Pipeline-Poker wird zum Drahtseilakt für Gazprom

15. August 2016, 17:41
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Solo für Gazprom: Nach dem vorläufigen Aus für das Nord-Stream-2-Konsortium wird die Ostseepipeline für den russischen Energieriesen zum politischen Wagnis

Nachdem Polen das europäische Pipelinekonsortium für Nord Stream 2 gesprengt hat, muss der russische Erdgasriese Gazprom die Ostseepipeline vorerst im Alleingang verwirklichen. Auch die OMV hat ihre Anmeldung bei der polnischen Wettbewerbsbehörde zurückgezogen, obschon Vorstandsmitglied Manfred Leitner ankündigte, nach Wegen zu suchen, "das zu managen".

Einen Alleingang der Österreicher wird es dabei nicht geben, auch wenn die OMV im Gegensatz zu den Gazprom-Partnern Shell, Uniper und Wintershall keine größeren Engagements in Polen hat. Die Lösung müsse für alle westlichen Partner gleich aussehen, heißt es aus Verhandlungskreisen.

Acht Milliarden Euro Kosten

Aus finanzieller Sicht ist der Ausfall der westlichen Partner für Gazprom zu verschmerzen: Insgesamt werden die Kosten der 1200 Kilometer langen Leitung durch die Ostsee auf rund acht Milliarden Euro geschätzt. Gazprom will etwa 70 Prozent des Projekts über Außenfinanzierung stemmen.

Selbst wenn Gazprom also letztlich Alleinaktionär von Nord Stream 2 bliebe, bedeutet das lediglich Zusatzausgaben von 1,2 Milliarden Euro – für Gazprom keine unüberwindliche Hürde, zumal dann auch die Einnahmen aus der 55-Milliarden-Kubikmeter-Pipeline nicht mehr geteilt werden müssten.

South Stream vor Augen

Die politischen Risiken wiegen ungleich schwerer. Schon bei South Stream mussten die Russen die bittere Erfahrung machen, dass solch ein Projekt ohne die Lobby westlicher Konzerne gegen die Brüsseler Wand fahren kann. Nach Einschätzung des Energieexperten Michail Krutichin hatte Russland in das Projekt fünf Milliarden Dollar investiert, ehe es – zumindest vorläufig – beerdigt wurde.

Eine solche Pleite will Gazprom bei Nord Stream 2 nicht wiederholen. Darum werde Gazprom wohl nach einer Umgehung des polnischen Joint-Venture-Verbots suchen, meint Alexander Kornilow, Senior Analyst bei der Consultinggesellschaft Aton.

"Geopolitische Bedrohung"

Der politische Druck auf das Projekt ist gewaltig, die Gegenwehr besonders in Osteuropa hart. Acht Länder, neben Polen auch Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei, Tschechien und Ungarn, haben das Projekt als "geopolitische Bedrohung" ausgemacht.

Der Kreml macht hingegen weiterhin Werbung für die Erweiterung der Ostseepipeline. Nord Stream 2 sei ein Schritt zur Diversifizierung der Gaslieferrouten "und fügt sich im Großen und Ganzen in das Programm zur Entwicklung der europäischen Gasinfrastruktur ein", sagte Außenminister Sergej Lawrow. Unterstützung bekam er am Montag immerhin von seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier bei einem Treffen in Jekaterinburg. Steinmeier betonte, dass es sich bei Nord Stream 2 um ein wirtschaftliches Projekt handle. Die Politik solle sich nicht einmischen, forderte er. (André Ballin aus Moskau, 15.8.2016)

  • Gazprom muss nach dem von Polen erzwungenen Verzicht seiner europäischen Partner (unter anderem OMV) allein den Bau von Nord Stream 2 bewältigen. Finanziell ist das für den russischen Gasriesen zu stemmen, die politischen Risiken aber steigen.
    foto: apa/alexander nemenov

    Gazprom muss nach dem von Polen erzwungenen Verzicht seiner europäischen Partner (unter anderem OMV) allein den Bau von Nord Stream 2 bewältigen. Finanziell ist das für den russischen Gasriesen zu stemmen, die politischen Risiken aber steigen.

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