Haas Brothers: Die fabelhaften Freaks

18. August 2016, 14:06
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Sie wirbeln die Designszene auf: mit wilden Objekten und Möbelstücken zwischen Kunst, Design und Fetisch. Zu den Fans gehört unter anderem Leonardo DiCaprio

Die Funktion ist ein heikles Thema in den Gefilden des Designs. Meistens wird sie zur Sprache gebracht, um opulente Formen gegenüber sachlichen Entwürfen abzuwerten – frei nach dem Motto: Was verspielt ist, kann im Alltag nicht funktionieren. Zwei Gestalter, die sich von solchen Vorwänden gewiss nicht beeinflussen lassen, sind Nikolai und Simon Haas. Die Möbel der kalifornischen Zwillinge sind zweifelsohne als solche zu gebrauchen. Doch dieser Aspekt ist hier reine Nebensache.

foto: joe kramm / r & company
Nicolai (links) und Simon Haas.

Die Haas Brothers erzählen mit ihren Entwürfen Geschichten: von anderen Kulturen, von geheimnisvollen Wesen oder von sexuellen Fantasien – stets aufbereitet mit einer Prise Humor und einer sinnlichen Materialität. Manche ihrer Möbel tragen Haare, Augen, Hörner und Genitalien – eine wilde Mischung aus Kinderzimmerplüsch und den Utensilien eines Fetischclubs. "Im Design wird die Gefühlsebene vollkommen ausgeblendet. Genau das wollen wir verändern. Wir wollen eine stärkere menschliche Interaktion mit den Dingen des Alltags erreichen", sagt Nikolai Haas.

Für die breite Masse sind die Entwürfe der 1984 in Los Angeles geborenen Zwillinge freilich nicht gedacht: Immerhin bewegen sich die aufwendig von Hand gefertigten Stücke preislich in fünf- bis sechsstelligen Dollarbeträgen und werden folglich nicht über Möbelgeschäfte verkauft, sondern exklusiv über die New Yorker Galerie R & Company. Und die lässt den beiden freie Hand – ganz gleich, was ihnen gerade durch den Kopf geht. "Unsere Arbeit ist eine anhaltende Therapiesitzung, um mehr Freiheiten im Design auszuprobieren", erklärt Nikolai Haas. Bevor die Brüder 2007 ihr Studio gründeten, gingen sie getrennte Wege. Nikolai tourte als Musiker mit mehreren Bands umher, Simon studierte an der Rhode Island School of Design Malerei.

foto: joe kramm / r & company
Die Objekte aus der Haas-Brothers-Kollektion "Afreaks" entstanden in Zusammenarbeit mit Stickerinnen aus einer Township in Südafrika; fotografiert von Joe Kramm / R & Company.

Ihre bisher umfangreichste Arbeit haben die Haas Brothers im Dezember 2015 auf der Sammlermesse Design Miami mit der Kollektion "Afreaks" vorgestellt. Die Entwürfe sind in Zusammenarbeit mit Stickerinnen aus einem Township in Südafrika entstanden. "Das Tragische ist, dass ihre wunderbaren Stickereien nicht gewürdigt werden. Darum wollten wir ihnen eine Plattform geben, auf der sie ihre Stimmen als Künstlerinnen entwickeln können, ohne dass wir ihnen unsere eigenen Prinzipien auferlegen", beschreibt Simon Haas den Ansatz.

Der Prozess wurde von den beiden explizit als Dialog verstanden: Anstatt die Stickerinnen lediglich ausführen zu lassen, ließen ihnen die Haas Brothers nicht nur bei den Farben und Mustern freie Hand. Auch die Gestaltung der Möbel, Figuren und Objekte wurde von ihnen gemeinsam vor Ort entwickelt.

Freaks aus Afrika

Die Grundvoraussetzung des Projekts war eine finanzielle Unterstützung der Frauen, damit sie sich die Freiheit des Experiments erlauben konnten. "Wenn die Stickerinnen Souvenirs für zwanzig oder dreißig Dollar verkaufen wollen, haben sie keine Zeit, an aufwendigen Texturen zu arbeiten. Darum sind die Arbeiten für die Touristenmärkte sehr flach gestickt. Indem wir den Frauen mehr Spielraum gegeben haben, konnten sie plötzlich all die Dinge ausprobieren, die ihnen durch den Kopf gingen", erklärt Simon Haas. Und so vollzieht das Segment der luxuriösen Designeditionen sogar ein Stück weit Entwicklungshilfe, ohne dies in den Vordergrund zu rücken. Die Entwürfe machen Spaß – und leisten dennoch einen wesentlichen Beitrag.

Das Design erhält damit eine Ebene, die weit über Form und Gebrauchswert hinausreicht. "Natürlich funktionieren die Dinge auch für sich. Doch erst die Geschichte macht sie wirklich interessant. Wir versuchen daher möglichst transparent zu sein und zeigen, welche Stickerin an welchem Objekt gearbeitet hat. Wir wollen auf diese Weise auch die klassische Auffassung von Urheberschaft hinterfragen", sagt Simon Haas. Schließlich sind die Arbeiten ein Gemeinschaftswerk von beiden Parteien und hätten nicht unabhängig voneinander realisiert werden können.

