
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Der Burjate Bair malt, formt, schnitzt – und das alles ohne Schul- oder Kunstausbildung. Der russische Volksmund hat dafür einen eigenen Namen

Der Baikal ist schön, der Baikal ist kalt. Bairs Lächeln ist warm wie die rote Abendsonne über dem Sajany-Gebirge am anderen Ufer. "Guten Abend, schauen Sie mal", begrüßt der alte Mann das ihm entgegenkommende Pärchen auf Deutsch, offenbar aus den wenigen Gesprächsfetzen, die er zuvor vernommen hat, seine Schlüsse ziehend. Dabei hält er ein Stück Holz in die Höhe. Für den nüchternen Betrachter ist es einfach nur ein angeschwemmter Stock. Mit ein wenig Phantasie aber erinnert es an einen Tier- oder Vogelkopf.

An Phantasie mangelt es Bair nicht. Oft sei er hier am Strand unterwegs, um nach bizarren Fundstücken Ausschau zu halten, die er als Inspiration, Muster oder Material gebrauchen kann. "Mit leeren Händen komme ich selten nach Hause", sagt er. Bair ist Burjate und hier im Fischerdorf Posolskoje geboren.

Posolskoje hat seinen Namen von einer verunglückten Botschaftermission, deren Mitglieder hier vor über 350 Jahren von Eingeborenen getötet wurden. Ein wunderschönes Kloster in Ufernähe, das älteste im Transbaikal-Gebiet, erinnert an den Vorfall. Daneben hat der Ort selbst wenig zu bieten: ein paar verfallene Bauernkaten, ein paar sowjetische Zweckbauten. Dafür glitzert der Baikal vor der Haustür in den Strahlen der Abendsonne.

Existenzwirtschaft und Fischfang

Früher gab es ein Fischkombinat in der Nähe, das den Menschen Arbeit und Einkommen sicherte. Inzwischen ist der Betrieb pleite, ein paar Wracks rosten am Strand – ein melancholisch-malerischer Anblick. Die Bewohner halten sich mit bäuerlicher Existenzwirtschaft und privatem Fischfang über Wasser – oder ziehen in die Stadt.

Auch Bair hat sich in seinem Leben in zahlreichen Berufen durchschlagen müssen, doch seine eigentliche Berufung ist die Kunst. Er malt, er formt, er schnitzt. Höhere Schul- oder gar eine spezielle Kunstausbildung hatte er nie. Menschen wie Bair nennen die Russen im Volksmund "Samorodok" –"Goldklumpen", ein von der Natur selbst geformtes Talent. Er rezitiert Gribojedow und Majakowski, offeriert einen – für die sowjetische allgemeine Schulbildung und 40 Jahre Zeit zum Vergessen – erstaunlich großen deutschen Wortschatz und schafft mit seinen Händen Bewegendes.

Durchschnittlich minus 22 Grad

Vor Jahren habe er einmal in Ulan-Ude Eisskulpturen angefertigt und sogar einen Preis gewonnen, erinnert er sich. An den letzten Winter hingegen erinnert der Alte sich nicht so gern. "Ich hatte kein Geld für Brennholz, da war es ziemlich kalt in meiner Hütte", sagt er. Tatsächlich sinken die Temperaturen im Winter in Posolskoje auf durchschnittlich minus 22 Grad.

In seinen Bildern hat der Winter keinen Platz. Sie sind grün und blau – und manchmal auch rot und schwarz. Bairs Bilder erzählen Geschichten und Fabeln, verwurzelt in russischer Folklore und Literatur, burjatisch-mongolischer Mythologie und der geheimnisvollen Tiefe des Baikals. Er porträtiert einen Schamanen, der, unter einem Baum sitzend, seine Geschichten zum Besten gibt. Ist das Bair selbst? Er zeichnet eine traditionelle Burjaten-Hochzeit, bei der sich das ganze Dorf um die Frischvermählten einfindet. Sind das Erinnerungen an eine frühere, glücklichere Zeit? Es gibt Bilder von kämpfenden Drachen und Himmelsgestirnen. Der Kampf gegen die eigenen inneren Dämonen?

Ein "Meer" namens Baikal

Ein Bild erzählt vom Fischer, der seinen Sohn trotz Sturms lehrt, das Netz auszuwerfen. "Es ist vielleicht das letzte Mal, dass dieser Mann auf dem Meer ist", sagt Bair. "Meer" – so nennen sie den Baikal hier.

Bair hat keinen Sohn, den er lehren kann. Er hat auch keine Tochter mehr. Die ist seit langem aus dem Haus, zusammen mit der Ehefrau geflohen vor Kälte und Perspektivlosigkeit. War es vielleicht auch der Wodka, der sie vertrieb? Oder vertreibt Bair mit dem Wodka, den er mit den kargen Erlösen seiner Bilder ersteht, die Geister der Einsamkeit in seiner leeren Hütte? Ein klappriges Bett, ein wackliger Stuhl, ein zerbröckelnder Ofen – das ist das ganze Inventar. Der Sommer ist kurz am Baikal, die Winternächte sind lang. Bair nimmt noch einen Schluck. Er mag nicht an den Winter denken. Der Baikal ist schön, der Baikal ist kalt. (André Ballin aus Posolskoje, 18.8.2016)

  • Bair nennen die Russen "Samorodok" – einen "Goldklumpen", ein von der Natur selbst geformtes Talent.
    foto: andré ballin

    Bair nennen die Russen "Samorodok" – einen "Goldklumpen", ein von der Natur selbst geformtes Talent.

  • Eines von Bairs Bildern.
    foto: andré ballin

    Eines von Bairs Bildern.

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