Streetart: Kunst, die Distanz verlangt: "Der Beobachter"

Ansichtssache18. August 2016, 09:55
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Wien – Das ehemalige Schlachthofareal im dritten Wiener Gemeindebezirk wandelt sich von spröder Industriefläche zum Kreativstandort. Flankiert von der Südosttangente auf der einen und historischen Backsteingebäuden und Hochhäusern auf der anderen Seite, erstreckt sich eine Fläche von 30.000 Quadratmetern.

Die bis dato eher spärlich genutzte Fläche beheimatet mittlerweile einen Gemeinschaftsgarten und einen ASKÖ-Fußballfeld, am Rande des Platzes hat sich vor wenigen Jahren das hippe Café "East End" angesiedelt. Auch die Technische Universität (TU) Wien hat sich dort niedergelassen: Das mobile Stadtlabor, das zuvor am Karlsplatz werkte, ist eine Einrichtung der Fakultät für Achitektur und ebenfalls in den Dritten umgezogen. Neu Marx nennt sich der Stadtteil, der von immer mehr Firmen und Kreativlingen mit sozialem Anspruch als Basis genützt wird. Aber auch Start-Ups sollen künftig vermehrt angelockt werden.

Neue Dimensionen

Daneben erstreckt sich jedoch noch immer eine monumentale Freifläche von ungefähr sechs Fußballfeldern, die jetzt eine neue Aufgabe erhielt: Sie ist Träger eines der größten je von einem Künstler geschaffenen Bildes. Golif, ein Wiener Künstler mit Tiroler Wurzeln, entwarf in den letzten eineinhalb Monaten den "Beobachter". Erkennen kann man das Gesicht in Schwarz/Weiß nur aus der Höhe, steht man darauf, wirkt es eher wie ein unförmiges Schachbrett. Um das Bild anzufertigen, wurden herkömmliche künstlerische Dimensionen überschritten: Innerhalb von eineinhalb Monaten wurden fünf Tonnen pestizid- und konservierungsmittelfreie Farbe verbraucht, der Künstler legte laut Schrittzähler 450 Kilometer zurück.

Aber auch als Betrachterin des Beobachters muss man Distanz bewahren: Ab einer Höhe von ungefähr sechzig Metern lassen sich die Umrisse des Gesichts erkennen, noch besser wäre aber wohl überhaupt, man würde mit einem Hubschrauber darüber fliegen. "Ich finde es spannend, dass man es erst aus der Distanz erkennen kann", sagt Golif. "Das ist für mich eine schöne Metapher um zu sagen: Man sollte nicht über alles zu schnell aus der Nähe urteilen, sondern sich zuerst einmal zurücklehnen." Mit einem konkreteren Deutungsvorschlag hält sich der Künstler jedoch bedeckt, mit Überwachung oder dem "gläsernen Menschen" hat die Arbeit jedenfalls nichts zu tun.

Spiegel der Stadt

Für Golif-Unterstützer und Kulturmanager Peter Doujak spiegelt sich die Seele der österreichischen Hauptstadt im "Beobachter" wider: "Wäre dieses Bild in Barcelona entstanden, wäre es bunt. In Wien ist es Schwarz/Weiß". Derzeit fügt sich diese Farbkombination tatsächlich gut in das brachiale, widerspenstige Stadtbild ein, das Neu Marx bietet. Eine Deutungsebene darüber hinaus kann die Kunstvermittlerin Cornelia Zobl ausmachen, die die Größe des Kunstwerks zum Anlass nimmt, um über die Grenzen des Menschlichen nachzudenken. Für Zobl steckt "der Beobachter" mitten im Diskurs über Transhumanismus, da man technische Geräte benötigt, um das Bild fassen zu können: "Die Interaktion zwischen Kunst und Betrachter kann nur durch die Technologie gelingen", meint Zobl.

Ungefähr drei Jahre wird das Bild zu sehen sein, bis die Farbe abgeblättert ist und die Fläche eine neue Aufgabe bekommen wird. Bis dahin wird sich ohnedies einiges tun in Neu Marx: Der aufstrebende Stadtteil befindet sich mitten im Entwicklungsprozess von einem öden Industriegebiet hin zu einem Meet and Greet der neuen Kreativen. Ob "der Beobachter" dann immer noch in widerspenstigem Schwarz/Weiß gemalt werden würde, ist fraglich. (Vanessa Gaigg, 17.08.2016)


Ab 1. September findet die Ausstellung "Golif observed" in der KMG ART Gallery, Mariahilfer Straße 103, 1060 Wien, statt.

Golif

Neu Marx

Photoblog: Robert Newald

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