DDR-Schriftsteller Hermann Kant gestorben

15. August 2016, 21:02
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Der umstrittene Autor wurde 90 Jahre alt

Berlin/Neustrelitz – Zu den Besonderheiten des literarischen Wirkens in den realsozialistischen Ländern gehörte es, dass manche verlegerische Entscheidung an höchster Stelle getroffen wurde. So bekam Michail Bulgakow einmal einen Anruf von Stalin. Nicht ganz so dramatisch, aber doch ein bisschen einschüchternd war das, was Hermann Kant 1969 in der damaligen DDR widerfuhr: Über das Erscheinen seines Romans Das Impressum wollte Walter Ulbricht selbst entscheiden, der Staatsratsvorsitzende und damit höchste Politiker im Lande.

Kant ließ in dem Buch einen Journalisten sprechen, der nicht Minister werden wollte. Das reichte schon, um ein Maß von Dissidenz anzudeuten, das wenige Jahre nach dem berüchtigten Scherbengericht über die Kultur auf dem "Kahlschlag-Plenum" des Zentralkomitees 1965 nicht angebracht schien. DasImpressum erschien 1972 dann aber doch, denn Hermann Kant ließ zwischen sich und die DDR immer nur maximal ein Blatt, niemals aber ein ganzes Buch, das ihm vielleicht sogar als Ausreiseantrag hätte durchgehen können. Dazu war er der "Sache" zeitlebens zu sehr verpflichtet.

Die Sache, das war eben der Kommunismus, der dem 1926 in Hamburg geborenen Sohn eines Arbeiters und einer Gärtnerin nach dem Krieg einen Bildungsaufstieg ermöglicht hatte. Im ostdeutschen Parchim hatte Kant bis 1944 das Handwerk des Elektromonteurs gelernt, nach einer Kriegsgefangenschaft in Polen holte er 1952 an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald das Abitur nach. Davon erzählte er in seinem Roman Die Aula (1965), der als sein Hauptwerk gilt. Man vernimmt darin, nebst einigem bemühten Witz, den typischen Sound, mit dem die DDR damals alles, auch die persönlichsten Regungen, immer nur mit dem Blick auf ein großes Ganzes zur Sprache kommen lassen wollte.

Kants Versuche, sich im Kommunismus literarisch, intellektuell und betriebssozial (meistens) halbwegs anständig, letztlich aber stark systemnah und Privilegien nicht abgeneigt zu positionieren, ließen ihn nach der Wende als Mandarin erscheinen. So wuchs ihm (ostalgisch) nach 1989 erst so richtig die Rolle eines DDR-Autors zu.

Karl Corino versuchte in Die Akte Kant die Stasi-Verstrickungen von Kant zu entschlüsseln, stieß dabei aber auch auf Sätze wie diesen: "Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, die Wahrheit zu schreiben, aus der unbedingt hervorgehen muss, dass es einen Sinn hat zu leben."

Dieser Sinn hat Hermann Kant am Sonntag, einen Monat nach seinem 90. Geburtstag, in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Leben verlassen. (Bert Rebhandl, 15.8.2016)

  • Hermann Kant 1982 bei einer Lesung in Ostberlin.
    foto: imago / werner schulze

    Hermann Kant 1982 bei einer Lesung in Ostberlin.

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