Festwochen der Alten Musik: Heimliche Hochzeit im Hühnerstall

15. August 2016, 20:54
1 Posting

Renaud Doucet und André Barbe begeistern mit "Il matrimonio segreto"

Innsbruck – Ihre Bewegungen sind mitunter recht eckig, sie scharren mit den Füßen, die Köpfe schnellen oft ruckartig nach vorne. Die erdfarbenen Roben der Frauen sind hinten herum ausladend wie kleine Baldachine, die Herren schmücken sich mit papageibunten Gewändern. Auf den Köpfen thronen Perücken wie knallfarbene Majestätszeichen.

Ja, wo sind wir denn hier? In einem Hühnerstall, natürlich. Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Bühnenbild und Kostüme) haben die Handlung von Domenico Cimarosas Oper Il matrimonio segreto in eine alte Scheune verlegt. Allerlei ausgedienter Krimskrams liegt dort herum, Bücher und kaputte Sessel; sie sind – wir sehen ja alles aus der Perspektive eines Kleintiers – riesengroß. Barbe zeigt uns dieses rurale Ambiente als dreidimensionale Tuschezeichnung, und in dieser tummelt sich das menschliche Federvieh wie fidele Farbkleckse, hüpft, hahnenkämpft, gackert und balzt herum, dass es eine Freude ist.

Denn natürlich wird reichlich begehrt in Cimarosas 1792 in Wien uraufgeführtem Melodramma giocoso, und meist stellt sich das Begehren als eine recht einseitige Angelegenheit dar. Graf Robinson etwa soll die Kaufmannstochter Elisetta heiraten, findet aber deren Schwester Carolina deutlich attraktiver. Deren verwitwete Tante Fidalma wiederum macht dem jungen Sekretär Paolino schöne Augen – der hat aber vor kurzem heimlich Carolina geheiratet.

Ei, wie zauberhaft diese Festwochen-Eröffnungsinszenierung doch geraten ist! Bei den Kostümen von André Barbe verschmelzen Kleid und Federkleid auf eine fantasievoll-verrückte Weise: Rokoko rocks. Nicht nur an den bonbonfarbenen Schuhkreationen hätte Marie Antoinette ihre helle Freude gehabt. Renaud Doucet hat den Sängerinnen und Sängern auf dezente Weise einige tierische Ticks antrainiert, und in der animalischen Karikatur eröffnet sich einem das bizarre Verhalten der Spezies Mensch ganz fabelhaft.

Auf musikalischer Seite wird von Festwochenchef Alessandro De Marchi auf Dezenz und Eleganz gesetzt. Die eröffnende Sinfonia interpretiert die Academia Montis Regalis noch recht spröde, doch bald gewinnt die Unternehmung an Charme. Der gebürtige Römer präsentiert sich als Protektor aller Pianissimi, der Orchesterklang ist so fein gewirkt wie die Stoffe der Roben, und in den Ensembles vermählen sich vornehm Akkuratesse und Transparenz.

Giulia Semenzato (Carolina) und Klara Ek (Elisetta) sind ein ideal besetztes Schwesternpaar; Semenzato ist mit ihrem runden, schimmernden Sopran ganz klingender Liebreiz; die souverän singende Ek gibt der Elisetta eine überzeugend verhärmte Note. Loriana Castellano (für Vesselina Kasarova) singt die liebestolle Witwe Fidalma mit gurrender Tiefe und wendigen Höhen.

Das komödiantische Schwergewicht der Inszenierung ist Renato Girolami als kraftvoll singender Graf Robinson, sein Bassbuffo-Kollege Donato Di Stefano punktet als schwerhöriger Kaufmann Geronimo mehr mit mimischen Qualitäten. Etwas blass und stimmlich nur von eingeschränkter Verführungskraft: Jesùs Álvarez als allseits begehrter Sekretär Paolino.

Am Ende der vierstündigen Premierenvorstellung bedankt sich das Publikum im Tiroler Landestheater mit einhelliger Begeisterung bei den Musikern und dem Inszenierungsteam für den kurzweiligen Urlaub auf dem Bauernhof. (Stefan Ender, 15.8.2016)

Nächste Vorstellung: 16.8.

Link

Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

  • Rokoko rocks! Kostüme und Bühnenbild von André Barbe verzücken in "Il matrimonio segreto".
    foto: rupert larl/innsbrucker festwochen

    Rokoko rocks! Kostüme und Bühnenbild von André Barbe verzücken in "Il matrimonio segreto".

Share if you care.