Genazino: Besuch in den Sprechstunden des Schmerzes

15. August 2016, 09:00
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Der neue Roman "Außer uns spricht niemand über uns" variiert alte Themen und macht einen etwas uninspirierten Eindruck

Wilhelm Genazinos Figuren kann man sich eigentlich nur als Gehende vorstellen. Dies allerdings nicht wie Rimbauds lyrisches Ich ungeduldig ausschreitend, vorwärtsstürmend, um wegzukommen, nach Paris, Aden oder Harar. Mehr erinnern die sich in Frankfurter Vororten herumtreibenden Protagonisten des 1943 in Mannheim geborenen Schriftstellers an die literarischen Geschöpfe Robert Walsers, jenes anderen auf Windsohlen gehenden Dichters.

Denn selbst wenn sie irgendwo stehen, sind Genazinos Figuren in Bewegung. Dann lauschen sie nach innen und hören das Echo von Eindrücken und Erinnerungen, die nicht zum Verstummen zu bringen sind. Ausgestattet sind sie mit der Fähigkeit, alles, was nicht ist, ebenso wichtig zu nehmen wie das tatsächlich Existierende. Kurz, es handelt sich um in feine Gespinste aus Eigenbeobachtung, Einbildung und Konjunktiven verstrickte Möglichkeitsmenschen.

Ob sie nun Abschaffel (aus der gleichnamigen Trilogie in den 1970er-Jahren), Warlich (Das Glück in glücksfernen Zeiten, 2009) oder einfach Reinhard wie im letzten Roman Bei Regen im Saal (2014) heißen, stets sind Genazinos Figuren Junggesellen im besten Alter für eine Midlife-Crisis, die mit einem Hang zur Entscheidungsschwäche kämpfen. Sie zweifeln und halten auch nicht unbedingt Aktien an der Spaßgesellschaft, dafür geht ihnen nämlich die "Selbstverschrottung der Welt" zu sehr auf die Nerven.

Alle leiden sie an früher Lebensermüdung und einer unbestimmten Sehnsucht. Fleißig werden die "Sprechstunden des Schmerzes" besucht, für feste Bindungen fehlt die Kraft, und der Unwille, ein nützliches Leben zu führen, wird in der zweiten Lebenshälfte nicht geringer. Dazu kommen erschwe-rend die erlebnislosen Berufe, in denen sie ihr Leben fristen, als Wäscherei-Fahrer, prekär beschäftigte Intellektuelle, Büroangestellte – oder als Redakteure.

Jonglieren mit Motiven

Genazino, der seit 40 Jahren im literarischen Geschäft ist, hat seinen Ton gefunden, und seit Jahren variiert er in seinen Prosawerken die immergleichen Motive. Oder besser gesagt, er jongliert mit ihnen und hält dabei erstaunlich viele Bälle in der Luft. Seine Bücher, die den Balanceakt über dem Abgrund des Am-Leben-Scheiterns thematisieren, haben etwas Federleichtes, das auch mit dem sanften Blick zu tun hat, den der Autor auf unsere Schwächen richtet, mit dem Alltagsstaub, der durch seine Bücher wirbelt, und einer genauen Wahrnehmung. Für all das ist Genazino bekannt, vielfach ausgezeichnet und geschätzt.

In seinem neuen, bleischweren Roman Außer uns spricht niemand über uns zündet Genazinos Themen- und Motivgemisch indes nicht. Die Geschichte, wobei es bei diesem Autor nie um Handlung, sondern um innere Prozesse geht, ist schnell erzählt: Auch in diesem Roman treffen wir auf einen (diesmal namenlosen) Ich-Erzähler. Auch er ist ein Frühermüdeter, der seinen Traum, Schauspieler zu werden, längst begraben hat. Er liest für den Hörfunk Romane ein oder moderiert Modeschauen. Ab und an spukt in seinem Kopf der Wunsch nach einem bedeutsamen Leben herum. Doch was soll das sein, ein bedeutsames Leben?

Er weiß es nicht, seine etwas jüngere Lebensgefährtin Carola, sie ist 35 und Telefonistin, auch nicht. Die beiden leben in getrennten Wohnungen, doch plötzlich fordert Carola eine Perspektive, die der Erzähler nicht leisten mag. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse, Carola hat eine Fehlgeburt, das Kind war wahrscheinlich von einem anderen, und es passiert noch Schlimmeres.

Bei alldem handelt es sich um eine vergangene Episode aus dem Leben des Erzählers, an die er sich erinnert. Völlig teilnahmslos, ja kalt schildert er die damaligen Ereignisse, die in einer beklemmenden Bettszene mit Carolas Mutter gipfeln. Seine Abgeklärtheit macht den Erzähler schwer erträglich. Was nicht schlimm wäre, würde er Konturen gewinnen und nicht wie in ein Planspiel hineingeworfen wirken. Zudem wird nicht klar, ob die von ihm eingenommene Distanz Selbstschutz ist, Gefühlskälte oder einem totalen Absturz geschuldet.

Die heftigste Form der Erinnerung sei die Sehnsucht, schrieb Genazino einmal. Letztere ist in diesem Roman, der von einer Frau und einem Mann handelt, denen auf dieser Welt nur schwer zu helfen ist, seltsam abwesend.

Statt des Flirrenden und Inspirierten vieler Genazino-Bücher hat dieser Roman etwas Mechanisches. Zu routiniert werden die alten, aus vielen seiner Romane bekannten Karten – grell ausgeleuchtete Paarungsszenen, Erinnerungen an Liebschaften mitsamt einer gewissen Vorliebe für Brüste, der mentale Niedergang der Gesellschaft, das Ringen mit kleinbürgerlicher Herkunft bei gleichzeitigem Wunsch nach Künstlerleben – ausgespielt.

In dem 2004 publizierten Text Der Schriftsteller und sein Preis hinterfragte Genazino die Verwertungsmechanismen des Literaturbetriebs und forderte von Autoren den Mut, auch gescheiterte Bücher, also "vom Band der Routine" gefallene Texte zu veröffentlichen. Diesen Mut hat er nun bewiesen. Doch es ist nicht ein neuer Genazino, den wir hier kennenlernen, sondern der wohlbekannte auf tieferem Niveau. (Stefan Gmünder, Album, 15.8.2016)

  • Ein vom "Band der Routine" gefallener Text: Wilhelm Genazino.
    foto: brigitte friedrich / sz-photo

    Ein vom "Band der Routine" gefallener Text: Wilhelm Genazino.


  • Wilhelm Genazino, "Außer uns spricht niemand über uns".  € 18,50 / 160 Seiten. Hanser, München 2016
    cover: hanser

    Wilhelm Genazino, "Außer uns spricht niemand über uns". € 18,50 / 160 Seiten. Hanser, München 2016

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