Olympia: Zauberhafte Momente zwischen kalten Zahlenspielen

Rezension15. August 2016, 11:28
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Abseits von Inszenierung, Machtrausch und Korruption liefert die olympische Welt immer noch inspirierende Erzählungen. Das beweist nicht zuletzt Klaus Zeyringers Kulturgeschichte der Olympischen Spiele von 1896 bis heute

Brasilien ist seit einer Woche im Medaillenrausch, an den Spielen der XXXI. Olympiade in Rio nehmen Sportler aus 206 Nationen teil, das ist natürlich ein Rekord. Im olympischen Vokabularium dominiert der Superlativ. Der Olympismus ist nichts weniger als eine Lebensphilosophie. Und in dieser war es bereits vor 2500 Jahren im antiken Griechenland das Ziel, Erster zu werden.

Die berühmtesten Athleten der Antike, wie den sechsfachen Ringkampf-Olympiasieger Milon aus Kroton, erwarteten in ihrer Heimat nicht nur Ruhm, sondern auch jede Menge Geld, Geschenke und lebenslange Beamtenposten. Mit der Zeit nahmen Ehrgeiz und Eitelkeiten überhand, es wurden Gegner bestochen, Kampfrichter gekauft und die leistungsfördernde Wirkung von Stierhoden entdeckt – also die Frühform des Testosteron-Dopings. Olympia, das ist schon eine schräge Idee. Wie diese Idee zu einem globalen Mythos und ein Schweizer Verein zu einem weltweiten, mächtigen Oligopol werden konnte, das erklärt der Germanist und Literaturkritiker Klaus Zeyringer in seinem Buch Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute von der Wiedergeburt der Völkerverständigung 1896 in Athen bis zum Missbrauch des Sports als politische Showkulisse für Wladimir Putin in Sotschi 2014.

Ehe von Muskel und Geist

Detailreich und mit vielen Anekdoten versehen, schildert er, wie aus den hehren Idealen des Internationalen Olympischen Komitees um Gründervater Pierre de Coubertin ein Selbstbetrugssystem erwachsen ist, das, wie Zeyringer selbst sagt, die enorme Diskrepanz zwischen Ideal und Realität sichtbar macht. Die Spiele als schwelendes Terrain für internationale Konflikte statt Friedenslösung, Korruption statt Chancengleichheit, maximale Kommerzialisierung statt Bescheidenheit.

Dabei wird die Essenz des Sports ab und an in den Hintergrund gedrängt, geht aber nicht verloren. Ein Beiwagerl und ein Mittel zum Zweck war der Sport schon immer. In Österreich wird das geradezu zelebriert, wo es seit jeher keines echten Sportministeriums bedarf. Bewegung war aber schon mehr aus der Mode als heute im Computer(spiel)zeitalter.

Bis über das Mittelalter hinaus galt es vielerorts als armselig, wenn man sich viel bewegte. Das sollte nur den hackelnden Bauern vorbehalten bleiben. Bis ins 19. Jahrhundert war eine große Leibesfülle in gehobenen Kreisen ein Statussymbol. Noch im 20. Jahrhundert bezeichnen Künstler und Philosophen den Sport als barbarisch, er sei eine einzige Ablenkung von der Reflexion. Der deutsche Schriftsteller Uwe Johnson sah im Sport "eine geistfeindliche Tortur", und Thomas Mann verortete ihn im Bereich der "bürgerlichen Normalität", zu profan für das Schaffen eines Künstlers.

Aber die gesellschaftliche Akzeptanz sollte wieder wachsen. Zuerst lag aber einmal Frankreich am Boden. Nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 war die Grande Nation desillusioniert. Coubertin, reicher Sohn eines alten Adelsgeschlechts, wollte seiner Heimat politisch und kulturell wieder zu der Position verhelfen, die sie Ende des Jahrhunderts verloren hatte. Warum nicht zu diesem Zweck die Ehe von Muskel und Geist beschwören, zu der die Jugend erzogen werden sollte?

Es war ein langer Lauf

Den heute noch vielerorts im Kulturbetrieb georteten Mangel an einer leidenschaftlich-körperlichen Beziehung zum Sport versuchen Sozialwissenschafter gerne und oft damit zu kompensieren, den Sport künstlerisch zu überhöhen oder anders darzustellen. Also: nur als Opium fürs Volk, oder Quotengarant für TV-Sender. Sport bedeutet aber viel mehr, als dass er nur ein paar Gesten der Herablassung wert wäre. Ein Gefühl, das sich bei der Lektüre von Klaus Zeyringer auch erfreulicherweise einstellt.

Inspirierende Geschichten gibt es zuhauf. Von Emil Zatopek etwa, der "tschechischen Lokomotive". Dem viermaligen Olympiasieger machte nicht nur sein ineffizienter Laufstil zu schaffen, sondern auch der Kommunismus, der ihm eine noch größere Karriere verwehrte. Zu Beginn des Buches läuft der Leser mit Shiso Kana-guri Marathon durch Stockholm (Spiele 1912). Zwischen Kilometer 25 und 30 soll der total ermüdete Japaner in den Garten eines Hauses eingebogen und nach ein paar gastfreundschaftlichen Gläsern Wasser eingeschlafen sein.

Kanaguri wurde später Uni-Professor, reiste als 75-Jähriger noch einmal nach Stockholm und vollendete den langsamsten Marathonlauf der Welt: 54 Jahre, acht Monate, sechs Tage, fünf Stunden, 32 Minuten. "Es war ein langer Lauf", sagte Kanaguri, "unterwegs heiratete ich, bekam sechs Kinder und zehn Enkel."

Gescheit und sportlich: Funktioniert

Kulturbilder werden in Bewegung gesetzt, die olympische Erzählung bringt Helden und Mythen hervor. Und das Vorurteil, dass sportliche und kulturelle Höchstleistungen nicht zusammengehen, lässt sich nicht bestätigen. Die Französin Micheline Ostermeyer wurde 1948 in London sowohl im Diskuswurf als auch im Kugelstoßen Olympiasiegerin und gab nebenbei eine mit europäischen Preisen ausgezeichnete Konzertpianistin. Sie trainierte in großen Umfängen auf dem Sportplatz und saß dann täglich fünf Stunden am Klavier.

Die vielseitige Athletin verkörperte damit mehr denn je die von Baron Coubertin gewünschte Verbindung von Sport und (Kunst-)Geist. Auch deshalb ziehen uns die Olympischen Spiele trotz Dopings, Korruption und Bühnenschauspiels für Politiker in den Bann. (Florian Vetter, 15.8.2016)

Klaus Zeyringer, "Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute". € 27,80 / 598 Seiten. S.-Fischer-Verlag, Berlin 2016

  • Einer von vielen zauberhaften Momenten: der Turner Wiktor Tschukarin aus der Sowjetunion bei den XV. Olympischen Sommerspielen in Helsinki, Finnland, 1952.
    foto: apa/picturedesk/oliver j. graf

    Einer von vielen zauberhaften Momenten: der Turner Wiktor Tschukarin aus der Sowjetunion bei den XV. Olympischen Sommerspielen in Helsinki, Finnland, 1952.

  • Klaus Zeyringer, "Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute". € 27,80 / 598 Seiten. S.-Fischer-Verlag, Berlin 2016
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    Klaus Zeyringer, "Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute". € 27,80 / 598 Seiten. S.-Fischer-Verlag, Berlin 2016

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