Famoser Wettkampf, fataler Vergleich

16. August 2016, 16:53
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Der Brasilianer Braz da Silva gewann Gold im Stabhochsprung. Favorit Lavillenie wurde spektakulär geschlagen. Er scheiterte auch am unfairen Publikum. In der ersten Emotion zog er Parallelen zu Jesse Owens

Rio de Janeiro – Thiago Braz da Silva hüpfte wie aufgedreht auf und ab, voller Stolz trug er die brasilianische Fahne durchs Stadion, die Fans tobten. Der 22-Jährige kürte sich mit 6,03 Metern als erster Brasilianer überhaupt zum Olympiasieger im Stabhochsprung, sein Triumph über Weltrekordler Renaud Lavillenie war eine große Überraschung. Und er wurde zum riesigen Aufreger.

"Ich habe den Brasilianern nichts getan. 1936 war die Menge gegen Jesse Owens. Seitdem habe ich so etwas nicht mehr gesehen. Wir müssen uns damit beschäftigen", sagte der Franzose, der sich nach übersprungenen 5,98 m geschlagen geben musste: "Das war kein Fair Play." Lavillenies Wut war verständlich, doch sein Vergleich mit den Nazi-Spielen war völlig daneben und zudem historisch nicht korrekt.

Buhrufe

Die Fans im Stadion hatten Lavillenie immer wieder ausgepfiffen, der 29-Jährige war angesichts des ausgesprochen unfairen Verhaltens sichtlich verärgert. Dem Olympiasieger von London hallten bei jedem seiner Versuche Buhrufe entgegen. "Wir sehen so etwas im Fußball. Es ist das erste Mal, dass ich es in der Leichtathletik erlebt habe", sagte der Mann aus der Charente: "Das ist der größte Moment deines Lebens, ich kann darüber nicht glücklich sein." Vor seinem letzten Versuch senkte er den Daumen für die Zuschauer. Bronze gewann Sam Kendricks für die USA (5,85).

Später bat Lavillenie um Entschuldigung für den Owens-Vergleich. "Das war ein großer Fehler von mir", sagte er kleinlaut: "Es waren meine ersten Worte nach dem Wettkampf, aus der Emotion heraus. Selbstverständlich kann man das nicht vergleichen." Die Kritik an den Zuschauern dagegen bleibe bestehen.

Da Silva wusste gar nicht, wie ihm geschah. Der neue Nationalheld aus Marília (São Paulo) steigerte im Wettkampf seines Lebens seine Bestleistung um beachtliche elf Zentimeter. "Ich bin sehr glücklich, für Brasilien ist das überragend", sagte Brasiliens erster Leichtathletik-Olympionike seit 32 Jahren. 1984 hatte Mittelstreckenläufer Joaquim Cruz über 800 Meter triumphiert.

Es war ein Stabhochsprung-Showdown auf höchstem Niveau, den sich Da Silva und Lavillenie geliefert hatten. Nachdem der Wettkampf wegen strömenden Regens unterbrochen werden musste, kam es zur Flugschau über mehrere Stunden. "Es ist unglaublich", sagte Da Silva, der den großen Sergej Bubka als seinen Helden bezeichnet und von dessen ehemaligem Trainer Witali Petrow betreut wird.

Bei der WM 2015 in Peking war da Silva noch in der Qualifikation gescheitert, jetzt holte er seine erste Medaille bei einer großen Meisterschaft. Und dann gleich Olympia-Gold. "Ohne Träume ist das Leben nichts wert", sagte da Silva: "Ohne Ziele haben Träume keine Grundlage."

Bauchfleck

Ziemlich dramatisch waren auch die 400 Meter der Frauen. Shaunae Miller rannte dem Ziel entgegen, die 22-Jährige von den Bahamas lag in Führung, doch ihr ging langsam die Luft aus. Und Allyson Felix kam immer näher. Da setzte Miller kurz vor Schluss plötzlich zum Sprung an, sie flog durch die Luft und landete bäuchlings als Olympiasiegerin im Ziel. "Das Einzige, woran ich gedacht habe, war die Goldmedaille", sagte Miller, die sich nach 49,44 Sekunden mit sieben Hundertstelsekunden vor Felix ins Ziel gerettet hatte: "Und im nächsten Moment lag ich auf dem Boden."

Das Zielfoto zeigte ein kurioses Bild: Miller überquerte die alles entscheidende Linie ungefähr auf Höhe der Knie von Felix. "Ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich habe Schürfwunden. Es tut wirklich weh", sagte sie.

Mit ihrem Bauchfleck verhinderte Miller auch ein historisches Gold von US-Star Felix. Die 30-Jährige hätte bei einem Erfolg als erste Leichtathletin der Olympia-Geschichte zum fünften Mal Gold gewonnen. Der Kenianer David Rudisha siegte über 800 Meter in glänzenden 1:42,15 Minuten, bereits in London ist er der Schnellste gewesen. (red, sid, 16.8.2016)

  • Renaud Lavillenie glaubte, im falschen Film zu sein.
    foto: imago sportfotodienst

    Renaud Lavillenie glaubte, im falschen Film zu sein.

  • Lavillenie: "Wir sehen so etwas im Fußball. Es ist das erste Mal, dass ich es in der Leichtathletik erlebt habe".
    foto: apa/afp/coffrini

    Lavillenie: "Wir sehen so etwas im Fußball. Es ist das erste Mal, dass ich es in der Leichtathletik erlebt habe".

  • Da Silva verbesserte seine persönliche Bestmarke um elf Zentimeter. "Ohne Träume ist das Leben nichts wert", sagte der Sieger.
    foto: imago sportfotodienst

    Da Silva verbesserte seine persönliche Bestmarke um elf Zentimeter. "Ohne Träume ist das Leben nichts wert", sagte der Sieger.

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