Syrien-Krieg "an Barbarei nicht zu übertreffen"

Interview17. August 2016, 14:23
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Gerald Schöpfer, Rot-Kreuz-Präsident in Österreich, erklärt, warum der Krieg in Syrien "einer der grausamsten der letzten Jahrzehnte" ist

STANDARD: Wo ist das Rote Kreuz in Syrien noch im Einsatz?

Schöpfer: Wir sind in ganz Syrien tätig. In Aleppo hat das internationale Rote Kreuz derzeit etwa 60 Mitarbeiter, hinzu kommen lokale Mitglieder des Roten Kreuzes beziehungsweise Halbmondes. Dieser Konflikt ist auch für uns als Hilfsorganisation eine besondere Herausforderung.

STANDARD: Was macht den Krieg in Aleppo so besonders dramatisch?

Schöpfer: Die Situation in Aleppo ist dramatisch – so dramatisch, dass man sich das bei uns gar nicht vorstellen kann. Aleppo ist eine belagerte Stadt, in der von Häuserblock zu Häuserblock gekämpft wird. Es gibt keinen Strom mehr und damit auch kein Wasser, weil dafür funktionierende Wasserpumpen notwendig sind. Nahrung gibt es zu wenig, in den Spitälern fehlen die meisten Medikamente. Das ist nicht nur eine Katastrophe für Kinder und Alte, sondern für jeden Menschen dort. Es lässt sich kaum noch unterscheiden, wer nun auf welcher Seite steht. Es gibt einerseits die Regierungstruppen und die Rebellen, die Rebellen aber wiederum bestehen aus verschiedenen Splittergruppen. Das macht das Verhandeln eines Waffenstillstandes dort so schwierig. Und mit Flugzeugen lassen sich dort kaum Lebensmittel abwerfen, weil Aleppo dicht verbautes Gebiet ist und man die Menschen gefährden würde.

STANDARD: Die Vereinten Nationen warnen vor einer "humanitären Katastrophe" in Aleppo. Hat sich die Situation verschlechtert?

Schöpfer: Ja. Syrien befindet sich im sechsten Kriegsjahr. Es gibt Kinder in Aleppo, die nichts anderes außer Krieg kennen. Inzwischen gibt es keine sicheren Orte mehr, Zivilisten werden überall angegriffen und als Schutzschild gebraucht. Sämtliche Grundgesetze des humanitären Völkerrechtes sind außer Kraft gesetzt. Das Zeichen des Internationalen Roten Kreuzes beziehungsweise Halbmondes wird nicht geachtet, humanitäre Organisationen und Spitäler werden im Gegenteil gezielt angegriffen. Es ist ein Krieg von einer ungeheuren Grausamkeit, einer, der an Barbarei nicht zu übertreffen ist. Das Schreckliche ist, dass alle involvierten Player sich positioniert haben und zwischen ihnen keine Verständigung möglich scheint.

STANDARD: Ist in Aleppo Hilfsarbeit überhaupt noch möglich?

Schöpfer: Hilfsorganisationen, die sich noch nach Aleppo trauen, müssen Menschen finden, die todesmutig sind, die also wirklich bereit sind, ihr Leben zu geben. 61 größtenteils freiwillige Mitglieder des Roten Halbmondes sind in Syrien ums Leben gekommen. Von drei verschollenen Mitgliedern wissen wir seit vier Jahren nicht, ob sie noch leben.

STANDARD: In Konflikten tragen Helfer auffällige Westen, auf Dächern prangt das rote Kreuz, um Angriffe zu vermeiden. Müssen Helfer in Aleppo anders vorgehen?

Schöpfer: Sich zu verstecken würde die Situation noch gefährlicher machen, da es unsere Neutralität untergraben könnte. Offizielle Militärs sind eher gewillt, sich an das Völkerrecht zu halten – obwohl das gerade für die syrische Armee nicht gilt. Kleine Gruppen haben teilweise keine Ahnung davon.

STANDARD: Es gab kürzlich erneut Berichte über Giftgasangriffe, können Sie sie bestätigen?

Schöpfer: Zahlreiche andere Organisationen bestätigen sie.

STANDARD: Gibt es noch Helfer in den vom IS besetzten Gebieten?

Schöpfer: Das Rote Kreuz zählt zu den wenigen Organisationen, die auch mit dem IS in Verhandlungen sind, um humanitäre Arbeit zu leisten. (Anna Giulia Fink, 17.8.2016)

Zur Person:

Gerald Schöpfer (72) ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

  • Gerald Schöpfer, Rotkreuz-Präsident in Österreich.
    foto: foto: apa / h. neubauer

    Gerald Schöpfer, Rotkreuz-Präsident in Österreich.

  • Rebellen im Kampf gegen Soldaten der syrischen Armee von Präsident Bashar Al-Assad am südwestlichen Rand der Großstadt Aleppo.
    foto: foto: afp / fadi al-halab

    Rebellen im Kampf gegen Soldaten der syrischen Armee von Präsident Bashar Al-Assad am südwestlichen Rand der Großstadt Aleppo.

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