Olympia: Beziehung und Aussehen stehen im Vordergrund

13. August 2016, 09:00
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Die Olympischen Spiele werden von sexistischen Sagern mancher Sportreporter gesäumt. Dabei würde es reichen, von den sportlichen Leistungen zu sprechen – auch jenen von Frauen

Zugegeben, es ist nichts Neues: Frauen auf ihren Körper zu reduzieren und diesen beständig zu kommentieren scheint derart selbstverständlich zu sein, dass es vielen nicht einmal mehr auffällt. Genauso wenig ist es neu, Frauen nicht als autonome Wesen wahrzunehmen, sondern permanent auf die Männer, mit denen sie in Beziehung stehen, zu verweisen. Umso mehr kommt dies zum Tragen, wenn diese Frauen Teil des medialen Interesses sind. So auch bei den Olympischen Spielen in Rio.

Anstatt über die sportliche Darbietung der Athletinnen zu sprechen, fokussieren einige Sportkommentatoren dieser Tage auf das Make-up der Spitzensportlerinnen, darauf, ob sie einen Bikini oder Hijab tragen, auf ihr Alter oder ihren Beziehungsstatus. Warum fällt es Reportern so schwer, einfach nur über Sport zu sprechen – immer dann, wenn es sich bei den Sportausübenden um Frauen handelt?

Einen Spiegel vorhalten

Wäre es vorstellbar, sofort nach einem eben erbrachten Weltrekord eines Spitzensportlers auf die Ehefrau und Trainerin zu schwenken und ihr die Leistung zuzuschreiben? Als die ungarische Schwimmerin Katinka Hosszú Gold auf 400 Meter holte, erklärt ein NBC-Reporter, dass es eigentlich ihr Ehemann und Trainer sei, der für den Medaillengewinn verantwortlich sei – nicht die Schwimmerin selbst, versteht sich.

Warum werden die sportlichen Darbietungen von Frauen so oft mit jenen von Männern verglichen? Die US-amerikanische Athletin Simone Biles, die als die beste Turnerin gilt, die es je gab, wird gerne als "Michael Jordan des Turnens" bezeichnet. Ist ihre Leistung so überragend, dass sie sogleich in ein männliches Referenzsystem gequetscht werden muss? Kann man sich den Vergleich auch umgekehrt vorstellen, wenn etwa von Cristiano Ronaldo als "Serena Williams des Fußballs" die Rede wäre? Klingt lächerlich. Ist es auch. Weshalb wird es dann bei Frauen so betrieben?

Oder wäre es denkbar, dass eine Zeitung nicht den Namen eines olympischen Medaillengewinners nennt, dafür aber auf die Verlobte des Athleten verweist? Umgekehrt leider schon. In der Schlagzeile des "Chicago Tribune" über den Medaillengewinn der US- Olympiasportlerin Corey Cogdell tauchte ihr Name nicht auf. Dafür aber ihr Beziehungsstatus. Sie wurde als Ehefrau eines Football-Spielers der Chicago Bears vorgestellt.

Wie absurd diese Form der Berichterstattung daherkommt, wird anhand umgekehrter sexueller Vorzeichen deutlich. Etwas in der Art hat die britische Plattform "The Tab" versucht. Hier wird der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, der US-Schwimmer und 26-fache Medaillengewinner Michael Phelps, dann nicht mehr namentlich genannt, sondern kommt nur noch als Verlobter von Nicole Johnson vor. Die Reduktion auf seine hautenge Badehose erscheint dabei konsequent.

Einfach über Sport reden

Um dem Unvermögen mancher Kommentatoren, sachlich über die Leistungen von Frauen zu berichten, ohne deren Körper zu sexualisieren oder männliche Vergleichsgrößen heranzuziehen, entgegenzuwirken, hat die britische Journalistin Lindy West im "Guardian" eine Checkliste für SportreporterInnen zusammengestellt: "Wie man über Olympionikinnen berichtet, ohne als regressiver Widerling rüberzukommen".

Ihre Empfehlung an die KollegInnenschaft: einfach den Sport kommentieren, den die Athletin ausübt. Und: über weibliche Leistungen so berichten wie über männliche. Dem jeweiligen Geschlecht nicht groß Beachtung schenken. Geschlecht sollte nur dann zum Thema gemacht werden, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, rät sie.

Die Aufmerksamkeitsökonomie der Olympischen Spiele könnte also genutzt werden, um über den Gender Pay Gap, die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern im Sport, zu sprechen – oder eben über die sexistische Berichterstattung zu Frauen im Sport. (Christine Tragler, 13.8.2016)

  • Die US-amerikanische Ausnahmeathletin Simone Biles wird oft mit Männern verglichen. Wäre das auch umgekehrt vorstellbar?
    foto: imago/fotoarena

    Die US-amerikanische Ausnahmeathletin Simone Biles wird oft mit Männern verglichen. Wäre das auch umgekehrt vorstellbar?

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