Müder Applaus für Trump, den Mann mit der Brechstange

Reportage17. August 2016, 11:00
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Trotz aller Skandale stehen viele Amerikaner, die sich als Opfer des von Politikern verschuldeten Niedergangs sehen, hinter Trump

Altoona, Pennsylvania – Dass Dave Swanger ein Fan von Donald Trump ist, lässt er sich nicht gleich anmerken. Andere tragen T-Shirts, auf denen steht, dass Amerika wieder groß gemacht werden soll oder dass Hillary Clinton ins Gefängnis gehört. Dave Swanger macht, ohne dass er sich darüber Gedanken gemacht hätte, Reklame für ein altes Kasino in Havanna. Nur langsam trocknen die Schweißflecken auf dem blassroten Stoff seines T-Shirts, das vorne Spielkarten und hinten exotische Palmen zeigt.

Wie alle hier in der Kongresshalle auf einem Hügel über Altoona hat Swanger draußen gut 60 Minuten bei brütender Hitze für die Wahlveranstaltung mit Trump angestanden. Dass sie dem Auftritt des Bauunternehmers entgegenfiebern, kann man nicht sagen. Alle im Saal sind verschwitzt, manche vom Warten erschöpft.

foto: reuters / eric thayer
Viele kamen nach Altoona, Pennsylvania, um Donald Trump zu sehen – begeistert waren nur wenige, dennoch wollen sie ihn wählen.

Dave Swanger also: 59 Jahre, schwielige Hände, sonnenverbrannter Nacken. Rednecks nennt man Malocher wie ihn, nur dass Swanger sehr höflich ist, nicht das Klischeeraubein. Er ist ein "Union Guy": Gewerkschafter, seit 1992 bei den United Steelworkers, die nicht nur Stahlwerker aufnehmen, sondern auch Bauarbeiter wie ihn. Stolz, aber auch desillusioniert. Die Gewerkschaften, klagt Swanger, hätten keinen Biss mehr. "Wenn du heute ein Problem hast, ist es, als würdest du nur auf einem Bein stehen."

"Ich weiß, es klingt komisch"

Im November will er Trump wählen – für ihn der Boss, der sich schon irgendwie kümmern wird. "Ein Milliardär in der Ecke der kleinen Leute. Ich weiß, es klingt komisch", sagt er und verzieht das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Dennoch sei er bereit, dem Mann eine Chance zu geben. Er sei so oft enttäuscht worden, da setze er jetzt eben auf diese Karte. Vielleicht werde er wieder enttäuscht, diesmal von Trump. Dann wäre es eben ein Déjà-vu. Mal höre er Gutes, mal Schlechtes über den Tycoon mit seinen Immobilien, seinen gescheiterten Kasinos, seinen Golfclubs. "Ich sehe die Sache so", sagt Swanger. "Er hat sicher mehr Gewerkschafter angeheuert, als es je ein Politiker getan hat."

Die Entscheidung fällt ihm nicht leicht, es fühlt sich ein wenig so an, als ließe er seinen Clan im Stich. Ein Leben lang hat Swanger Demokraten gewählt, nie Republikaner. Doch will er sich durch nichts mehr beirren lassen, was ihn noch umstimmen könnte. Trumps Ausfälle? Dass er Präsident Barack Obama den Gründer des IS genannt hat? "War das nicht eher sarkastisch gemeint, versteht dieses Land keine Ironie mehr?", wiederholt Swanger die Worte, mit denen sich der Kandidat zu rechtfertigen versuchte. Trump soll Altoona aus der Malaise holen. Irgendwie. Das ist alles, was zählt.

Niedergang im "Rust Belt"

Altoona, das war einmal ein Name, der die rasante Industrialisierung der Neuen Welt symbolisierte. Der Ort wurde berühmt, als die Pennsylvania Railroad Mitte des 19. Jahrhunderts ein bahntechnisches Wunderwerk ins Appalachengebirge bauen ließ: die vielbewunderte Hufeisenkurve. Der lokale Baseballclub ist bis heute nach der Kurve benannt.

Zur Blütezeit hatte die Stadt 82.000 Einwohner, heute sind es nur noch halb so viele. Mögen andere Landstriche aufblühen: Altoona steht für den Verfall des "Rust Belt" (Rostgürtel), für den Niedergang der Old Economy.

