Wiener Matzleinsdorfer Platz: Kritik mit Kunst, Rauch und Kompott

Video16. August 2016, 12:24
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"Urban, abgefuckt, laut". So charakterisiert Tomash Schoiswohl den "Matz Platz". Der Künstler will zeigen: Der Platz hat mehr als Verkehr zu bieten

Wien – Tomash Schoiswohl steht auf dem Dach des kleinen Feuerwerkshäuschens am Wiener Matzleinsdorfer Platz im Grenzgebiet zwischen fünftem und zehntem Bezirk. Er schwenkt eine große Flagge und zündet Rauchfackeln an. Roter und blauer Rauch vermischt sich in der Luft zu einer violetten Wolke.

Dann setzt er sich vor das seit Jahren leerstehende Häuschen, in dem früher Pyrotechnikartikel verkauft wurden, auf einen Klappstuhl. Vor ihm steht auf einen kleinen Tisch – gezimmert aus Holz und einem Verkehrsschild – ein großes Glas Obstkompott: "Mit Kompott kommen die Leut' ins Reden", sagt er.

Schoiswohl ist Künstler. Er studierte Konzeptkunst und Critical Studies in Wien, kuratiert nun unter anderem Ausstellungen im Zoom-Kindermuseum und unterrichtet an der Kunstuniversität Linz. Seit 13 Jahren beschäftigt sich der 36-Jährige auch mit dem Matzleinsdorfer Platz, einem "vermeintlich geschichtslosen Ort", der oft als "hässlich" oder "Nichtort" abgetan werde. So bleibe seine Geschichte unverstanden und damit die Möglichkeit, "mit mehr Fantasie über Verkehrsknotenpunkte nachzudenken".

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Für Schoiswohl steht die Beschäftigung mit dem Platz für eine tiefer gehende Kritik an der "Dominanz des Autos" und für eine Auseinandersetzung mit der Frage, wem öffentlicher Raum gehört. Den Matzleinsdorfer Platz wählte er für seine Kunstaktionen aus, weil er ein "Gegenplatz zum Landleben" sei, "total urban, abgefuckt, laut".

Schoiswohl wuchs in einem "ganz kleinen Ort in Oberösterreich" auf. Auch dass der Platz "abseits der Kunstszene" stehe und damit "widerspenstig" und "nicht schickimicki" sei, gefällt ihm. Aufgefallen sei er ihm erstmals im Jahr 1999, als er mit dem Bus vorbeifuhr und sein Blick auf das Feuerwerkshäuschen fiel.

foto: maria von usslar

Wo ab 1704 der Linienwall als Befestigungsanlage die Wiener Vororte von den Vorstädten trennte, münden heute Gudrunstraße, Wiedner Hauptstraße, Triester und Reinprechtsdorfer Straße in den Matzleinsdorfer Platz. Tausende Pkws und Lkws brettern täglich über die zahlreichen Fahrbahnen. Fußgänger haben es nicht leicht, sich bei den kompliziert angelegten Unterführungen und Ampelanlagen zurechtzufinden. Neben mehreren Straßenbahnlinien fährt auch die S-Bahn die Haltestelle an.

Einmal verlas Schoiswohl inmitten dieses Verkehrschaos an einem angekarrten Schreibtisch Verordnungen aus dem 18. Jahrhundert. Ein anderes Mal ließ er Bälle aus Pappmaschee die Fahrbahn entlangrollen. "Es verändert etwas im Kopf, wenn der Platz plötzlich ganz anders genutzt wird." Die Reaktionen seien "recht positiv": Kfz-Lenker würden stehenbleiben und "alles kaufen wollen", was auf dem Gehsteig steht, oder fragen, "was wir da machen".

foto: maria von usslar

Schoiswohl freut sich über diese Interaktion. Er sei auch mit manchen jener in Kontakt, die direkt am Platz wohnen, etwa dem Pfarrer und seiner Familie, die "ein grünes Refugium" beim evangelischen Friedhof bewohnen.

Für sein Baustellengeschichtsprojekt, für das er eine Förderung der Stadt für innovative Kunst erhielt, machte er sich unter anderem auf die Suche nach Arbeitern, die am Bau der Unterführung für die Unterpflaster-Straßenbahn in den 1960er-Jahren mitgewirkt hatten. Auch Interviews mit damaligen Anrainern führte er durch.

foto: maria von usslar

Heuer organisierte er die "Matzleinsdorfer Festspiele". Er wühlt in Archiven, macht Projekte mit Schülern des Gymnasiums in der Reinprechtsdorfer Straße oder trägt bei Stadtspaziergängen zur Geschichte des "Matz Platzes", zu Gentrifizierung, Ordnungspolitik und "Recht auf Stadt" vor.

Was er sich für den Matzleinsdorfer Platz wünscht? "Einen Verkehrsgarten mit Disteln, Sitzmöbeln, einem kleinen Museum und weniger Fahrspuren." Wichtig sei ihm, dass sich auch Kultur- und Sozialwissenschafter mit dem Platz beschäftigen. Es sei "höchste Zeit", das Thema Verkehr – in dem eine "enorme Sprengkraft" liege – anders zu denken. (Christa Minkin, 16.8.2016)

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