"No Man's Sky" im Test: Das Universum ist meins

15. August 2016, 11:00
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Ein grandioser Spielplatz der virtuellen Unendlichkeit mit viel Potenzial und wenig Abwechslung

So steht das weder auf der offiziellen Webseite noch auf Wikipedia, aber "No Man's Sky" ist ein Weltraumsimulationsüberlebensrollenspiel. Man schlüpft in den Anzug eines Raumfahrers und macht sich auf, fremde Planeten zu erkunden, neue Pflanzen und Lebewesen zu entdecken, Ressourcen abzubauen, Handel mit Aliens zu treiben und auch den einen oder anderen Konflikt mit Weltraumpiraten auszutragen. Ziel ist es, Technologien zu entwickeln und mit einem zunehmend stärkeren Raumschiff zum Mittelpunkt des Universums zu reisen und den Ursprung aller Ursprünge zu erschließen. Kleiner Spoiler: Es ist nicht Peter Molyneux.

Das britische Studio Hello Games hat hierfür mittels genialer Algorithmen einen computergenerierten Kosmos erschaffen, in dem es mit mehr als 18 Trillionen Planeten zumindest theoretisch mehr zu entdecken gibt, als es der Menschheit je gelingen könnte. Ein aufregender Spielplatz, der den Horizont des Mediums erweitert und gleichzeitig noch wie eine gigantische Baustelle wirkt. "No Man's Sky" ist überwältigend, faszinierend, fast schon stupide Monoton und ein Süchtigmacher der schlimmsten Sorte. Und eins ist es auch: Ziemlich einzigartig.

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Video: So spielt sich "No Man's Sky". Eine Einführung ins Raumfahrerleben.

Galaktische Zahlenspiele

Die technische Leistung dahinter sollte an dieser Stelle nicht geschmälert werden. Das kleine Team um Mastermind Sean Murray hat ein System aus mathematischen Formeln kreiert, das komplette Galaxien, Sonnensysteme, Planeten bis hin zu deren Pflanzen- und Tierwelt generieren kann. Die Atmosphäre, die einen Planeten umschließt, das vorherrschende Wetter, die kuriosen Lebewesen unter und über Wasser, jeder einzelne Felsbrocken und alle funkelnden Farben des Spektrums: Nichts davon wurde von Menschenhand zusammengesetzt und platziert. Ein komplett artifizielles Universum, das wie aus dem Zauberkasten eines Alchemisten funktioniert und im Stande ist, gar fabelhafte Fantasien zu generieren. Noch nicht so fabelhaft wie aus menschlicher Hand, doch schon sehr sehr fabelhaft.

Eine Errungenschaft mit grandiosen Implikationen: Wozu werden bloß die Computersysteme der Zukunft im Stande sein, wenn man 2016 ein ganzes Universum aus der Konserve zu haben gibt?

Mehr 99,9 Prozent Füllmaterial

In "No Man's Skys" Reise zum Mittelpunkt des Universums dient dieser Gigantismus zur Individualisierung der Spielerfahrung. Man teilt sich einen Kosmos, doch jeder Spieler startet auf einem anderen Planeten und wählt nach den Gesetzen des Zufalls eine Route, die kein anderer Spieler begehen wird. Das bedeutet auch, dass man mehr als 99,9 Prozent der Planeten niemals zu Gesicht bekommen wird, was jedoch absolut positiv gewertet werden sollte. Denn mit der virtuellen Unendlichkeit konfrontiert, haben wir auf diese Weise die Freiheit, auf jede Menge Füllmaterial zu verzichten. Man verpasst daher maximal das, woran man sich nachträglich sowieso nicht erinnern würde.

Wer es trotzdem darauf anlegen möchte, kann sich Anfangs im Tutorial dazu entscheiden, seine Reise komplett frei und ohne jegliche Orientierungshilfe anzutreten. Alternativ kann man der Atlas-Route folgen, die zumindest Ansatzweise eine Geschichte um eine gleichnamige, weit fortgeschrittene Spezies spinnt, oder gleich den kürzesten Weg zum Zentrum wählen.

Unendlich alleine

Zumindest zu Beginn lohnt es sich, zur Orientierung sich von Atlas anleiten zu lassen – ein späterer Wechsel auf einen anderen Pfad ist immer möglich. So oder so muss man sich als frischgebackener Raumfahrer auf einen überflüssig zähen Einstieg einstellen und darauf, in der Unendlichkeit auf sich allein gestellt zu sein. Alle Spieler sind zwar online miteinander verknüpft und wetteifern darum, bis dahin unbekannte Planeten und Lebewesen als erstes zu benennen und zu katalogisieren, gemeinsam oder gegeneinander spielen darf man jedoch nicht. Über den Weg laufen einem lediglich Außerirdische und eine Art übergeordnete Polizei (Sentinels) in Form von Drohnen, die einen auch schon einmal unter Beschuss nehmen, wenn man Tiere mit der Blaster-Kanone wildert oder Bäume ummäht.

