Mann und Frau, das kann funktionieren

15. August 2016, 17:11
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Das erste der vier österreichischen Boote segelt um eine Medaille, und es ist gemischtgeschlechtlich besetzt. Thomas Zajac und Tanja Frank haben sich längst aneinander gewöhnt – und an dumme Fragen

"Die Tanja hat bald akzeptiert, dass es an Bord manchmal auch derbere Witze gibt." Und? "Und aus", sagt Thomas Zajac. "Es gibt Reibungspunkte – aber nicht, weil wir ein Mann und eine Frau sind, sondern weil wir manchmal verschiedene Sichtweisen haben", sagt Tanja Frank. Und? "Und aus." Zajac und Frank, beide aus Wien, sind gewohnt, dass ihnen Fragen gestellt werden, die mit dem Segelsport an sich nichts zu tun haben. Peinliche Fragen, dumme Fragen, die nicht selten mit "Wie ist das denn eigentlich so, wenn" beginnen.

Eigentlich ist es nämlich so: Der 30-jährige Wiener und die 23-jährige Wienerin sitzen seit Ende 2012 in einem Boot (Nacra 17), und im Medal Race am Dienstag (geplanter Start 19.05 Uhr) segeln sie um eine Medaille. Nach zwölf Wettfahrten liegen Zajac/Frank an dritter Stelle, die Abstände an der Spitze sind extrem gering. Die führenden Argentinier liegen nur sieben Punkte vor, die fünftplatzierten Neuseeländer sieben Punkte hinter den Österreichern.

Huch, Mann und Frau, im Sport, miteinander – das hat Seltenheitswert. Zajac war zuvor zehn Jahre lang gemeinsam mit Thomas Czajka gesegelt, die "Tommys" waren Vize-Weltmeister im Tornado und für die Nachfolge der doppelten Olympiasieger Hagara/Steinacher vorgesehen – da flog just diese Klasse aus dem Olympiaprogramm. Zajac/Czajka stiegen noch auf den 49er um, sahen da aber gegen die schon etablierten Nico Delle-Karth und Niko Resch kein Land. Als für Rio 2016 die Nacra-17-Klasse ins Programm aufgenommen wurde, stieg Zajac aus dem 49er aus und setzte sich zu Frank, die gemeinsam mit Lara Vadlau Jugendweltmeisterin im 420er gewesen war.

Das IOC will erstens die Frauenquote, derzeit um 40 Prozent, möglichst schon bis Tokio 2020 auf 50 Prozent bringen und die Zahl der Disziplinen für gemischtgeschlechtliche Teams erhöhen. Das ist keine schlechte Idee, es ist gut möglich, dass Segeln hier eine Art Vorreiterrolle spielt und andere Sportarten nachziehen (müssen). Gemeinsames Antreten von Frauen und Männern beschränkt sich derzeit auf Mixed-Bewerbe in Ballsportarten wie Tennis oder Badminton sowie auf Teambewerbe, in denen aber alle solo antreten und Ergebnisse addiert werden, etwa im Pferdesport. Allein hier, in der Dressur, im Springreiten und in der Vielseitigkeit treten derzeit Männer und Frauen solo auch gegeneinander an.

Der Schmäh

Vor ihrer ersten Wettfahrt wurden Zajac und Frank im Österreich-Haus den Journalisten vorgesetzt, die 49er-Segler Delle-Karth und Resch saßen daneben, da rannte der Schmäh, frage nicht. Die Segler erzählten, sie hätten ein zu leichtes Boot schwerer machen müssen, und der Schmäh drehte sich darum, ob denn nun Zajac oder Delle-Karth über ein größeres, längeres, schwereres Bleigewicht verfüge. Ha! Und gleich noch einmal: Ha! Es war doppelt schade, dass ausgerechnet dieses Pressegespräch nicht live vom ORF übertragen wurde.

Im kleineren, nicht einmal halb so halblustigen Kreis sagte Zajac dem STANDARD, er habe sich "schon umstellen müssen. Aber ob ein neuer Partner oder eine Partnerin ins Boot kommt, ist letztlich egal. Man muss die Kommunikation neu aufbauen, vor allem das Nonverbale." Was sich geändert habe, seien Nebensächlichkeiten. Bei Quartieren muss der Segelverband (OeSV) nun etwas mehr berappen, weil aus einem Zweibettzimmer zwei Einzelzimmer wurden. Dafür, sagt Zajac, sei es bei Fahrten zu Segelevents im Auto nun etwas enger geworden. "Tanja hat halt immer ihre drei Reisetaschen mit."

Björn Krenn und Günter Amesberger sind die zwei Sportpsychologen, die sich um Österreichs Segler kümmern, auch in Rio. Sie haben sich die vier Boote aufgeteilt, Krenn betreut Zajac/Frank und Vadlau/Ogar, Amesberger betreut Delle-Karth/Resch und Schmid/Reichstädter. Krenn sagt, dass es "auf die Balance ankommt. Und die Balance definiert sich stärker über die Persönlichkeit als über das Geschlecht."

Natürlich gebe es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, beispielsweise haben Frauen punkto Empathiefähigkeit ein Plus. Aber das bedeutet im Einzelfall wenig. Bei Zajac/Frank spielt auch der Altersunterschied eine Rolle, er beträgt immerhin sieben Jahre. Krenn: "Die beiden haben sich natürlich aufeinander einstellen müssen, aber mit dem unterschiedlichen Geschlecht hat das wenig zu tun." Auch Frank spricht die Kommunikation an Bord an. "Idealerweise funktioniert sie ohne viel reden. Nur zu Beginn ist sehr viel Zeit damit vergangen, dass wir geredet haben."

Das Ziel

Nicht bemerkenswert ist, dass Zajac am Steuer sitzt und Frank die Vorschoterin gibt, sich also vorrangig um die Segel kümmert. Nur vier der zwanzig Nacra 17 werden von Frauen gesteuert, hier am besten platziert ist das neuseeländische Boot mit Steuerfrau Gemma Jones auf Rang fünf. Durchaus bemerkenswert ist, dass Zajac/Frank jene österreichische Crew sind, die nur wenige auf der Rechnung hatten. Die große Überraschung könnte sich im Medal Race zu einer noch größeren auswachsen. "Wir sind ein Team, das ein Ziel hat", sagt Tanja Frank. "Und auf das Ziel arbeiten wir hin", sagt Thomas Zajac. Und aus. (Fritz Neumann aus Rio, 16.8.2016)

  • Thomas Zajac und Tanja Frank haben nur am Beginn ihrer Zusammenarbeit sehr viel miteinander geredet.
    foto: apa/expa/johann groder

    Thomas Zajac und Tanja Frank haben nur am Beginn ihrer Zusammenarbeit sehr viel miteinander geredet.

  • Die Psychologen Björn Krenn (re) und Günter Amesberger haben sich die Betreuung in Rio aufgeteilt.
    foto: gepa/ mathias mandl

    Die Psychologen Björn Krenn (re) und Günter Amesberger haben sich die Betreuung in Rio aufgeteilt.

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