Menschenhandelsprozess: Brüderpaar und "sexsüchtige" 15-Jährige

18. August 2016, 07:00
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Zwei Ungarn sollen eine Minderjährige in Wien auf den Strich geschickt haben. Das Mädchen habe das freiwillig gemacht, sagt das Duo

Wien – Joszef und Daniel D. sitzen recht selbstsicher auf der Anklagebank vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Norbert Gerstberger. Was insofern bemerkenswert ist, da das Brüderpaar wegen Menschenhandels und grenzüberschreitenden Prostitutionshandels angeklagt ist. Dem Zweitangeklagten droht damit eine Haftstrafe zwischen einem und zehn Jahren.

Der Vorwurf: Das Duo soll eine 15 Jahre alte ungarische Landsfrau nach Wien gelotst haben. Hier musste sie auf dem Straßenstrich anschaffen und die gesamten Einnahmen abliefern. Der 21-jährige Joszef bekennt sich teilweise schuldig, sein 35 Jahre alter Bruder leugnet, mit der Sache irgendetwas zu tun zu haben.

Beide Männer haben keine abgeschlossene Ausbildung, sind arbeitslos und haben Kinder: Joszef eines, Daniel mittlerweile acht. Der Erstangeklagte hat in Ungarn eine Vorstrafe wegen einer Alkofahrt, sein bulliger Bruder schon fünf Stück.

Mädchen aus Kinderheim

Wofür sich Joszef teilschuldig bekennt, wird Gerstberger irgendwie nicht ganz klar. Der 21-Jährige erzählt Folgendes: Er habe das Mädchen, P., über einen Arbeitskollegen gekannt, der sie bereits in Ungarn auf den Strich geschickt habe. Ende März sei die in einem Kinderheim Untergebrachte zu ihm gekommen, man habe beschlossen, nach Wien zu fahren.

"Wessen Idee war das?", fragt der Vorsitzende. "Ihre. Ich habe ihr kein schöneres Leben versprochen." – "Aha. Sie wollte also nach Wien fahren, obwohl sie hier niemanden kannte. Warum sind Sie dann überhaupt mitgefahren?" – "Weiß ich nicht." – "Das ist keine sehr gescheite Verantwortung", stellt Gerstberger fest.

"Sind Sie Vermögensberater?"

Die Verantwortung wird noch seltsamer. Das Mädchen sei freiwillig auf den Strich gegangen. "Sie ist sexsüchtig", behauptet der Erstangeklagte. "Haben Sie profitiert davon?", will der Vorsitzende wissen. "Nein." – "Komisch, sie sagte bei der Polizei, sie wurde nach jedem Kunden abkassiert." – "Ja, aber das Geld hat sie mir freiwillig gegeben." – "Aha. Sollten Sie das gewinnbringend anlegen? Sind Sie Vermögensberater?", kann sich Gerstberger nicht verkneifen. "Nein, das war für unseren Lebensunterhalt."

Die beiden wohnten mit dem Bruder, einem Ehepaar und zwei weiteren Ungarinnen in einem Abbruchhaus in Wien-Floridsdorf. Eine der Ungarinnen soll es auch gewesen sein, die P. verraten hat, wo der Straßenstrich im Prater ist und wo das Preisniveau liegt. "Blasen kostete 30, Ficken 40, beides zusammen 50 Euro", hat die 15-Jährige bei der Polizei gesagt. Und auch, dass sie bis zu zehn Freier am Tag hatte.

Joszef dreht den Kopf zur Seite und prustet verächtlich. "Das stimmt nicht." – "Aha. Und woher wissen Sie das? Haben Sie sie vielleicht doch überwacht?" Der Erstangeklagte überlegt kurz, sagt dann: "Ich weiß ja nicht, ob sie mir alles gegeben hat."

Den ganzen Tag U-Bahn gefahren

"Was haben Sie eigentlich den ganzen Tag gemacht?", interessiert Gerstberger. "Ich habe mir die Stadt angeschaut." – "Dann müssen Sie ja einige Sehenswürdigkeiten kennen. Zählen Sie einmal ein paar auf." – "Nein, ich bin ja nur mit der U-Bahn gefahren." – "Wollten Sie sich Arbeit suchen?" – "Nein. Ich kann ja kein Ausländisch", lässt D. übersetzen.

Sein Bruder bestreitet alle Vorwürfe. Er habe weder gewusst, dass das Mädchen Prostituierte gewesen sei, noch habe er Geld genommen. "Sie haben mich zwei-, dreimal zum Essen eingeladen." Außerdem: Es habe ja Polizeikontrollen in dem Abbruchhaus gegeben, sie hätte ja damals etwas sagen können. Dass der Teenager ihn bei der Polizei belastete und sagte, sie hätte Angst gehabt und Daniel D. sei "ein kräftiges Tier", kann er sich nicht erklären.

Für die Vorführung der Aussage des Opfers und Zeugen vertagt. (Michael Möseneder, 18.8.2016)

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