Die Chance, dass man anderen Menschen live im Spiel begegnet, ist aufgrund der myriaden Schauplätze verschwindend gering. Um die Einsamkeit des Individuums zu ertragen, erinnert man sich am besten immer wieder daran, dass irgendwo am anderen Ende des Wurmlochs jemand anderer ebenso ganz furchtbar einsam ist. Zumindest traurig ist man dann gemeinsam.

Lasst den Grind beginnen

Bis zu dieser Erkenntnis ist man zunächst aber damit beschäftigt, das Kerngeschäft eines Weltraumreisenden zu lernen. Im All und vor allem auf den Planeten findet man Rohstoffe, die man als Treibstoff, zur Entwicklung von Technologien, zum Bau neuer Materialen oder schlicht zum Handeln mit Aliens abbauen kann. Alles, was man an sich trägt, und auch das Raumschiff verlangt ständig nach Ressourcen. Mit einem Laser bewaffnet, wird man so in kürzester Zeit zur gierigen Heuschrecke, die Oberflächen nach Plutonium, Zink, Gold und einen der dutzenden anderen Schätze abgräbt. Ein Konzept, das dank einer simplen, aber guten Mechanik (man schießt auf die gewünschte Ressource) einwandfrei funktioniert und das Tor zu einem bodenlosen Fass öffnet. Einmal in diesem Sog der Gier gefangen, trägt man bis vier Uhr in der Nacht seltene Erden ab und freut sich während dessen wie hypnotisiert auf den satten Gewinn, mit dem man sich dann endlich ein größeres Schiff kaufen darf, um noch mehr Rohstoffe transportieren zu können. Wir sind die Möwen in "Findet Nemo" – alles meins, meins, meins.

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Video: Montage zu "No Man's Sky"

Routinauten

Es befriedigt auf perverse Art und schrecklich ertraglose Weise, ein Händler der virtuellen Güter zu sein. Und doch ziseliert dieser endlose "Grind" alsbald den monotonen Unterton dieses Abenteuers heraus, der sich wie ein Ohrwurm in alle anderen spielerischen Aspekte gräbt. Werden beispielsweise mit der Aussicht auf immer neue Planeten Entdeckerträume geschürt, verkommt das Aufspüren und Katalogisieren von neuen Spezies eher früher als später zur Routine, um Units zu erhalten und Entdeckungen für sich zu beanspruchen. Gibt man den ersten erschlossenen Sonnensystemen, Dinosauriern und giftigen Pflanzen noch clevere Namen, um andere Spieler, die all dies vermutlich sowieso nie sehen werden, über die eigene Kreativität und Pionierarbeit zu informieren, ignoriert man spätestens nach der zwanzigsten unmöglichen Lebensform diese Funktion gänzlich und muss sich sogar noch daran erinnern, die Entdeckung wenigstens mit dem automatisierten Namen in die Online-Enzyklopädie hochzuladen.

Positiver betrachtet entwickelt sich "No Man's Sky" zunehmend in ein meditatives Erlebnis, das mit futuristischen Klängen und Elektromelodien die "Zenhaftigkeit" des Nichts einfängt. Auch mangels Vertonung der Dialoge eignet sich die Odyssee hervorragend als Begleitprogramm zum Dokuschauen – oder was immer Sie gerne nebenbei machen.

Und täglich grüßt der Korvax

Denn bei aller geometrischer Vielfalt, mystisch funkelnden Höhlen, dramatischen Schneestürmen und eindrucksvollen Tag/Nacht-Wechseln, wurde bei der eigentlichen Tätigkeit und dem Missionsplan nichts dem Zufall überlassen. Anstelle dessen findet man im Überflug auf den Planeten immerzu die gleichen Bodenstationen, Ruinen oder Funkmasten. In ersteren kann man mal durch die Beantwortung von Fragen, mal durch Rätsel, Blaupausen für neue Technologien erhalten, um etwa das Jetpack zu stärken, die Bordkanone am Schiff zu verbessern oder per Maske länger tauchen zu können. Bei den Ruinen verraten weise Steine neue Worte einer Aliensprache und Funkmasten zeigen unter anderem Absturzstellen von Raumschiffen an.

