"Nacht.Stücke": Automatenfrauen nebst echsenköpfigen Herrschaften

16. August 2016, 15:56
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E. T. A. Hoffmann war mit Albträumen gesegnet. Spuren seines Lebens und Werks legt Bruno Max derzeit im Mödlinger Bunker aus. Ein Stationentheater mit eiskaltem Atem

Mödling – Vom Genre Gothic Horror lässt das Theater für gewöhnlich die Finger. Nicht so Bruno Max. Der Regisseur und sein "Theater zum Fürchten" sind beständige Schöpfer schattseitiger Fantasiewelten. Mit dem seit 1999 gepachteten Luftschutzbunker in Mödling verfügt das im Theater Scala beheimatete Ensemble auch über einen überaus adäquaten Schauplatz.

In diesem Jahr tauchen aus der Tiefe der Stollengänge Bilder aus Leben und Werk des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann auf: Nacht.Stücke. Das Publikum nähert sich den hinter Röhrenbiegungen oder in Einbuchtungen auflauernden und in unheimliches Licht getauchten Szenen.

Der lange als Schauerliterat abgetane Dichter der Romantik (1776 bis 1822) – Goethe verunglimpfte dessen Werk gar als "krank" – schuf mit Fantasiestücke in Callots Manier oder Nachtstücke jene Werke, die das Verständnis von Psyche oder Traum im Gegenwind der Aufklärung hemmungslos ausbuchstabierten.

Es sind die eigenen Ängste des unglücklichen Verwaltungsbeamten und lange Zeit verhinderten Musikers Hoffmann selbst, die ihn antrieben. Werk und Leben ineinanderzusetzen, wie es Bruno Max für dieses unterirdische Stationentheater vornimmt, ist also vollends gerechtfertigt. Es beginnt mit der Versetzung des oft mit der preußischen Obrigkeit in Konflikt geratenden "Ernst" in die neu gewonnene polnische Provinz. Die Gattin klebt sich angesichts der tristen Lage einen Mund mit herabhängenden Winkeln an.

65 (!) Schauspieler und Komparsen sind in anschaulichen Kostümen (Alexandra Fitzinger) im Einsatz. Manche von ihnen verweisen in letzter Konsequenz gar auf die Automatenidentität heutiger japanischer Shinjuku-Mädchen, denen E. T. A. Hoffmann ein Vorläufer war.

Leblose Frauenkörper, abmontierte Beine, brennende Kandelaber, echsenköpfige Wirtshausgäste, napoleonischer Befehlsdonner: Man betritt den Bunker wie die finsterste Gehirnregion eines Empfindsamen. (Margarete Affenzeller, 16.8.2016)

Theater im Bunker, bis 4.9.

Tel. 01/544 20 70

  • Versuchsanordnung eines gewissen Herrn Professor Spalanzani: Das wilde Drehen der Holzzelle verursacht bei der Insassin Brechreiz.
    foto: bettina frenzel

    Versuchsanordnung eines gewissen Herrn Professor Spalanzani: Das wilde Drehen der Holzzelle verursacht bei der Insassin Brechreiz.


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