Und Trump skizziert die Lage so, als wäre Amerika ein einziges Altoona. Gewinnt er im November den Bundesstaat Pennsylvania, hat er eine reelle Chance, ins Weiße Haus einzuziehen, orakelt Swanger. Kein Wunder, dass der Baulöwe von einer Industriebrache zur nächsten tourt – in der Hoffnung, einen Coup zu landen: Seit 1992 hat Pennsylvania immer nur demokratischen Kandidaten den Zuschlag gegeben.

"Baut die Mauer!"

Auf der Bühne gibt Bill Shuster, ein republikanischer Abgeordneter, derweil den Vorredner für Trump. Er spottet über Obama, der 2008 nach Altoona kam, um nachzuweisen, dass er mit den Rednecks gar nicht so fremdelt. Das Kleinstadtmilieu Pennsylvanias, hatte er zuvor etwas kühl vor Spendern doziert, klammere sich in seiner Verbitterung an Gewehre und Gott. Um es wiedergutzumachen, versuchte er sich in Altoona auf einer Kegelbahn. "Meist hat er die Kugel ja in die Rinne gesetzt", erinnert Shuster seine Zuhörer.

Shuster sitzt seit 2001 im US-Kongress, wo er seinen Vater Bud nahtlos abgelöst hat. Politiker, gleich welcher Partei, gibt Swanger zu verstehen, gehen ihm gerade ziemlich auf die Nerven, besonders, wenn sie dynastische Ambitionen hegen – so wie Shuster.

foto: reuters / eric thayer
Donald Superstar einmal gesehen zu haben, das reicht vielen schon.

Dann ist Trump an der Reihe und spricht, wie schon so oft, vom Mauerbau an der Grenze zu Mexiko. "Baut die Mauer! Baut die Mauer!", schallt es durch die Halle, eher müde als begeistert, eher wie bei einer Pflichtübung.

Irgendwann wird es langweilig, Dutzende verlassen den Saal, lange, bevor Trump am Ende ist. Donald Superstar einmal gesehen zu haben, das reicht vielen schon.

Alison Roberts wartet draußen auf einen Shuttle-Bus, der sie zurück in die Stadt bringen soll. Gehen wäre zu anstrengend, die Mittvierzigerin hat mindestens 30 Kilo Übergewicht. Um die Krise zu schildern, zählt sie Firmennamen auf: SKF, General Cable, McLanahan. SKF, ein schwedisches Unternehmen, hat 2003 eine Kugellagerfabrik in Altoona geschlossen: 280 Jobs weniger. General Cable verlagerte 2015 die Produktion von Zündkabeln nach Mexiko: 160 Stellen gestrichen. Der Maschinenbauer McLanahan, noch vor dem Bau der legendären Hufeisenkurve gegründet, wird sein Werk in der Nähe Altoonas womöglich bald schließen. "Das 'Ding' hat dieser Region den Todesstoß versetzt", schimpft Alisons Mann Bill und meint Nafta, die Freihandelszone mit Mexiko und Kanada. "Jeder hier lebt nur noch von der Hand in den Mund."

Wie am Pokertisch

Alison und Bill richten Küchen ein. Die Geschäfte ihres Familienbetriebs laufen nicht gut, es mangelt an zahlungskräftigen Kunden. Leute, die früher in den Fabriken ordentlich verdienten, kriegen heute fürs Regale-Einschlichten bei Walmart keine zehn Dollar pro Stunde mehr. Alison hat beschlossen, umzusatteln und sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. "Wenn ich fertig bin mit dem College, bin ich um 47.000 Dollar (42.000 Euro) an Schulden reicher", sagt sie in einem Anflug schwarzen Humors.

Trump ist in ihren Worten der Typ mit der Brechstange, den man manchmal eben brauche. "Einige sind beleidigt, weil er so direkt ist. Aber vielleicht will er ja wirklich was bewegen, sonst wäre er nicht mit solchem Eifer bei der Sache." Alisons Mann Bill sagt: "240 Jahre lang ist dieses Land von Politikern regiert worden. Was wir jetzt brauchen, ist ein Unternehmer. Basta."

Ob es wirklich aufwärtsginge, sollte ein Präsident Trump im Oval Office regieren? "Ich weiß es nicht, wirklich nicht", gibt Swanger zu. Er fühle sich, als sitze er im Kasino an einem Pokertisch. Ob Trump nur bluffe oder ein gutes Blatt habe, man werde es sehen. (Frank Herrmann, 17.8.2016)

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