Kulturminister trifft Schauspieler: "Im Theater werden wir bessere Menschen"

Interview mit Video14. August 2016, 12:00
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Kulturminister Thomas Drozda und Schauspieler Philipp Hochmair über Kunst, Mammon und Politik

Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) hatte die Eröffnung der Salzburger Festspiele hinter sich, Schauspieler Philipp Hochmair eine Aufführung seines Soloprogramms Werther! beim "Schwimmenden Salon" im Thermalbad Vöslau vor sich. Dazwischen blieb Zeit für ein 2+1-Sommergespräch im Hotel Daniel in Wien. Es ging unter anderem um die alten Leiden der Kulturfinanzierung, kathartische und glückstrunkene Momente im Theater, Kafka "unplugged" in Helmut Schmidts Wohnzimmer und Werner Faymanns Rücktritt als skurrilen "Vorstadtweiber"-Moment. Als Bonustrack gab Philipp Hochmair danach noch einen "Jedermann" für jedermann. Thema der Performance? Geld!

foto: heribert corn

STANDARD: Herr Minister Drozda hat bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele gesagt: "Das Absolute soll und wird immer den Künstlern vorbehalten bleiben." Dieser Absolutheitsanspruch wird für viele aber recht direkt eingeschränkt – "Jedermann"-Stichwort Mammon -, wenn das künstlerisch "Absolute" schlicht aus Geldgründen nicht machbar ist. Kennen Sie das?

Hochmair: Ich versuche bei meinen Monologen, mit denen ich durch die Welt toure, möglichst leicht und unkompliziert zu arbeiten, mit einfachen Mitteln Kunst zu machen. Nach dem Motto: David gegen Goliath. Mein künstlerischer Ausdruck wird nie am Geld scheitern, das ist mein absoluter Anspruch an mich selber.

STANDARD: Beim Geld sind wir schnell bei Ihnen, Herr Minister.

Drozda: Ja, für die Restriktionen scheine ich in dem Gespräch zuständig zu sein. Ich glaube, dass diese Beschränkungen gar nicht immer schlecht sind. Mit mehr Geld macht man nicht automatisch die besseren Produktionen. Genauso wie das Gegenteil nicht immer stimmt. Sie, Herr Hochmair, sind aus einer vermeintlich gesicherten Position im Burgtheater, wo Karriere und Kammerschauspieler vorgezeichnet waren, herausgegangen und haben sich einem Risiko ausgesetzt. Das ist etwas sehr Unösterreichisches. Bei uns geht's halt um den Amtsrat, den Oberamtsrat und den Ministerialrat, wogegen nichts zu sagen ist, aber ich bewundere Menschen, die sagen, ich mache etwas komplett anderes und verlasse das gesicherte Terrain. Es ist künstlerisch spannend, was sich daraus ergibt.

Hochmair: Produktionen wie Elfriede Jelineks Das Werk oder Faust I/II in Salzburg, die sehr teuer waren, wären ohne Geld nicht entstanden. Die waren wegweisend, die muss es auch geben. Aber man muss einen Mittelweg finden. Ich bin sehr froh, dass ich bei so großen Projekten mitmachen kann, halte mir aber trotzdem den Rücken frei mit meinen eigenen Produktionen, die mit sehr viel weniger auskommen. Ich habe in Wien sehr tolle Produktionen erlebt, aber da zu warten, bis ich pragmatisiert werde, war für mich kein Ziel.

derstandard.at
Making-of 2+1-Sommergespräch mit Thomas Drozda und Philipp Hochmair plus "Jedermann"-Solo für jedermann von Philipp Hochmair. Video: Gerald Zagler

STANDARD: Herr Minister, was sagen Sie Künstlerinnen und Künstlern, die oft in sehr prekären Verhältnissen arbeiten und sagen: Das Geld der staatlichen Kulturpolitik fließt vor allem in hochsubventionierte "Hochkulturstätten" statt in unabhängige, freie Produktionen?

Drozda: Natürlich sind die großen Institutionen wie Bundestheater und -museen gut finanziert. Es geht darum, das Kultur- und Kunstbudget Schritt für Schritt insgesamt zu erhöhen und nicht das eine gegen das andere auszuspielen. Am Ende leben auch die kleineren Bereiche davon, dass die größeren eine hohe Reputation haben, es lebt das ganze Land davon, dass es sich als Kunst- und Kulturnation definiert und im Ausland so wahrgenommen wird. Ich habe aber Nachholbedarf bei jungen Künstlern und den freien Gruppen geortet und darum die Stipendien deutlich erhöht, um 200 Euro pro Monat, bei Alleinerziehenden sind es 400 Euro mehr, und die Arbeitsateliers werden ausgebaut.