Gerade die repetitiven Rätsel enttäuschen mit mathematischer Einfallslosigkeit und immer die gleichen Gebäude aufsuchen zu müssen, entbehrt jeder Mystik. Den Sinn für Neugier dauerhaft wach zu halten, schafft vielleicht am besten das Sprachsystem. Jede Alienspezies, der man begegnet, spricht eine andere Sprache, die es zu erlernen gilt, will man beim Handeln kostbarer Gegenstände oder der Erledigung kleiner Gefälligkeiten im Dialogsystem nicht ständig im Dunkeln tappen. Mehr als das hundertste Gürteltier zu scannen, hat zumindest mich auf meiner Reise fasziniert, diese fremden Begleiter immer besser verstehen zu können. Gerade weil "No Man's Sky" fast ohne Geschichte auskommt, kommt so mit der Zeit ein wohliges Gefühl der Vertrautheit auf. Die Illusion wird greifbar.

Philosophiestunde für jedermann

Und diese Illusion ist mächtig. Im Cockpit seines Schiffes zu sitzen und von einer Raumstation in ein offenes Sonnensystem torpediert zu werden, ist atemberaubend. Die Distanzen sind so enorm, die Relationen zwischen dem ich und der Außenwelt so konkret, dass man zu begreifen vermag, wie winzig und nichtig man eigentlich ist. Und fliegt man einmal durch ein Wurmloch, fühlt man sich endgültig wie Captain Kirk. Das Universum von "No Man's Sky" hätte ich mir in der Schule zur Veranschaulichung im Physikunterricht gewünscht und zumindest als Denkanstoß in der Philosophiestunde. Könnte sein, dass sich künftige Schulklassen an dieser Powerpoint-Alternative erfreuen werden.

Ein großer Vorteil für die allgemeine Zugänglichkeit ist, dass man sich im Handumdrehen wie ein Fisch im Wasser fühlt. Egal, ob man mit dem Jetpack über Schluchten hüpft oder sich mit Piraten einen Dogfight im Asteroidengürtel liefert, die Steuerung grenzt, gestützt von praktischen Hilfen etwa zur Landung, kaum jemanden aus. Trotz Rollenspielanleihen von "Dark Souls", wonach man beim Ableben seine verlorene Beute am Unglücksort wieder einsammeln muss, ist "No Man's Sky" – auch dank eines fairen Auto-Speichersystems – ein weitgehend frustfreies Erlebnis. Eine Einfachheit, die einem erlaubt, sich auf die Entwicklung zu konzentrieren und zur Abwechslung nicht nur Händler zu sein, sondern auch einmal Überfälle auf Frachter zu starten. Wobei das anfangs noch nicht zu empfehlen ist. Wer einen Simulator sucht, wird mit Werken wie "Elite Dangerous" bestimmt glücklicher.

30 Millionen Units für die Enterprise

Spielerisch betrachtet, regen weniger die Möglichkeiten, das Spiel als Händler oder Frachtschiffe überfallender Pirat zu meistern, zum Denken an, als all das, was "No Man's Sky" (noch) nicht bietet. Bei myriaden grafischen Kombinationen ist den Entwicklern inhaltlich nicht mehr eingefallen, als Spieler zu den kapitalistischen Lösungsansätzen zu zwingen, denen sie vermutlich auch in der Realität schon folgen müssen. Die Motivation, immer mehr zu wollen und immer weiter zu kommen, ist im Umfeld übermenschlicher Wesen und Fähigkeiten eine geradezu banal vertane Chance. Willkommen im Universum der unbegrenzten Möglichkeiten: Mit nur 30 Millionen Units können Sie die Enterprise kaufen.

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Video: Der Flug durch ein Wurmloch.

Fazit

"No Man's Skys" Versäumnisse sind das unablässig im Hinterkopf pulsierende Paralleluniversum, auf das man hinter jedem neuen Mond insgeheim hofft. Denn in aktueller Form verkommt die größte Videospielwelt aller Zeiten schnell zur größten Anhäufung ungenutzter dunkler Materie. Monoton und einfallslos. Gleichzeitig offenbart sich so, welche enormen Möglichkeiten noch in diesem Spiel stecken. Dieser Kosmos ist gewaltig und großartig und sein Kern unbestreitbar faszinierend. Doch spätestens nachdem dann alle Gold- und Platinvorräte soweit abgebaut wurden, dass wir im heißesten Schlitten durch die Galaxie cruisen, ist es Zeit, die Leere mit frischen Ideen zu füllen. Kooperative Expeditionen, Mehrspielergefechte, Auswandern und Häuserl am Abgrund der Unendlichkeit bauen – was immer das Raumfahrerherz begehrt. Bis dahin heißt es: Das Universum ist meins. (Zsolt Wilhelm, 15.8.2016)

"No Man's Sky" ist für PS4 und Windows-PC erschienen. Ab 12 Jahren.

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No Man's Sky (Amazon)

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