"The Get Down": Wo es ordentlich krachte

13. August 2016, 17:00
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Die Geburtsstunde des Hip-Hop verarbeitet Baz Luhrmann in vorerst sechs Folgen auf Netflix zu einem rasenden, letztlich zu lauten Zirkusstück

Wer die Filme von Baz Luhrmann kennt, weiß: Er hat es gern laut und knallig. Genau, der Mann ist nicht für leise Töne. Ein Screening für Journalisten – für gewöhnlich nüchterne Arbeitstermine – wird mit dem Livegitarristen Michael Kiwanuka eingeleitet, Luhrmann begrüßt jeden Einzelnen persönlich und mit Handschlag, es geht schließlich nicht um irgendetwas.

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Konkret: Es gilt die erste Serie Luhrmanns zu bewerben. Und es wäre nicht der Regisseur von William Shakespeares Romeo und Julia (1996), Moulin Rouge (2001), Australia (2008) und Der große Gatsby (2013), wenn es nicht auch in den ersten sechs Folgen der Netflix-Serie The Get Down ordentlich krachen würde.

Die Idee habe er vor zehn Jahren gehabt, sagt Luhrmann in London. "Ich wollte verstehen, wie dieses Hip-Hop-Ding in einer kaputten Stadt entstehen konnte."

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Nur so: South Bronx, 1977 – das sind die Zonen, in die es Don Draper, den ewig strauchelnden Blender aus Mad Men, stets hinzog, in ein explosives, aber auch kreatives Paralleluniversum. New York ist in jener Zeit am Ende seiner Kräfte, die Bronx liegt in Schutt und Asche, wirkt wie Kriegsgebiet. Am Abgrund befindet sich auch die schwarze Jugendkultur. Thelma Houstons Don't Leave Me This Way schält sich über die Tanzfläche, Rock käselt vor sich hin, Elvis ist tot. Zeit für Neues, Baby!

Gut im Reimen

Hier kommt Ezekiel (Justice Smith) ins Spiel. Der junge Afroamerikaner ist gut im Reimen, zieht durch die Clubs, begleitet von seinem himmlischen, aber vom Vater drakonisch behüteten Mädchen Mylene (Herizen Guardiola), einem akrobatischen Häuserkletterer (Shameik Moore) und einem wendigen Graffitikünstler, gespielt von Jaden Smith, dem 18-jährigen Spross von Will Smith.

foto: netflix

"Die Geschichten sind erfunden, basieren aber auf Fakten und intensiver Recherche", sagt Luhrmann, der in der ersten Folge Regie führte. Namhafte Größen aus der Hip-Hop-Szene wurden an Bord geholt, Kurtis Blow, DJ Kool Herc, Afrika Bambaataa berieten, Grandmaster Flash, Nas und der Musikjournalist Nelson George produzierten. Er erinnert sich an die Geburt des Hip-Hop: "Es war eine andere Sprache. Die Erwachsenen dachten, es sei ein Witz."

foto: apa / afp / angela weiss

Luhrmanns Frau Catherine Martin, die als Chefdesignerin Scharen an Stylisten, Ausstattern, Visagisten und Choreografen in die flippige Zirkusshow führte, reizte die Mode: "Es war wie bei Coco Chanel, die es schaffte, mit wenigem Besonderes zu kreieren. In der Bronx wurden Trainingsanzüge Teil der Extravaganza."

Gedreht wurde an Originalschauplätzen und in East New York, das heute eher die sozialen Brennpunkte der Stadt birgt. The Get Down ist ein hysterisches Schaustück voll romantischer Überhöhungen und nostalgischer Rückgriffe auf schwarze Superhelden und Blaxploitation-Kult. Mit 120 Millionen Euro ist es angeblich die bisher teuerste Netflixserie.

foto: netflix

Luhrmann hat recht, wenn er Klischees fürchtet, denn die Idee von "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll" ist längst selbst Klischee. Allerdings erliegt der Australier seinem alten Laster: The Get Down hat zu viel und gleichzeitig zu wenig: Zu laut, zu grell, zu schnell sind die Szenen und haben doch zu wenig Geschichte und zu schale Figuren.

In eine ähnliche Falle ging dieses Jahr schon Martin Scorsese mit Vinyl über das Musikbusiness der 1970er. Eine zweite Staffel wird es bei HBO nicht geben. Ob sich eine solche für The Get Down ausgeht, wird entschieden. Netflix zeigt weitere sechs Folgen 2017.

Netflix geht in den Serien-Herbst mit Drogen, Töpfen, frechen Mädels

The Get Down ist einer der Höhepunkte im Serienjahr von Netflix. Freunde der Serie sehen aber auch so einem dichten Herbst im Angebot des Streamingdiensts entgegen:

Ungeduldig erwartet wird Narcos. Nach nur einer Staffel hat sich Wagner Moura als Drogenkönig Pablo Escobar Kultstatus erarbeitet.

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Ab 2. September. Selbentags erlaubt Chef's Table wieder Einblicke in den Gourmethimmel, diesmal in Frankreichs Spitzenküchen. Am 21. Oktober knüpft Black Mirror an die britische Mysteryserie von Channel 4 an: Unerklärliche Ereignisse schauerlich in Szene gesetzt.

Stundenlange Interviews haben Rod Blackhurst und Brian McGinn mit Amanda Knox geführt, die vor neun Jahren des Mordes angeklagt war und in einen Justizskandal geriet.

Werner Herzog reist ab 28. Oktober zu Vulkanen, Leonardo DiCaprio stand Pate für The Ivory Game über Elfenbeinjäger ab 4. November. Sentimentaler Serienstart des Monats ist die achte Staffel der Gilmore Girls ab 25. November. (Doris Priesching, 13.8.2016)

Die Reise nach London erfolgte auf Einladung von Netflix.

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