STANDARD: Was wünschen Sie sich von einem Kulturminister?

Hochmair: Dass er offen ist, dass er zuhört, dass er ins Theater geht und dass er Teil des Ganzen ist.

STANDARD: Warum sollen Politiker ins Theater gehen?

Hochmair: Jeder muss ins Theater gehen! Nicht nur Politiker. Theater ist gelebte Literatur, ausagierter Dialog. Für mich ist friedliche Konfliktlösung das Wichtigste im Leben und in der Welt. Im Theater kann man genau das exerzieren. Konfliktlösung, Krisenmanagement, in Krisen reingehen. Krisen er- und durchleben, das ist Theater. Katharsis.

Drozda: Im Theater werden wir im Idealfall bessere Menschen. Es erzählt jahrtausendealte Geschichten und lädt zur Reflexion ein. Ich stehe unter dem Eindruck vieler derartiger Momente der Katharsis, aber auch des absoluten Glücks im Theater, das man selten in anderen Lebenssituationen erlebt. Es gibt alle Höhen und Tiefen, insofern ist das eine fast existenzielle Erfahrung.

STANDARD: Herr Hochmair, Sie haben einmal im Wohnzimmer des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt Theater gespielt. Wie das?

Hochmair: Der Geschäftsführer des Thalia hat vorgeschlagen, als Dank, weil er ein großer Förderer war, bei ihm zu Hause zu spielen. Ich fand, Kafkas Amerika würde gut passen. Ich hatte 20 Minuten Zeit, mir aus seinem Wohnzimmer eine Bühne zu basteln, Bühnenlicht habe ich mit den Lichtschaltern selbst gemacht, mein Techniker hat ein bisschen Musik aufgelegt, und dann haben wir im kleinen Kreis quasi "unplugged" Theater gespielt. Die meisten Zuschauer haben dabei geraucht, das war toll.

STANDARD: Welches Stück würden Sie gern im Wohnzimmer sehen?

Drozda: Sicher Herrn Hochmair als Hamlet.

STANDARD: Und was würden Sie Herrn Drozda vorsetzen?

Hochmair: Vielleicht auch Amerika von Kafka. Das ist ein Flüchtlingsschicksal, ein Vertriebener, ein Heimatsuchender vor hundert Jahren, um vor Augen zu führen, dass das jetzt genauso passiert. Dass jemand, der in ein verheißungsvolles Land flieht und sich dort eine glorreiche Zukunft erhofft, und nur, nur scheitert, finde ich eine sehr zeitgemäße Geschichte.

foto: heribert corn

STANDARD: Apropos Flüchtlinge. Wie politisch soll Theater sein?

Drozda: Ich denke, Theater ist immer politisch, weil es von Menschen und Beziehungen erzählt. Shakespeare, der die politischsten Stücke überhaupt geschrieben hat, ist von einer Allgemeingültigkeit, die nach wie vor stimmt. Ich habe auch nichts dagegen, dass man aktuelle politische Bezüge herstellt, die Frage ist immer, wie interessant und schlüssig das gemacht ist. Ich bin kein Freund des vordergründig Politisierenden im Theater. Aber das ist wohl ein gewisser Konservatismus, den ich mir im Laufe der Jahrzehnte in Kenntnis hunderter Inszenierungen angeeignet habe.

STANDARD: In Hamburg hat der lettische Regisseur Alvis Hermanis am Thalia-Theater eine Regiearbeit zurückgelegt, weil er die Haltung des Theaters in der Flüchtlingsfrage nicht mittragen wollte. Wollen Sie mit Ihrer Arbeit auch eine politische Botschaft vermitteln?

Hochmair: Bei meinem Amerika-Monolog ergibt sich eine politische Assoziation, aber die ist nicht vordergründig hingezimmert. Der Hermanis-Konflikt ist, glaube ich, eine interne Sache. Ich kann mich dem nicht anschließen, denke aber, wenn man gute Literatur hat, wird es immer Assoziationsmöglichkeiten für tagespolitische Themen geben.

Drozda: Hermanis meine ich übrigens explizit nicht, da ging's um die Aktivitäten des Theaters für Flüchtlinge – und die fand ich gut. Ich habe auch in meiner früheren Funktion geschaut, dass wir eine von zehn Theaterwohnungen für eine Flüchtlingsfamilie zur Verfügung stellen. Ein Lehrerehepaar mit zwei Kindern, die von unseren Darstellern liebevoll umsorgt wurden, der Vater hat zuerst bei der Beleuchtung, dann als Bote bei uns gearbeitet, weil ich finde, dass Integration nicht primär in den großen Heimen stattfinden wird, sondern in einem überschaubaren sozialen Umfeld. Es ist aber Hermanis unbenommen zu sagen, er will sich da nicht beteiligen.

