Kornspitz-Chef: "Überregulierung kauft Betrieben die Schneid ab"

16. August 2016, 09:00
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Peter Augendopler vermisst die Lobby für kleine Betriebe und würde die Allergenverordnung am liebsten wieder abschaffen

Wien – Peter Augendopler kann der Nostalgie in Bezug auf die guten alten Zeiten nichts abgewinnen. Schon gar nicht, wenn's um die kleinen Bäcker und ihr Brot geht. "Von wegen früher war alles besser und natürlicher. Wer das behauptet, der kennt sich nicht aus."

Augendopler versorgt die Backbranche weltweit mit Grundstoffen für Brot und Gebäck. Sein Betrieb Backaldrin erfand die Marke Kornspitz. Produziert wird neben Linz in der Schweiz, in Jordanien, Mexiko und Südafrika. Ein Werk in Russland ist gerade im Aufbau.

Er erinnere sich noch gut an die Zeiten, als in den Schaufenstern österreichischer Bäcker einheitlich nichts als grüne Asparaguspflanzen wucherten, erzählt er, "weil es sonst nicht viel zum Herzeigen gab. Eine Sorte Schwarzbrot, eine Sorte Weißbrot und ein bisserl Kleingebäck – das war's." Den Markt für Hefe und Mehl dominierten Kartelle. Der Preis für Brot und Semmeln war staatlich reguliert. "Österreich hatte nach dem Krieg die höchsten Rohstoffkosten und die niedrigsten Brotpreise Europas."

Heute gebe es keinen Bäcker, der nicht zumindest hundert verschiedene Sorten biete, teilweise sogar bis zu 400. "Die Leute kaufen sich alle paar Monate ein neues Handy. Und dann sollen sie immer das gleiche Brot essen?" Das Argument, dass unzählige Zusatzstoffe in der industriellen Produktion die Qualität mindern, lässt der Chef von Backaldrin nicht gelten. Zum einen gehe es zunehmend auch wieder ohne. Zum anderen schließe die heutige bessere Mühltechnik Risiken wie jene des giftigen Mutterkorns aus.

Landbrots Preistreiberei

Dass die Preisbindung letztlich fiel, dazu habe auch sein Betrieb beigetragen – konkret das bayerische Landbrot, das sein Vater lancierte, erinnert sich Augendopler. Dessen neue Rezepturen sollten es Bäckern erlauben, die Preise freier zu kalkulieren. Prompt hagelte es eine Anzeige wegen Preistreiberei, auch Backaldrin hatte die Wiener Wirtschaftspolizei im Haus. "Mein Vater warf sie hinaus."

Den Prozess gegen die Republik Österreich gewann der betroffene Bäcker, die Republik bezahlte eine Geldstrafe in Höhe von tausend Schilling. Das offizielle endgültige Aus für die Fixpreise folgte schließlich Ende der 1970er-Jahre.

Auch wenn sich für Österreichs Bäcker seither wesentliche Spielregeln änderten, fehlt es ihnen aus Augendoplers Sicht nicht an großen Mühlsteinen, die ihnen von der Politik in den Weg gelegt würden. Keinerlei Verständnis hat er etwa für die Allergenverordnung, die er am liebsten sofort wieder abschaffen würde. "Sie ist für kleine Bäcker ein enormer Aufwand – dafür, dass vielleicht einmal die Woche ein Kunde danach fragt." Von Allergien betroffen seien weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Echte Allergiker wüssten ohnehin, wogegen sie allergisch sind.

"Ich verstehe ja, dass sich nicht die ganze Welt nach kleinen Betrieben richten kann. Derzeit haben sie in Brüssel aber überhaupt keine Lobby."

"Nichts für Funktionäre"

Hohe Hürden für seine Branche macht Augendopler auch in der Arbeitszeitregelung aus, die eine Höchstarbeitszeit von zehn Stunden am Tag vorsieht. All das dürfe nicht nur von Funktionären entschieden werden, "die seit zehn Jahren keinen Betrieb mehr von innen gesehen haben", sondern gehöre runter auf die betriebliche Ebene verlagert, fordert er. "Denn was weiß die Wirtschaftskammer schon vom wirklichen Leben? Mit der Überregulierung kauft man den Betrieben die Schneid ab."

Dass es zulasten der Beschäftigten geht, lässt man Unternehmern mehr freie Hand, glaubt er nicht. "Die Zeiten der Ausbeuterei sind vorbei, andernfalls würden einem ja die Leute davonlaufen."

Warum leiden die Bäcker dann unter großen Nachwuchsproblemen? Augendopler führt das auf ein Klima zurück, das dafür sorge, dass sich Junge, die ein Handwerk erlernen wollen, oft als Menschen zweiter Klasse fühlten. Die Angst vor Nachtarbeit ist für ihn relativ: Wer um drei Uhr morgens aufstehe, könne im Sommer schon um zwölf Uhr mittags im Bad liegen.

Augendopler selbst arbeitet seit 20 Jahren daran, dass er bei Backaldrin überflüssig wird. Und mittlerweile sei ihm das fast gelungen, resümiert der 70-Jährige. Neben familienfremden Managern übernehmen nach und nach seine Kinder Verantwortung. "Alles läuft auch ohne mich. Aber solange ich geistig fit bin, arbeite ich mit." (Verena Kainrath, 16.8.2016)

  • "Die Leute kaufen sich alle paar Monate ein neues Handy. Und dann sollen sie immer das gleiche  Brot essen?" Peter Augendopler mischt mit 780 Mitarbeitern im weltweiten Backgeschäft mit.
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    "Die Leute kaufen sich alle paar Monate ein neues Handy. Und dann sollen sie immer das gleiche Brot essen?" Peter Augendopler mischt mit 780 Mitarbeitern im weltweiten Backgeschäft mit.

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