Flüchtlinge auf Lesbos: Urlaubsinsel ohne Urlauber

14. August 2016, 12:00
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Der Tourismus ist drastisch eingebrochen. Einheimische wenden sich an einen Wohltätigkeitsverein, andere hoffen, dass der EU-Türkei-Deal nicht platzt

Wer in Skala Sikamineas zu Giannis Katakouzinos möchte, findet ihn an seinem Stammplatz im Schatten eines urwüchsigen Baums am Ende der Mole. Von hier aus hat der alte Fischer die Geschehnisse im Dorf, das aus nicht mehr als einem kleinen Fischerhafen und wenigen Häusern drum herum besteht, fest im Blick. Wer in welchem Café seinen Mokka trinkt, wann der fahrende Bäcker kommt oder ob schon wieder eines der Entenküken der Hafenkatze zum Opfer gefallen ist – an diesem strategisch gut gelegenen Platz entgeht ihm nichts.

Und diesen August, weiß der Grieche, läuft etwas ganz, ganz falsch. "Um diese Jahreszeit", erzählt Katakouzinos und zeigt in Richtung der leeren Tische gegenüber, "waren die Kaffeehäuser voll. Wer einen Platz wollte, musste warten, dass jemand anderer geht, und die Kellner kamen mit dem Servieren kaum hinterher."

Flüchtlinge im Hinterland

Das war, bevor im vergangenen Jahr die Flüchtlinge kamen und an den Küsten von Lesbos Chaos ausbrach. Die Behörden wurden auf kaltem Fuß erwischt. Es dauerte Monate, bis man ein Vorgehen fand, von dem alle profitierten: Die Ankommenden wurden direkt aus dem Wasser gerettet und in Erste-Hilfe-Stationen im Hinterland gebracht. Für die Touristen waren die Flüchtlinge ab dem Zeitpunkt nicht mehr sichtbar. Allerdings hatte da die Insel ihren Ruf schon weg, und auch die Tatsache, dass seit dem Deal mit der Türkei kaum noch Flüchtlinge in Griechenland ankommen, konnte die Situation nicht umkehren.

Giannis Katakouzinos stützt das Kinn auf seinem Gehstock ab. Er ist ein einfacher Mann, doch wie ein Wirtschaftskreislauf funktioniert, weiß er aus eigener Erfahrung. "Alle sind betroffen. Die Fischer können ihren Fang nicht verkaufen, und wenn sie ihn überhaupt loswerden, dann nur zu einem sehr niedrigen Preis." Er folgt mit dem Blick der vorbeieilenden Hafengans, einem Neuzugang am Ort. "Andererseits kann man den Tavernenbesitzern nicht verübeln, dass sie nicht einkaufen, sie haben ja keine Gäste."

"Tourismussektor so gut wie ausgelöscht"

Um mehr als 60 Prozent ist der Tourismus auf Lesbos heuer eingebrochen. Die griechischen Touristen bleiben wegen der Finanzkrise schon seit Jahren aus, nun fehlen auch diejenigen aus dem Ausland. Von den 35 Charterflügen, die bis zum vergangenen Jahr noch jede Woche am Flughafen von Lesbos landeten, kommen heuer nur zwölf. Immerhin, denn zu Beginn der Saison waren es nur acht. "Es ist eine Katastrophe", sagt Periklis Antoniou, Vorsitzender des örtlichen Hotelierverbands. "Der Tourismussektor der Insel ist so gut wie ausgelöscht."

Es ist eine Krise in der Krise. In einem Geschäft in Molyvos beugt sich Eleni Rapti über ein Regal mit handgefertigtem Schmuck. "Ich gehöre zu den Glücklichen, die heuer Vollzeit arbeiten." Viele ihrer Bekannten haben nur Arbeit für wenige Tage in der Woche und manchmal auch das nur halbtags, andere sind ganz ohne Arbeit. "Es ist zum Verzweifeln", sagt sie. Viele Geschäfte und Tavernen haben wegen der schlechten Saison gar nicht erst geöffnet. Wovon diese Menschen nun leben? "Wir sind eine kleine Gemeinschaft und helfen einander."

Da, wo die Not zu groß ist, um von den Nachbarn aufgefangen zu werden, springt der Wohltätigkeitsverein Agape ein. Möglichst ohne dass jemand etwas davon bemerkt, zahlt er Strom und Steuern, Arzt- und Medikamentenrechnungen für Hilfsbedürftige. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Familien, die sich an Agape wenden, fast verdoppelt.

Lebensmittel für 60 Familien

Inzwischen bitten Mitbürger um Hilfe, von denen niemand dachte, dass sie in Not sind, sagt Vereinsvorsitzende Maria Haralambous. "Die Menschen hier sind sehr stolz. Wenn einer bei uns anklopft, ist er am Ende seiner Möglichkeiten angelangt." Gerade erst haben sie in Molyvos Nahrungsmittel an 60 Familien verteilt.

Man richtet sich im Dorf auf einen schwierigen Herbst und einen noch schwierigeren Winter ein. "Mit einem Gewinn rechnet heuer niemand", sagt etwa Dimitris Tekes, der am Hafen von Molyvos ein Hotel betreibt. "Wir wären schon froh, wenn wir es schaffen, unsere Unkosten zu decken." Er sagt es und springt auf, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen. Von mehr als 15 Zimmern sind derzeit nur vier belegt, doch auch die wenigen Gäste, die da sind, wollen versorgt werden – so wie viele andere hat auch Dimitris Tekes heuer weniger Personal eingestellt. Die fehlenden Arbeitskräfte ersetzt er selbst: Er nimmt Bestellungen auf, serviert, bedient an der Bar, je nach Bedarf. Zu den gesunkenen Einnahmen kommen gestiegene Ausgaben. Letzten Herbst wurde die Mehrwertsteuer auf Übernachtungen und Restauration auf Betreiben der Geldgeber Griechenlands in einem ersten Schritt erhöht, in wenigen Monaten steht eine weitere Erhöhung an.

Hoffen auf den EU-Türkei-Deal

Die Gäste sollen natürlich nichts von ihren Sorgen merken, sagt Tekes. Doch wenn sie allein sind, fragen ihn seine Mitarbeiter oft, wie es weitergehen wird. Eine Antwort darauf hat er aber nicht. Wie alle auf der Insel hofft er, dass der türkische Präsident Tayyip Erdogan die Abmachung mit der EU nicht aufkündigt und dass die Lage ruhig bleibt. "Denn eine zweite Saison wie diese", sagt der Hotelier und lässt den Blick über die leeren Tische an der Hafenpromenade schweifen, "werden wir nicht durchstehen." (Alkyone Karamanolis aus Lesbos, 13.8.2016)

  • Einheimische und einer der wenigen Touristen fischen auf der griechischen Insel Lesbos. Viele Geschäfte und Tavernen haben wegen der schlechten Saison gar nicht erst geöffnet.
    foto: afp / louisa gouliamaki

    Einheimische und einer der wenigen Touristen fischen auf der griechischen Insel Lesbos. Viele Geschäfte und Tavernen haben wegen der schlechten Saison gar nicht erst geöffnet.

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