Die Türkei fühlt sich unverstanden

Kolumne16. August 2016, 17:03
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Es ist kontraproduktiv, sich in einen Macho-Wettkampf der Worte hineinziehen zu lassen

Einer der zahllosen bitteren Vorwürfe, die der türkische Außenminister gegen den Westen und auch gegen Österreich erhoben hat, lautet: "Ihr versteht nicht, wie gefährlich Gülen ist."

Die türkische Gülen-Bewegung, die hinter dem Putsch gegen die Erdoğan-Regierung stehen soll und jetzt erbarmungslos verfolgt wird, ist nicht harmlos. Am ehesten kann man sie als eine Art islamische Scientology bezeichnen – eine straff organisierte spirituell-soziale Bewegung, die ihren sehr zahlreichen "Rekruten" geistigen Halt und materielle Unterstützung bietet, dafür aber von ihnen unbedingte Gefolgschaft verlangt. Sie ist im Grunde eine islamische Sekte, der es tatsächlich gelungen ist, staatliche Strukturen zu durchziehen.

Die Wut, mit der Tayyip Erdoğan die Organisation seines früheren Verbündeten Fethullah Gülen verfolgt, erklärt sich daraus, dass der türkische autoritäre Herrscher eine rivalisierende Organisation vernichten will, die ganz ähnlich strukturiert ist wie seine eigene. Erdoğan will den Staat – und die Wirtschaft und die Religion und das kulturell-soziale Leben – offen unter seine Gewalt bringen. Er hat es auch schon fast geschafft. Es wird allerdings kein gutes Ende nehmen. Die Mehrheit des Volkes steht zwar hinter ihm, aber Erdoğan ist sein eigener größter Feind. Er kann nämlich nicht ohne Feinde existieren und hat daher den schon fast beigelegten inneren Krieg mit den Kurden neu angezündet, ist in Syrien tief verstrickt, musste mühsam die Beziehungen zu Russland und Israel wiederaufbauen und fängt gerade einen politischen Krieg mit den USA und der EU an. Die Wirtschaftslage verschlechtert sich, weil das größte Argument für Investoren – sichere Verhältnisse – wegfällt.

Der Westen – Europa – darf sich so jemandem nicht ausliefern, das stimmt schon. Aber es gibt so etwas wie Realpolitik. Die USA (und Europa) haben aber mit viel Geduld und stetigem, allerdings nicht laut hinausposauntem Druck ein anderes islamisch-autoritäres Regime, nämlich das im Iran, von einem überaus gefährlichen Kurs, nämlich der Atombombe, abgebracht. Vor allem ist man dabei ohne kraftmeierische Sprüche ausgekommen.

Das Verhältnis zur Erdoğan-Türkei kann gemanagt werden, das immens wichtige Flüchtlingsabkommen kann bewahrt werden, wenn man die Nerven behält, die Provokationen der Erdoğan-Leute nicht symmetrisch beantwortet, zugleich die eigenen Grundsätze über den Wert der Demokratie nicht über Bord wirft. Die Türkei braucht den Westen, und wenn Erdoğan in seiner Rage das vergisst, werden ihn nach einiger Zeit die Realitäten einholen. Wieso hätte er sich sonst bei Putin entschuldigt?

Es ist eine mühsame Sache, mit überkompensierenden Autokraten die Balance aufrechtzuerhalten. Es ist aber kontraproduktiv, sich in einen Macho-Wettkampf der Worte hineinziehen zu lassen. Die Türkei fühlt sich echt unverstanden, was aber daran liegt, dass ihre Werte andere sind als jene des Westens. Dem muss man sich nicht unterwerfen, aber man sollte es klug in das eigene Kalkül einbeziehen. (Hans Rauscher, 16.8.2016)

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