Ece Temelkuran: "Der schlechteste Zeitpunkt, die Türkei aufzugeben"

Interview14. August 2016, 09:00
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Die türkische Autorin gehört zu den kritischen Denkerinnen ihres Landes. Im Interview erklärt sie, dass die Bedeutung des Putschversuchs vom Westen unterschätzt werde

Wien – "Ein Psychiater hat der Türkei einmal diagnostiziert, Motivation entstehe in diesem Land nur unter Bedrohung." Das schreibt die türkische Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran in ihrem Buch Euphorie und Wehmut – Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (Hoffmann und Campe, 2015). Die Erdogan-Kritikerin – Temelkuran verlor bereits 2011 ihre Anstellung bei der Tageszeitung Habertürk – konnte nicht wissen, dass sich dieser Satz seit der Abwehr des Putschversuchs am 15. Juli noch einmal auf ungeahnte Weise bestätigt. Temelkurans essayistisches Buch befasst sich auf ebenso kluge wie engagierte Weise mit den Widersprüchen und politischen Verwerfungen, die die moderne Türkei seit ihrer Republiksgründung durchlaufen hat. Im Interview nimmt sie zu aktuellen Ereignissen Stellung.

STANDARD: Massenverhaftungen auf der einen Seite, Massenkundgebungen mit Erdogan und der Opposition auf der anderen: Wie stellt sich das sehr widersprüchliche Bild der Türkei für Sie gerade dar?

Temelkuran: Es ist selbst für uns schwierig mitzuhalten – und das, obwohl wir an bewegte Zeiten gewöhnt sind. Zunächst einmal gibt es nicht die eine Türkei, sondern viele davon in einem Land. Einerseits feiern die Massen den Sieg über den Putschversuch – der tatsächlich heldenhaft war -, andererseits gibt es Hunderttausende, die mit der Gülen-Bewegung verbunden sind und nun von ihren Jobs suspendiert wurden oder gar im Gefängnis landeten. Und dann gibt es jene, die die Gülen-Bewegung schon früher kritisiert haben und denen nun nur die Option bleibt, sich auf die Seite der politischen Autorität zu stellen. Im Westen übersieht man dabei, dass die Ereignisse für die türkische Bevölkerung traumatisch waren.

STANDARD: Erdogan hat sich u. a. in "Le Monde" darüber beschwert, von der EU alleingelassen zu werden. Teilt die kritische Zivilbevölkerung diese Einschätzung mit ihm?

Temelkuran: Ja. Dafür gibt es natürlich mehrere Gründe. Einer davon ist der Mangel an Wissen über die Gülen-Bewegung. Internationalen Medien ist zwar bewusst, dass es mit der Meinungsfreiheit in der Türkei nicht zum Besten steht und dass der Autoritarismus stärker wird. Aber ihnen ist nicht im gleichen Maße klar, dass die Gülen-Bewegung seit den 1970er-Jahren eines der Hauptprobleme in der Türkei ist. Die kritische Zivilbevölkerung weiß, dass die jetzige Periode die Demokratie gefährdet, aber ihr ist auch bewusst, dass es das Ende der Türkei bedeutet hätte, wenn der Putsch gelungen wäre.

STANDARD: In Ihrem Buch, das kritisch gegenüber Erdogan ist, nimmt die Gülen-Bewegung eher wenig Raum ein. Was ist zwischen den beiden Verbündeten überhaupt schiefgelaufen?

Temelkuran: Ich erwähne sie mehrmals, vor allem zeige ich auf, wie weit sie in der türkischen Geschichte zurückreicht. Ich zeige auf, wie sie das politische Klima in der Türkei geschaffen hat und selbst Linke und Liberale auf ihre Seite zog. Wenn man die Bewegung nicht unterstützt hat, konnte man aus dem intellektuellen Zirkel exkommuniziert werden. Die beiden Journalisten Ahmet Sik und Nedem Sener wurden aufgrund ihrer Arbeit über die Gülen-Bewegung inhaftiert – ich habe damals die Freiheitskampagne unterstützt. Es gibt so viele nicht genannten Sünden, intellektuelle Sünden, die jene Zeit erst hervorgebracht haben, durch die wir jetzt gehen.

STANDARD: Erdogans Säuberungspolitik erscheint dennoch unverhältnismäßig – es sind Menschen betroffen, die einfach nur Oppositionelle sind.

