Segeln, so geht's: Trimmen, antizipieren, beten

12. August 2016, 17:30
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Nach rechts oder links, im Wind oder gegen den Wind, mit dem oder gegen den Strom – diese Fragen entscheiden nicht nur im Leben, sondern auch im Segeln. Die Antworten auf dem Wasser sind eigen, wie von Österreichs Hoffnungsträgern zu erfahren ist

Was macht ein Segelboot schnell? Was unterscheidet ein Boot von einem anderen? Wie sieht der Trimm bei unterschiedlichen Bedingungen aus? Der Standard hat sich im Segelhafen in Rio bei österreichischen Medaillenhoffnungen umgehört. Nico Delle Karth, der mit seinem Vorschoter Niko Resch am Freitag die olympische 49er-Regatta in Angriff nahm, beginnt seine Erklärungen mit dem Mast. "Der Mast hat verschiedene Set-ups für verschiedene Windstärken. Bei null Wind steht der Mast praktisch gerade, und das Segel ist so tief wie möglich. Je mehr Wind weht, umso mehr biegen wir den Mast und machen so das Segel flacher."

Wie ein Flugzeug

Delle Karth, der Olympiavierter 2012 und zweimal Vizeweltmeister war, vergleicht sein Boot mit einem Flugzeug. "Wenn das Flugzeug landet, fährt es Landeklappen aus. Wir machen das, wenn kein Wind ist. Unser Segel ist wie die Flügel des Flugzeugs, und die Düse des Flugzeugs sind wir im Trapez." Über die sogenannten Wanten, Seile zur Verspannung des Masts, können Delle Karth und Resch die Mastbiegung definieren. Die Unterschiede in der Wantenspannung sind marginal, zwischen Leichtwind und Starkwind liegen nicht mehr als zwei Zentimeter.

Segel ist nicht gleich Segel, obwohl wir in allen olympischen Klassen von einem One-Design reden, soll heißen: Alle Teilnehmer sind im Prinzip mit ein und demselben Material unterwegs. Im Prinzip. "Manche Segel sind grottenschlecht gearbeitet", sagt Delle Karth, der einmal gar "ein verschnittenes Großsegel" zur Verfügung gestellt bekam. "Das hat enorm viel Speed gekostet. Doch wir sind erst nach fast zwei Monaten draufgekommen, woran es lag, und da waren die Selbstzweifel schon ziemlich groß."

Antizipieren statt reagieren

Für Florian Reichstädter, den Vorschoter des von Matthias Schmid gesteuerten 470ers, ist "die Lage des Bootes das Um und Auf". Sie lasse sich einerseits durch aktiven Segeltrimm, andererseits durch Gewichtsverlagerung steuern. Mit Sicherheit gilt: "Wenn sich der Wind ändert und ich nicht darauf reagiere, werde ich langsamer", wobei sich Reichstädter wenig später selbst korrigiert, denn "reagieren" sei nicht das richtige Wort. "Oft ist es schon zu spät, wenn ich bloß reagiere. Eigentlich geht es ums Antizipieren." Man erwartet, dass eine bestimmte Situation eintreten wird, agiert und betet, dass sie auch tatsächlich eintritt.

Schmid und Reichstädter haben sich Anfang Juli endgültig für ihr Olympia-Material entschieden, sie hatten zwei Masten und vier Segel in der engeren Auswahl. "Das Schwierige daran war, dass in dieser Bucht sehr unterschiedliche Bedingungen herrschen", sagt Reichstädter. "Der eine Mast ist bei Leichtwind, also bis zehn Knoten, besser, der andere bei mehr als zehn Knoten. Mit den Segeln verhält es sich ähnlich." Dabei sind die Segel, wie gesagt, samt und sonders gleich geschnitten, sie kommen vom japanischen Segelmacher Kei Takakuwa, der selbst ein guter 470er-Segler war und in dieser Klasse als Hersteller einen weltweiten Marktanteil von gut siebzig Prozent hat.

Wie ein Quiz

Manches ist nur schwer erklärbar, manches muss auch gar nicht erklärt werden. "Wenn du schnell bist, hinterfragst du das nicht", sagt Delle Karth. "Dann denkst du, du hast das Segeln erfunden, da kannst du sogar Fehler machen, und es fällt dir nicht einmal auf." Die Ursachenforschung beginnt erst, wenn ein Boot plötzlich langsamer wird, es nicht mehr nach Wunsch läuft. Dann geht man die einzelnen Faktoren durch.

Delle Karth würde zunächst bei sich selbst und bei seinem Segelpartner beginnen, sich fragen: "Passt unser Gewicht? Passt unsere Performance?" Dann würde er sich das Segel genauer ansehen. "Ist es auf dem Vorwindkurs langsamer oder auf der Kreuz?" Das lässt sich im Training feststellen, wenn man gleichzeitig mit einem anderen Boot lossegelt und vergleicht. Auch das Set-up kommt als Fehlerquelle infrage. "Ist der Mast richtig gebogen, ist er stark genug für die herrschende Windstärke und die Welle?"

Besonders wichtig ist die Dokumentation. Seit einigen Jahren führen Österreichs Segler ein "Trimmbuch". Da könnte Delle Karth beispielsweise nachlesen, mit welchem Set-up er im August 2014 bei bestimmten Bedingungen im Training in Rio besonders schnell gesegelt ist. Wenn nun beispielsweise am 18. August 2016, dem Tag des 49ers-Medal-Race, dieselben oder sehr ähnliche Bedingungen herrschen würden – Bingo! "Du brauchst einen Plan", sagt Nico Delle Karth. "Du brauchst Gefühl", sagt Florian Reichstädter. "Und", sagen beide, "du brauchst viel Glück." (Fritz Neumann, 12.8.2016)

  • Matthias Schmid (links) und Florian Reichstädter dürfen nicht erst dann reagieren, wenn sich der Wind ändert. Das ist nicht nur in ihrer 470er-Klasse so.
    foto: apa/expa/groder

    Matthias Schmid (links) und Florian Reichstädter dürfen nicht erst dann reagieren, wenn sich der Wind ändert. Das ist nicht nur in ihrer 470er-Klasse so.

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