STANDARD: Darf oder muss Kunst auch politisch unkorrekt sein? Stichwort Freiheit der Kunst und ihre etwaigen Grenzen.

Drozda: Darf sie, soll sie und ist zu verteidigen. In Österreich ist sie verfassungsrechtlich garantiert. Grenzen? Natürlich gibt es gewisse juristische Schranken, die ausjudiziert sind.

Hochmair: In unserer immer pluralistischeren Gesellschaft gibt es große Kulturunterschiede, und da hat man natürlich Angst, Missverständnisse zu provozieren.

STANDARD: Wie gehen Sie mit dieser Situation um? Sicherheitshalber ein anderes Stück?

Hochmair: Ich würde nicht sicherheitshalber ein anderes Stück aussuchen. Das regt ja auch einen kreativen Prozess an, wie sich die Gefahren im Zeitalter des Terrors in den geschützten Kunstraum hineinbewegen.


foto: heribert corn

STANDARD: Herr Hochmair, Sie führen Goethes "Werther" seit 20 Jahren auf der ganzen Welt auf, darunter etwa in Sibirien und Kolumbien. Nehmen Sie da auch Adaptionen je nach Land vor?

Hochmair: Ich versuche meine Monologe in der Form möglichst offen zu halten, sodass ich sie immer an die lokalen Gegebenheiten anpassen kann. Es gefällt mir, den Werther als Energiefeld zu benutzen, um die Zuschauer zu provozieren und sie in ihren Sehgewohnheiten zu irritieren. In Sibirien habe ich zum Beispiel einmal mit einer aufgesetzten langen Nase politisch völlig unkorrekte Sätze gegen Putin gesagt.

Drozda: Ausgerechnet in Sibirien gegen Putin, eine interessante Versuchsanordnung ...

Hochmair: Da waren schon einige richtig sauer. Mein Anliegen ist immer, die Leute im Theater aufzuwecken und darauf hinzuweisen, dass alles im Moment passiert und auch gefährlich sein kann. Kunst ist dazu da, um einen anderen Blickpunkt auf sich und die Welt zu bekommen und zu zeigen, dass man seine Grenzen erweitern darf.

STANDARD: Eigentlich sitzen hier ja zwei Amtskollegen: der "echte" Kulturminister und der "Verkehrsminister" aus der ORF-Serie "Vorstadtweiber". Herr Drozda, Sie sind – auch durch Social Media – permanent unter Beobachtung. Fühlen Sie sich mitunter wie ein Schauspieler, der eine Rolle spielt?

Drozda: Im Grunde ist jede Funktion auch eine Rolle, und die will man glaubwürdig ausfüllen. Natürlich hat die Politik zunehmend mehr mit Inszenierung zu tun, das muss man einfach sagen. Das ist aber auch der Ökonomie der Aufmerksamkeit geschuldet.

STANDARD: Sie, Herr Hochmair, spielen in der Serie den intriganten, skrupellosen Minister Joachim Schnitzler. Entspricht das Ihrem Bild von der österreichischen Innenpolitik?

Hochmair: Es ist wirklich erstaunlich, wie oft die Vorstadtweiber die Realität abbilden. Als Werner Faymann am 9. Mai abgetreten ist, hat auch in der Serie durch einen Riesenzufall am selben Tag der Kanzler das Handtuch geworfen. Solche Koinzidenzen sind natürlich faszinierend. Das wurde Jahre zuvor geschrieben.

Drozda: Der Einzige, der's in der Hand gehabt hätte, wäre der Kanzler gewesen. (Lachen) (Lisa Nimmervoll, 13.8.2016)

ZU DEN PERSONEN

Thomas Drozda (51) studierte an der Uni Linz BWL und VWL, von 1993 bis 1998 wirtschaftspolitischer Berater der Kanzler Vranitzky und Klima (beide SPÖ), von 1998 bis 2008 kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters, ab 2008 geschäftsführender Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien, von 2007 bis 2014 ORF-Stiftungsrat. Seit Mai Minister für Kultur, Kunst, Verfassung und Medien.

Philipp Hochmair (42), Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und am Conservatoire National Superieur d'Art Dramatique in Paris. Von 2003 bis 2009 Ensemblemitglied des Burgtheaters, danach am Thalia-Theater Hamburg, seit 2015 freier Schauspieler, neben Theater, Kino- und TV-Filmen tourt er mit seinen Soloprojekten (Goethes Werther!, Jedermann reloaded, Amerika und Der Prozess von Franz Kafka). www.philipphochmair.com

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