Mit nacktem Oberkörper in der Stadt

18. August 2016, 15:02
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Rührender Retro-Chic oder besser Geheimnisse wahren

foto: reuters / eric gaillard

Pro
von Andrea Schurian

Klar, wenn Cara Delevingne bei einem Stadtspaziergang durch Manhattan obenherum nackig ist, um die freikörperkulturelle Protestaktion FreeTheNipple ein bisschen unter die Leute zu bringen, herrscht wonnige Schaufreude.

Bei Männern, die ihre T-Shirts lieber unterm Arm als über ihren sonnenbrandroten Hühnerbrüsten tragen und Sixpacks nicht mit Trainings-, sondern mit Trinkgewohnheiten assoziieren, ist das natürlich nicht so, äh, ästhetisch.

Und manchmal leider auch nicht gänzlich geruchlos, daher, Faustregel: nur nicht anstreifen! Dafür den Blick aufs Positive lenken: nach unten! Denn anders als ihre Oberkörper bekleiden sie ihre Füße gern, vorzugsweise mit weißen Socken und Badelatschen. Und? Passt schon!

Die schlichte Wahrheit lautet nämlich: Wer "Pro" sagt, muss auch "Prolo" sagen. Und ein klitzeklein wenig schmuddelig-schwitzender Prolo-Charme ist in einer überästhetisierten Softie-Welt, in der sich metroschicke Männer ernsthaft über Kurzarmhemden echauffieren, doch fast schon rührend retro.

Kontra
von Colette M. Schmidt

Natürlich kann man das Weglassen jeglichen Textils obenrum mit tapferen Aktivistinnen wie jenen von Femen assoziieren. Die schreiten aber auch da oben ohne einher, wo ihnen dafür Gefängnis oder Schlimmeres droht. Aber davon ist hier nicht die Rede. Kein Mann – ob trainiert wie Iggy Pop oder weichteilig wie Michael Moore – muss in der westlichen Welt fürchten, verhaftet zu werden, wenn er mit nacktem Oberkörper durch eine Stadt spaziert.

Protestkultur spricht also nicht dafür. Was aber spricht dagegen? So manches: Das Hautkrebsrisiko steigt, plötzliche Kälteeinbrüche treffen uns durch den Klimawandel immer öfter, und man kann durch das Kaufen fair produzierter Kleidung, und zwar möglichst viel davon, die Welt ein kleines Stück besser machen.

Wer dabei unbedingt gegen etwas protestieren will, kann sein Begehr erstens auf ein T-Shirt drucken lassen und zweitens das bewahren, wovon wir alle immer weniger haben: Geheimnisse! Wider den gläsernen Menschen! Zeigt nicht gleich alles, Männer! Und ja: Lasst uns auch ein bisschen träumen. (RONDO, 19.8.2016)

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