Warum Milch auch bei Laktoseintolerenz wichtig ist

20. August 2016, 17:30
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Eine Milchzucker-Unverträglichkeit erhöht das Osteoporose-Risiko, so das Ergebnis einer aktuellen Pilot-Studie

Wien – Statt Milchzucker vorschriftsgemäß aufzuspalten, beschwert sich der Darm mit Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall – Betroffene wissen nur zu gut, was Laktoseunverträglichkeit bedeutet. Doch die indirekten Nebenwirkungen, beispielsweise für den Knochenstoffwechsel, reichen darüber hinaus, so eine im Frühjahr publizierte Studie des Landeskrankenhauses Steyr und der Fachhochschule Gesundheitsberufe Oberösterreich.

Demnach haben Menschen mit angeborener Laktoseunverträglichkeit – das betrifft in Österreich immerhin etwa 20 bis 25 Prozent – tendenziell Kalzium- und Vitamin-D-Mangel und weisen erhöhte Werte des Knochenresorptionsmarkers CrossLaps auf. "Zusammengenommen kann das als Risikofaktor für Osteoporose betrachtet werden, zumindest auf lange Sicht gesehen", sagt Studienleiter Dietmar Enko vom Landeskrankenhaus (LKH) Steyr.

Der Grund ist aber nicht die Unverträglichkeit selbst, sondern das Ernährungsverhalten: "Viele greifen – bewusst oder unbewusst – dann eben nicht so häufig zu Milchprodukten", sagt Klaus Nigl von der FH Gesundheitsberufe OÖ, die mit den Studiengängen Diätologie sowie Biomedizinische Analytik an der Studie beteiligt war. Über den Studiengang Diätologie wurde dabei eine Erhebung über das Ernährungsverhalten 150 Betroffener durchgeführt.

Sonne und Milch ...

Demnach ist die Versorgung mit Kalzium – ohnehin ein Problem in Österreich – bei dieser Klientel nochmals niedriger. "Zudem hatte nur der geringste Anteil dieser Patienten eine ausreichende, der Großteil eine mangelhafte bis schlechte Vitamin-D-Versorgung", schildert Diätologe Nigl. Wichtigste Gegenmittel: Sonne für die Vitamin-D-Bildung im Körper und in puncto Kalzium eben Milchprodukte. Dabei sollten Menschen mit Laktoseunverträglichkeit zunächst die jeweilige persönliche Toleranzgrenze für Milchzucker ermitteln.

"Die Diagnose einer Laktoseintoleranz heißt ja nicht automatisch, dass man diese Produkte völlig aus dem Speiseplan streicht", sagt Nigl. Vielmehr würden von vielen Betroffenen kleine Mengen Milch oder Milchprodukte ohne weiteres toleriert. Nur falls nicht, seien laktosefreie Milchprodukte nötig. Auch bestimmte Mineralwassersorten stellen eine gute zusätzliche Kalziumquelle dar; der letzte Schritt sei die Nahrungsmittelergänzung.

Für die ebenfalls an der Studie beteiligten biomedizinischen Analytiker ging es vor allem darum, die diagnostischen Abläufe zu verbessern: "Sinnvoll wäre es demnach, bei einem Verdacht auf Laktoseunverträglichkeit in Zukunft auch gleich die Werte für Vitamin D, Kalzium und CrossLaps im Serum zu überprüfen, um eine Unterversorgung auszuschließen", sagt Thomas Knoll vom Studiengang Biomedizinische Analytik der FH für Gesundheitsberufe.

... als wichtige Gegenmittel

An spezialisierten Standorten wie am LKH Steyr wird mittlerweile bei Problemen standardmäßig ein Gentest auf Laktoseunverträglichkeit durchgeführt. Dennoch kann man auf den aufwendigen Atemtest – dabei wird auf nüchternen Magen eine Zuckerlösung getrunken, um dann die bei der Vergärung von Milchzucker entstehenden Gase Wasserstoff und Methan im Atem zu messen – auch weiterhin nicht verzichten: Zum einen können auch genetisch Nichtvorbelastete eine Unverträglichkeit entwickeln, beispielsweise durch Darmentzündungen. "Diese sekundäre Form kann nur mit dem Atemtest erfasst werden", sagt Enko.

Zudem kann der Atemtest, richtig gedeutet, auch ein anderes Problem enthüllen, an dem in Steyr ebenfalls geforscht wird: die Überbesiedelung des Dünndarms mit Bakterien, genannt SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth). Wenn nach dem Genuss der Zuckerlösung die erwähnten Gase nicht erst nach einer Stunde, also im Dickdarm, gebildet werden, sondern schon nach etwa einer halben Stunde auftreten, dann "spricht das dafür, dass schon im Dünndarm – wo sie nicht hingehören – Bakterien sitzen, die dort bereits die Laktose vergären", sagt Enko. Die Symptome – Blähungen, Durchfall, Bauchschmerzen – sind oft die gleichen wie bei einer Unverträglichkeit.

In einer Studie konnte der Facharzt für Labordiagnostik am LKH Steyr auch erstmals nachweisen, dass das Auftreten von SIBO davon abhängt, welcher Zucker – Traubenzucker, Fruchtzucker oder Sorbitol – jeweils zugeführt wird, und dass SIBO gut behandelbar ist: "Wir konnten zeigen, dass dieses Krankheitsbild bei 85 Prozent nach einer antibiotischen Therapie abgeklungen ist", sagt Enko. Allerdings tritt SIBO oft auch in Kombination mit einer Unverträglichkeit auf: "Es ist also komplexer, als gemeinhin angenommen wird", sagt der Labordiagnostiker.

Zuckerunverträglichkeit und Depression

Derzeit läuft in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Graz auch eine Studie mit 250 Teilnehmern über Unverträglichkeiten von Zuckerarten und Depression. Ausgewertet wird noch bis zum Herbst: "Es zeigen sich jedoch eindeutige Zusammenhänge zwischen Kohlenhydratunverträglichkeiten, Depression und dem Tryptophan-Stoffwechsel", so Enko. Eine weitere Studie beschäftigt sich mit dem Einfluss des Bakteriums Helicobacter pylori auf diesen Prozess. Kooperationen zwischen Forschungspraxis und Ausbildung beurteilen sowohl Enko als auch die Beteiligten von der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich als sehr wichtig. "Die Studierenden lernen bei uns die Theorie – wesentlich ist die parallele Vernetzung mit der Praxis", sagt Nigl, eine Zusammenarbeit, die "forciert werden sollte", sagt Knoll.

Zwei Studierende fertigten im Rahmen der Studie über die Auswirkungen von Laktoseintoleranz auf die Ernährung und den Knochenstoffwechsel ihre Bachelorarbeiten an und publizierten mit Enko vom LKH Steyr die Ergebnisse im "European Journal of Clinical Nutrition". "Ein schönes Beispiel für gelebte Interdisziplinarität", meint Knoll. (Heidemarie Weinhäupl, 20.8.2016)

  • Laktosekristalle unter dem Lichtmikroskop: Der Milchzucker kommt in der Milch von Säugetieren vor. Im menschlichen Körper wird Laktose vom Enzym Lactase verdaut – sofern keine Intoleranz vorliegt.
    foto: picturedesk / science photo library / a. romero

    Laktosekristalle unter dem Lichtmikroskop: Der Milchzucker kommt in der Milch von Säugetieren vor. Im menschlichen Körper wird Laktose vom Enzym Lactase verdaut – sofern keine Intoleranz vorliegt.

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