Temelkuran: Wenn wir über Verhältnismäßigkeit sprechen, dann muss Ihnen die Dimension des Putschversuchs und die Größe der Gülen-Bewegung klar sein. Stellen Sie sich ein unsichtbares Netzwerk einer extrem starken Gemeinschaft vor, die nicht nur in der Türkei operiert, sondern überall. Mir ist klar, dass dies wie Science-Fiction klingt, aber das ist ein Faktum. Ich bin mir sicher, dass man die Größe dieser Bewegung erkennen wird, wenn die Zeit kommt.

STANDARD: Das klingt fürwahr bedrohlich. Aber ist das Netzwerk der AKP nicht ähnlich international ausgerichtet, also eine Art Spiegelbild davon?

Temelkuran: Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass sowohl die AKP als auch die Gülen-Bewegung nicht nur auf ihre eigene Macht vertrauen konnten. Dies war von Anfang an eine internationale Angelegenheit. Denken Sie daran, dass das türkische Modell stets von der internationalen Gemeinschaft hervorgehoben wurde. Es war praktisch unmöglich, das Modell in internationalen intellektuellen Zirkeln zu kritisieren. Der Westen sollte sich an seine eigenen Fehler erinnern, die zum Wiedererstarken des Konservatismus der Region geführt haben. Die AKP und die Gülen-Bewegung wurden als magische Kur gegen den radikalen Islam erachtet: der marktfreundliche Islam. Ich wünschte, man würde die säkularen Kräfte nicht nur in der Türkei, sondern in der ganzen Region ernster nehmen.

STANDARD: Sie beschreiben die Türkei in Ihrem Buch als Brücke, die sich ständig neu ausrichtet. Wird sich Erdogan nun mehr in Richtung Putin orientieren?

Temelkuran: Die Brücke ist in Bewegung, der Boden wankt. Jede Generation ist aufs Neue mit "interessanten Zeiten" konfrontiert. Die gesamte Region wird neu strukturiert, die Türkei wird daran Anteil haben. Viele Leute aus dem Westen fragen mich jetzt, wie es sich in der Türkei anfühlt. Meine Antwort ist immer gleich: erschöpft. Seit den 50er-Jahren hieß es: "Die Türkei wird ein kleines Amerika". Wer weiß, vielleicht wird man uns bald erzählen, dass wir ein kleines Russland werden.

STANDARD: Österreich hat für einen Abbruch der EU-Aufnahmegespräche mit der Türkei plädiert. Wie reagieren Sie auf solche Ansagen?

Temelkuran: Als eine säkulare, unabhängige Autorin glaube ich natürlich, dass der Weg der Türkei in Richtung EU gehen muss. Es gibt die Sorge, dass die Stricke zwischen der Türkei und dem Westen schwächer werden. Das macht mich betroffen. Soweit ich das sehen kann, baut die Reaktion Europas vor allem darauf auf, dass die Regierung den Putschversuch als Hexenjagd nützt – wenn es nicht überhaupt ein inszeniertes Manöver war. Man macht da einen gewaltigen Fehler. Die EU durchlebt gerade ihre eigene Krise, dennoch ist es der schlechteste Zeitpunkt, die Türkei aufzugeben. Ich sage das nicht nur um der Türkei willen, sondern der ganzen Region wegen.

STANDARD: Wird der Flüchtlingsdeal mit der EU platzen?

Temelkuran: Ich bin keine geeignete Person für Realpolitik. Die humanitäre Frage wird man mit dem jetzigen Schema jedoch nicht lösen können. Sei es aus ökonomischer Not oder aufgrund der Desintegration – die EU hat ihre Macht, Standards für die restliche Welt vorzugeben, eingebüßt. Putin auf der einen, Trump auf der anderen Seite könnten diesem Planeten große Turbulenzen bringen. Die Büchse der Pandora ist in Syrien geöffnet worden. (Dominik Kamalzadeh, 14.8.2016)

Ece Temelkuran (43) ist eine türkische Juristin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Roman "Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann" ist im Atlantik-Verlag erschienen.

  • Die Schriftstellerin Ece Temelkuran plädiert dafür, dass die Türkei ihren Weg Richtung Europa fortsetzt.
    foto: nemo perier stefanovitch / opale / leemage / laif

    Die Schriftstellerin Ece Temelkuran plädiert dafür, dass die Türkei ihren Weg Richtung Europa fortsetzt.

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