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Die Stickerinnen hatten bei Mustern und Farben für die Kollektion "Afreaks" freie Hand.

Die kreative Laufbahn ist den beiden Brüdern in die Wiege gelegt worden. Ihre Mutter Emily Tracy ist Opernsängerin, der aus Deutschland stammende Vater Berthold Haas ist Künstler. Aufgewachsen sind die Brüder in Texas, doch sie leben und arbeiten in ihrer Geburtsstadt Los Angeles – genau wie ihre Eltern. Der Zusammenhalt wird in der Familie großgeschrieben. Ihr Vater kommt häufig ins Atelier und schnitzt am liebsten Hörner für die Möbel seiner Söhne. "Das ist so lustig, weil er darin völlig aufgeht, obwohl er so etwas noch nie gemacht hat. Das überträgt sich auch auf alle anderen. Wer glücklich ist, steckt andere damit an", sagt Simon Haas – der wenige Minuten ältere Zwillingsbruder.

An ihrem Durchbruch in der derzeit schwer boomenden Kunstszene Kaliforniens war ihr neun Jahre älterer Bruder Lukas nicht ganz unschuldig. In den 1980er-Jahren feierte er als Kinderschauspieler Erfolge und drückte die Schulbank in der High School mit keinem Geringeren als Leonardo DiCaprio – der schließlich die Möbel der Haas Brothers früh zu sammeln begann.

Der Hollywoodstar erweckte das Interesse von weiteren Berühmtheiten wie "Spider Man"-Darsteller Tobey Maguire oder Lady Gaga, die mehrere Bühnenoutfits bei Nikolai und Simon Haas orderte. Aus dem Auftrag, einen Stuhl für Donatella Versaces Appartement zu entwerfen, entwickelte sich eine eigenständige Kollektion für das Mailänder Modehaus.

cooper hewitt

Sprungbrett Studio

Für die Brüder bedeutet Erfolg nicht nur kreative Freiheit, sondern ebenso ein Loslassen der Direktive. Ihre Mitarbeiter sind keineswegs nur Ausführende. Sie können ebenso Ideen und Lösungen einbringen, die dann auch umgesetzt werden. An den Wochenenden steht die Werkstatt bewusst offen, um parallel eigene Projekte realisieren zu können.

"Wir mögen die Idee, dass unser Studio eine Plattform oder eine Art Sprungbrett ist. Wir arbeiten normalerweise nur vier Tage in der Woche. Dennoch ist fast immer jemand da – ganz gleich zu welcher Uhrzeit", sagt Simon Haas. In der 1.000 Quadratmeter großen Industriehalle hat vor wenigen Monaten ihr Bruder Lukas ein analoges Tonstudio eingebaut. Parallel zur Schauspielerei übernimmt er nicht nur den Piano- und Schlagzeug-Part der Band The Rogues, sondern komponiert auch Soundtracks. Musik, Design und Kunst fließen somit Hand in Hand im Familienbetrieb der Haas-Brüder.

Auch wenn eine klare Aufgabenverteilung vermieden wird, besetzt jeder sein eigenes Spezialgebiet. Simon kümmert sich vor allem um die Materialien und Oberflächenstrukturen. Nikolai bestimmt auf seinem Zeichenblock die Formen der Möbel, Leuchten und Objekte.

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Den Pelzmöbeln aus der Serie "Mini Beasts" ging ein Ausflug nach Island voraus.

"Doch ganz so linear läuft es nie ab. Wir sprechen ständig miteinander und entwickeln alles gemeinsam. Die Hälfte unserer Zeit sitzen wir im Studio und machen Witze", erklärt Simon Haas. Ein wichtiger Impulsgeber sind zweifelsohne Reisen. Den zotteligen Pelzmöbeln aus der Serie "Mini Beasts" ging ein Ausflug nach Island voraus. Die Idee zu der Kollektion "Afreaks" entstand in Kapstadt, wo die Haas-Brüder ihre Arbeiten in einer Galerie präsentierten und schließlich auf jene Frauen trafen, mit denen sie das Projekt gemeinsam umsetzten.

"Wir betrachten unser Studio als ein eigenes Ökosystem, in dem es verschiedene Tiere- und Pflanzenarten gibt. Sie alle bewegen und verändern sich", erklärt Nikolai Haas. Wie Zirkusdompteure wachen die Brüder über ihre Kreationen und fügen immer neue Wesen hinzu. Was sie antreibt? "Wir haben am Anfang lang darüber diskutiert, in welche Richtung wir gehen wollen. Ein Argument lautete, dass wir Erfolg nicht nur an Geld und Größe messen wollen, sondern tatsächlich am Glücklichsein", sagt Nikolai Haas. Wie es scheint, ist die Rechnung der kalifornischen Zwillinge längst aufgegangen. (Norman Kietzmann, RONDO, 19.8.2016)

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