Deutsche Wirtschaft wächst trotz Brexit-Votums

15. August 2016, 15:38
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Studie: Britische Arbeitgeber bei Neueinstellungen zögerlicher – Branchen-Webseite: Häuserpreise in England gesunken

Berlin/London – Die Brexit-Abstimmung der Briten kann den Wachstumsaussichten für Deutschland laut Bundesbank kurzfristig nichts anhaben. Die Folgen des Anti-EU-Votums dürften sich in engen Grenzen halten, prognostizieren die Zentralbank-Volkswirte in ihrem am Montag vorgelegten Monatsbericht.

Nach dem Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,4 Prozent im Frühjahr dürfte die Wirtschaft demnach im Sommer sogar recht kräftigen Rückenwind spüren. Die Briten hatten sich am 23. Juni für einen Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen. Das Vereinigte Königreich ist der drittgrößte Exportmarkt für Deutschland. Manche Volkswirte befürchten, dass Großbritannien wegen der Unsicherheit über die künftigen Handelsbeziehungen mit der EU in eine Rezession abgleiten wird.

Knapp zwei Monate nach dem Votum ist noch kein Fahrplan erkennbar, wann das Land aus der EU austritt. Premierministerin Theresa May ließ über ihren Sprecher mitteilen, dass sie den Prozess der Loslösung von der EU formal nicht vor Jahresende einleiten werde. Sie werde das gesamte politische Gewicht der Regierung in die Waagschale werfen, um das Beste für ihr Land herauszuholen. Einem Pressebericht zufolge dürfte der Brexit noch länger auf sich warten lassen: Als wahrscheinlich gelte inzwischen Ende 2019, berichtete die "Sunday Times" unter Berufung auf Insider.

Regierungsvertreter hatten bereits öffentlich klar gemacht, dass der Austrittsantrag nach Artikel 50 des EU-Vertrages erst gestellt werde, wenn die Verhandlungsstrategie stehe. Mit dem Antrag beginnt eine zweijährige Frist, in der die Rahmenbedingungen des EU-Austritts ausgehandelt werden sollen. Bereits jetzt zeigt sich einer Studie zufolge, dass die Arbeitgeber bei Neueinstellungen zurückhaltender geworden sind. Der Anteil der Firmen, die ihre Belegschaft in den kommenden drei Monaten vergrößern wollen, sank seit dem Brexit-Referendum im Juni von 40 auf 36 Prozent. Laut der Untersuchung der Personalexperten-Vereinigung CIPD und des Arbeitskräftevermittlers Adecco UK & Ireland besteht insgesamt zwar weiter grundsätzlich die Neigung zu Neueinstellungen. Vor allem im privaten Sektor zeige sich aber wachsende Vorsicht.

Auch am Immobilienmarkt kommt es zu Folgewirkungen des Referendums: Die in England und Wales zum Verkauf angebotenen Wohnhäuser verbilligten sich im Zeitraum von 10. Juli bis 6. August so stark wie seit November nicht mehr, wie aus Daten der Immobilien-Webseite Rightmove hervorgeht. Am stärksten war der Rückgang in London, wo die Preisforderungen zum Vormonatszeitraum um 2,6 Prozent zurückgeschraubt wurden. Bereits seit dem Anti-EU-Votum geht auf der Insel die Sorge um, dass Immobilien massiv an Wert verlieren könnten, insbesondere am Finanzstandort London, dem nun eine deutliche Schwächung droht.

Doch die in Edinburgh ansässige Royal Bank of Scotland zieht im Fall einer Abspaltung Schottlands von Großbritannien die Verlagerung ihrer Konzernzentrale in Erwägung. Das Geldhaus wäre für die schottische Wirtschaft allein schlicht zu groß, sagte Institutschef Ross McEwen in einem Interview der BBC. Die RBS hatte bereits vor zwei Jahren angekündigt, bei einer schottischen Unabhängigkeit nach London umziehen zu wollen. Weil die Schotten im Juni anders als die Mehrheit der Briten gegen einen EU-Ausstieg gestimmt haben, ist die Debatte über die Abspaltung wieder aufgeflammt. (APA/Reuters, 15.8.2016)

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