US-Wahlkampf: Der Mythos von Trump 2.0

Kommentar12. August 2016, 17:08
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Es steht fest: Donald Trump kann nur Donald Trump spielen

Für die Republikaner muss es sich anfühlen, als säßen sie in einem Zug, der auf eine Klippe zurast. Aussteigen können sie nicht, und der Lokführer bremst nicht, weil er gerade via Twitter sein nächstes Opfer beschimpft. Sie sind Gefangene eines Kandidaten, mit dem sie sich gerade erst mühsam arrangiert haben, nachdem sie ihn nicht verhindern konnten. Bleibt es so (natürlich ist es viel zu früh, dies zu prognostizieren), steuern die US-Konservativen im November auf eine demütigende Niederlage zu.

Wäre es nach seinen Beratern gegangen, würde Donald Trump den Schalter umlegen. Er würde sich um eine seriösere Note bemühen, sich auf die politische Mitte zubewegen. Er würde potenziellen Wählern zeigen wollen, dass es auch den Staatsmann Trump gibt. Für einen Tag sah es so aus, als sollte ihm der Neustart gelingen: Am Montag hielt er eine Rede über seine Wirtschaftspolitik – und wie immer man deren Inhalt beurteilen mag: Es war eine Rede, die er diszipliniert vom Teleprompter ablas, ohne in plötzlicher Eingebung verbal aus der Hüfte zu schießen.

Dann folgte der Rest der Woche, und der Kandidat bewies, dass all das Gerede von "Trump 2.0", dem Weichgespülten, nur Wunschdenken ist: Trump stachelte Waffenbesitzer zur Revolte gegen Hillary Clinton an und nannte Barack Obama den Gründer der IS-Miliz. Es steht fest: Donald Trump kann nur Donald Trump spielen.

Lange Zeit ist er damit nicht schlecht gefahren: Mit einer Sprache, die sich anhört, als wollte sie das Korsett der Political Correctness verhöhnen, ist es ihm gelungen, sich als Rächer der Entrechteten aufzuspielen. Gerade weil er auf sämtliche Regeln pfiff, wurde Trump zum Rachefürsten all jener, die sich vom politischen Establishment weder verstanden noch vertreten fühlen. Daran wird sich nichts ändern: Trumps glühendste Anhänger lassen sich auch durch gröbste Ausfälle nicht schrecken. Im Gegenteil, sie bewundern ihn eher noch mehr.

Nur lässt sich auf diese Weise keine Präsidentschaftswahl gewinnen: Zwar wird der Milliardär nach wie vor bei der frustrierten weißen Arbeiterschaft punkten, doch schon bei den Weißen mit College-Abschluss verliert er an Boden. Und bei den Afroamerikanern und Hispanics ist er ohnehin chancenlos. Dabei hatten die Republikaner 2016 zum Jahr der Wende erklärt. Und warum auch nicht? In der US-Geschichte hat es Seltenheitswert, dass eine Partei, die zwei Amtszeiten lang den Präsidenten stellt, eine dritte anhängen kann. Der Letzte war George Bush senior, der 1989 Ronald Reagan ablöste. Bei einer Konstellation "Kontinuität versus Wandel" hat der Kandidat des Wechsels in einem Land mit so ausgeprägter Dynamik und so ausgeprägter Ungeduld allemal die besseren Karten.

Und Clinton? Sie entfacht keine Begeisterungsstürme, sie ist nur unwesentlich populärer als Trump. Gewinnt sie das Votum, dann deshalb, weil die Wähler in ihr das kleinere Übel sehen. Sie ist eine berechenbare Größe im Vergleich zu einem, der die Bremse einfach nicht finden kann. (Frank Herrmann, 12.8.2016)

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